Schlagwörter

,

Window
Am dritten Tag in London merke ich, wie sich ein Wegrutschen ergibt, ein Kippen. Ich bin überhaupt nicht verbunden und verschließe mich wie eine Muschel. Ich spüre wieder zu deutlich, was ich auch im Frühjahr 2014 gespürt hatte, eine Härte, die ich nicht will, eine Kälte, die ich nicht suche, ein Aufgepeitscht sein von einem Tempo, das nicht meines ist.
Ich fühle mich wie jemand, die von ihrem Geliebten verlassen wird. Ich tue so, als wäre nichts und kann es doch nicht ignorieren. Ich fühle mich die ganze Zeit wie on the edge, als müßte ich gleich weinen.
London war jahrelang, seit ich es mit 18 Jahren das erste Mal in meine Arme schloß und mich nachhaltig verliebte, der Ort all meiner Träume und Sehnsüchte gewesen. Ich, ausgesprochen heimatlos, hatte immer gesagt: „I am 100% British by choice“. England war Zuhause, London war home. War ich dort, war ich selig.
From the bus
Doch mein London ist ein anderes. Erstens ist es Kensington und nicht Kennigton. Das ist schon mal das Eine. Nicht daß ich das so gewollt habe, aber so war es.
A-Z
Zweitens mal ist mein London das der 80er Jahre, mit all seiner Romantik und den schönen Läden und den schönen Dingen dort, dem Geruch nach Rosenseife und dem besonderen Zauber, den es heute längst verloren hat.
Evening
Was kann man schon kaufen, was es nicht auch woanders gibt? Und was will man überhaupt noch kaufen, wo man doch schon irgendwie alles hat? Was will man erfahren? Ich bin alleine, kenne niemanden, bleibe außen vor. Alleinsein ist durchaus gewollt, denn ich will unabhängig sein. Aber vielleicht wäre es doch schön, wenn jemand einen hinein ließe, irgendwo in ein Türchen und dann ist sie wieder da, die Romantik, die Magie von damals. Das hatte ich im Mai, aber ich habe die Türe doch zugeschlagen und bin weggerannt, fort von einem Traum, too good to be true, the honeycoloured skin, the memories of long lost love. Danach sah ich, daß „meinem“ Fuchs ein Bein fehlte. Und gleich ihm hinke auch ich durch die Stadt.
Near angel
Dies ist meine zehnte Reise nach London. Vielleicht sollte man die 9 nicht überschreiten, die magische Zahl, die geheime Grenze.
Ich bin hier, weil ich meinen magischen Geburtstag hier verbringen wollte, die 7×7, die Vollendung eines Zykluses. Jetzt zweifle ich, ob das richtig war, verirre mich mal wieder und bin mal wieder am Ende meiner Kraft.
Lost love
Körperlich eigentlich sowieso nicht zu solch einer tour de force mehr in der Lage (ernsthafte Rückenproblematik seit Kindertagen, mittlerweile dazu überaus schmerzhafte Knieprobleme), seelisch ohnehin zu dünnhäutig (hypersensitiv wie aus dem Lehrbuch) und geistig irgendwie verwirrt von dem, was das Leben verlangt, daß ich es mir eingestehe: Die Dinge wandeln sich. Dinge, die dir viel bedeutet haben, die dir ALLES bedeutet haben, können schal werden, falsch, nicht mehr passend. Das zu akzeptieren ist schmerzhaft, aber weise. Und zu sehen was bleibt, ist interessant und –wenn man sich nur tief genug einläßt- am Ende gar beglückend.
Und 2015 ist ohnehin das Jahr der Herausforderungen.
Do what you love
Und so trage ich kleine Regentropfen einer größeren Trauer zusammen, Dinge, die nicht stimmen, Dinge, die nicht passen. Innere Imbalance vom Außen gespiegelt. Mein Fuchs, mein Reisetotem, ist nirgendwo zu sehen. So laufe ich unbefuchst durch die Gegend und fühle mich ungeschützt. V., meine landlady meint es zu gut mit mir, erkennt meine Grenzen nicht, setzt mich unter Druck, ist zu mütterlich. Meine kleine Wohnung ist laut (neue Nachbarn?) geworden und fühlt sich nicht mehr rund an. Ich sehe in der ganzen Zeit kein einziges Tier vom Fenster aus, höre nur die Raben in den Bäumen und sie scheinen meiner eigenen Empörung Ausdruck zu verleihen, ich habe das Gefühl, als seien sie permanent über etwas wütend und nun meine aktuellen Verbündeten. Ständig verirre ich mich. Kein liebevoller Blick trifft mich. Ich hasse es, daß ich meine Haare schwarz gefärbt habe und finde plötzlich, daß mir das nicht steht. Sehe ich mich irgendwo im Spiegel, denke ich „Oh Gott“ und ich stelle fest, daß ich nicht mitsinge, wenn ich Musik höre. Musik überhaupt. Ich hungere nach guter Musik, aber in allen Läden läuft ein Popschrott, der unerträglich ist. Ich fange ständig an, London mit Berlin zu vergleichen. Und frage mich, warum ich nicht einfach nur zwei Stunden in den Süden gefahren bin, um nun relaxed und inspiriert durch meine Geburtstadt zu laufen? Als mich ein Mann anspricht, tue ich, als ob ich kein Englisch verstehe und denke dann: Wie weit bist du denn jetzt gesunken? Aber ich will nicht reden.
Ich weiß, daß ich irgendwas falsch mache, aber ich weiß nicht, wie man es richtig macht. Oder bin ich am falschen Ort?
Near Picadilly
Immer wieder das Gefühl, ich kann in dem Lärm nicht klar denken. Halte ich an, um Fotos zu machen, rempeln mich Leute an, weil ich ihnen im Weg bin. Mir fehlen die Berliner smalltalks, mir fehlt das gute Essen. Ich hasse es, wie teuer alles ist und daß es dann nicht mal besonders gut ist. Ich bin erschöpft und müde und spüre eine Erkältung heran nahen.
Abends liege ich auf meinem Bett, das neu ist und zu hart und schlafe um 21 Uhr ein. Aber nicht gut. Immerhin träume ich ein Haiku. Aber es ist seicht und sagt mir nichts.
Tate Britain Ich bekomme die glorreiche Idee, in die Tate Britain zu gehen, die nur 4 Bushaltestellen von meiner Wohnung entfernt liegt. Dort ist es sanft und gut und wie früher.
In der Kuppel befindet sich eine auditive Skulptur, Oswaldo Maciás „Something going on above my head“. Fünf Jahre lang hat der Künstler Vogelstimmen zusammen gesucht und dann daraus eine Klangkunstwerk entwickelt. Das macht sich in so einem Kuppelbau sehr schön und der Klang verwebt sich mit den Schritten und Stimmen der Besucher.
Something going on above my head

Wie gut es tut, irgendwo zu sein, wo Ruhe und Langsamkeit gewollt und geschätzt sind. Ich liebe auch, wie die Tate Britain liegt, so direkt am Fluß, mitten in den goldenen Platanen, das Gebäude ist auch so schön, viel schöner als die Tate modern.
Ach ja und meine vertrauten Bilder sind ja auch da. Ich sehe die Lady of Shalott und die ertrunkene Ophelia, all die vertrauten Werke. Und auch neue. Ich verbringe eine Weile mit ihnen und fühle mich besser.
Und dann hängt da plötzlich ein Turner. WUMP! macht es und ich pralle zurück. Was ist das denn? Ich bin gar kein Turner-Fan. Nicht unbedingt. War ich noch nie. Aber diesmal staune ich, denn das Bild („Queen Mab’s Cave“) strahlt eine derartige Energie aus, daß ich nur staunen kann. Zufall?

Ich beschließe dem nachzugehen, werde aber zunächst weitergetragen und lande aber zunächst bei Hockney und dann irgendwann bei Hackney, einem Frauen-Fotoprojekt, das mich fesselt: The Hackney Flashers.
Dort auch etwas, das ich damals zu meinen feminstischen Zeiten immer gesagt habe: Wo bleibt die Auseinandersetzung mit Menstruation in Kunst? Literatur? Film? Sie findet nicht statt. Hier findet sie statt, auf sehr großen Fotos. Beeindruckend (wenn auch in der hintersten Ecke der Tate).

Allerdings stelle ich fest, daß ich so viel nicht aufnehmen kann und beschränke die Sache, beschließe aber wiederzukommen.

Es ist wie immer, ich plane, folge dann aber meinem spontanen Gefühl. Das ist auch gut so und das ist auch der Grund, warum ich alleine reisen muß. Wem kann man das sonst zumuten?

Advertisements