Einundzwanzigster Tag im Mai 2022

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Neulich im Buchladen erinnerte mich der Blick auf die Arno Schmidt Biographie, die dort im Regal stand, daß ich diesem sehr interessanten, aber nicht leicht zugänglichen Autoren schon lange mal etwas näher kommen wollte.

Nein, die Biographie kaufte ich nicht, aber ich sah mir den Film über ihn („Mein Herz gehört dem Kopf“) noch mal an und suchte auf You Tube nach Dateien über ihn.

Ich fand zwei Sachen, die mich begeisterten. Das eine ist eine Lesung aus seinem unglaublichen Werk „Zettel’s Traum“, das mich sofort sehr inspirierte, wenn gleich ich auch arge Bedenken hege, denn nichts würde mich weniger interessieren, bzw. mehr abstoßen als ein Werk in dem ein alter Sack ein junges Mädchen begehrt. Ich empfinde wirklich nichts für Menschen, die einen gewissen Reifegrad erreicht haben und bei denen sich dennoch alles immer um Erotik (?) dreht, die alles auf so eine sexualisierte Weise betrachten. Mir völlig fremd und ein Gegenstand für Ärgernis, nichts worüber ich etwas lesen möchte. Deswegen habe ich das Werk von Schmidt auch so ziemlich von vorne herein für mich ausgeschlossen. Dennoch konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß seine Wortspiele genial sind und seine Texte mich inspirieren. Als begeisterte Leserin von Friederike Mayröcker habe ich gelernt, daß ich Bücher nicht unbedingt zur Gänze verstehen muß, um davon angetan zu sein.

Das zweite aber gehört mit zu dem schönsten, das ich in letzter Zeit gehört/gelesen habe, hier liest jemand aus „Juvenilia“, dem Buch, das ich mir daraufhin prompt gebraucht gekauft habe.

Schmidts Kindheitsbeschreibungen suchen ihres Gleichen, so poetisch, anrührend und besonders, daß ich mich gar nicht zu lassen weiß.

Arno Schmidt

Das verschaffte mir gestern einen schönen Moment, D. und ich kamen vom Einkaufen und ich fand ein Päckchen quer über unserem Landbriefkasten vor (hatte wohl nicht reingepaßt) (gut daß es da noch trocken war) und es war das Buch.

Vor dem Haus stehend, blieben wir noch einen Moment im Auto, die Sonne schien, der Wind wehte sanft durch unser beider geöffneten Türen, ich war dabei ein Mango Lassi zu trinken, D. aß eine Apfelecke. Ich schlug das Buch auf und suchte nach der Stelle, die mir neulich am besten gefallen hatte und begann vorzulesen und obwohl vollkommen jahreszeitenkonträr, ließ D. sich auch sofort von meiner Begeisterung anstecken:

„Der Vormittag verging im Anstaunen der unerschöpflich neuen Lufterscheinung; emsig und übermütig tollten die Weißröckchen durcheinander, und setzten sich mit baumelnden Silberbeinchen auf die winzigsten Ecken und Vorsprünge, bis man wirblig und sehnsüchtig wurde und sinnlos erregt vor hoffnungsloser Liebe zu den zierlichen Fremdchen.“

Vom Fischer und seiner Frau

Von einer Website, wo die Geschichte vom Fischer und seiner Frau auf Finnisch dargeboten wurde, mit dem Spruch:

„Timppi, timppi timpissä,
kampelainen meressä!
akkaseni Rikissa
pitää oman tahtonsa.“

(Was wohl der „Mantje, Mantje, tim pete“ sein sollte)

Zurück übersetzt ins Deutsche, ergibt das diesen herrlichen Spruch:

„Stunt, Stunt

Flunder im Ozean!

mein Kollege in Riki behalte seinen eigenen Willen. „

Das geht auch auf Russisch:

„Fisch, Fisch, kleiner Fisch,

Du Seeflunder!

Ich bitte dich um Frau

Gegen den Willen schickt mich!“

Eigenartig auch die ungarische Variante:

Tiki-Doppelkinn Klappe,

Hecht Koma, komm raus,

was ist ist nicht genug,

Die Frau will etwas anderes.

Und –oh Seltsamkeit- die türkische:

Kitty, Kitty, komm seitdem,

Geh nicht zurück.

Meine Frau hat mich geschickt

„Frag mich was!“ er sagte.

Vierzehnter Tag im Mai 2022

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Puzzle

Gestern hab ich mir ein Puzzle gekauft, nur 300 Teile, was meiner fehlenden Geduld und der Größe meines Tisches entgegenkommt.

Wie ich mich so dieser sehr beruhigenden Tätigkeit des passende Teile Suchens hingab, dachte ich sozusagen über meine Puzzle-Historie nach.

Das erste, was mir seltsamerweise dazu einfiel, bin ich, im Sommer 1976, 9 Jahre alt. Meine Eltern sind nach Kanada geflogen und haben mich vorher alleine in den Flieger nach Berlin gesetzt, wo ich unter den diversen Verwandten herum gereicht werde: erst an die eine Oma, dann an die andere, dann zur ersten Tante, dann zur zweiten.

Meine beiden Omas waren so unterschiedlich, wie man nur sein kann. Die Mutter meiner Mutter war eine herzliche Frau mit großem Hang zu Hand- und Gartenarbeiten, schon lange Witwe, kurzes Haar ohne die damals bei Senioren übliche Waschen-und-Legen-Frisur, stets in Hosen und Birkenstocksandalen, eine Frau, die fest daran glaubte, daß Kinder frei sein sollten, nicht andauernd diszipliniert, daß Lesen, Schreiben und Kunst einen hohen Stellenwert hat und Äußerlichkeiten unwichtig sind. Mich, das träumende, lesende, fantasievolle Kind hatte sie gerne, auch weil sie mich so selten hatte. Nun aber erhob auch die andere Oma Anspruch auf mich, die Stiefmutter meines Vaters und ganz anders. Für sie galt Äußeres alles, sie war immer schick gekleidet und akkurat zurechtgemacht. Kinder waren eher ein nervender Faktor und hatten vor allem eines zu sein: Wohlerzogen und gut gekleidet. Ich war beides und deswegen war sie meistens freundlich. Aber herzlich war sie nie. Herzlichkeit ging ihr ab.

Die beiden Frauen kannten sich, waren aber keine Freundinnen. Nun aber hatte Oma Elisabeth sich auf den Weg gemacht in den Wedding, um mich bei Oma Christa und Opa Alfred „abzugeben“, die mich auch für eine Zeit bei sich haben wollten.

Es gab Kaffee und Kuchen und meine Oma Christa nannte meine Oma Elisabeth immer „Lieschen“, was ich genauso grauenhaft fand, wie sie selber. Niemand anders nannte sie so.

Da die beiden keine gemeinsamen Themen hatten, glitten sie schnell in düstere Gespräche über all jene, die gestorben waren oder bald sterben würden. Dabei kamen sie auf eine Bekannte meiner Tante zu sprechen, deren Kind kürzlich an einer rätselhaften Krankheit gestorben war.

Der Ton meiner beiden Omas wurde leiser, dunkler, schwerer.

Zeit meines Lebens war ich das Kind, das still und versunken in einer Ecke spielte, scheinbar vollkommen außerhalb aller Vorgänge im Raum. In Wirklichkeit aber war ich wie ein großes Gefäß mit Antennen in alle Richtungen und nahm alles bis zur Schmerzhaftigkeit wahr, Stimmungen, Untertöne, Geflüstertes, Andeutungen, Atmosphären. Da ich aber nie auffiel, vergaßen Erwachsene, daß ich zuhörte und so hörte ich oft vieles, das nicht für Kinderohren bestimmt war.

Nun wurde die rätselhafte Krankheit eines mir unbekannten Kindes, das ein wenig jünger war als ich selber und bereits tot, in allen Details besprochen.

Meine Oma Elisabeth sagte: „Und plötzlich konnte das Kind nicht mehr puzzeln und ach was hatte sie schön gepuzzelt vorher, ne ganz Flinke war das, ne ganz Schlaue…Kein Puzzle war zu schwer. Und plötzlich ging das nicht mehr!“

Doch das war nur der Anfang des Horrors. Nach der Fähigkeit zu Puzzeln verlor dieses Kind nach und nach auch alle anderen Fähigkeiten: lesen, schreiben, rechnen, laufen, sprechen, essen…

Mir wurde eiskalt. Ich stellte mir vor, nicht mehr essen zu können, nicht mehr sprechen.

„Am Ende war sie wieder wie ein Baby…wie ein BABY! Und heute ist das Kind unter der Erde…“ Meine Oma schluchzte auf. Und die andere sagte: „Ach Gott, Lieschen, ja, ach Gott! Was es alles gibt!“

Unter der Erde…Schwere und Dunkelheit. Ich schrie auf und fing an zu weinen.

„Um Gottes Willen, Christa, wir haben viel zu schlimme Sachen erzählt!“ Ich wurde auf den Schoß genommen, beruhigt, gestreichelt.

Aber immer mußte ich an das arme Kind denken, das nun unter der Erde lag. Und alles hatte einmal mit dem Puzzeln angefangen.

Puzzeln können war wichtig im Hause meiner Oma. Sie machte selber gerne welche und wir Kinder, meine Cousinen und ich hatten unsere Kinderpuzzle. Man kniete auf dem Teppich und setzte einen Hund zusammen oder einen blühenden Baum. Ich liebte alle stillen, versunkenen Tätigkeiten und war mit Eifer dabei.

„Wie schön das Kind puzzelt!“ sagte meine Oma.

Später hatte ich zwei Schachteln mit je 3 kleinen Puzzeln, von denen jedes 150 Teile hatte. Eine Schachtel enthielt drei Hunde. Der Collie war mein Liebling. Immer wünschte ich mir einen Collie. Das andere waren drei technische Sachen: ein Kran, eine Straßenbahn, ein LKW. Auch das mochte ich seltsamerweise. Ich erinnere mich, daß ich auch noch mit 12 immer wieder diese Puzzle zusammen setzte.

Ich sehe mich förmlich noch, in meinem Souterrainzimmer (dem Spielzimmer, mein anderes, kleines Schlafzimmer war oben). Der Plattenspieler lief und spielte endlos meine damaligen Lieblingsplatten ab. Ich hockte auf der Matratze am Boden und legte zum 100000sten Mal die gelbe Straßenbahn zusammen, keinerlei Herausforderung, mehr so etwas wie eine Handarbeit, die den Gedanken gestattet zu wandern.

Die Schachtel, wenn man sie öffnet riecht noch genauso wie früher, stellte ich gestern fest, dieser Geruch, den nur Spiele haben. Aber warum um alles in der Welt, müssen Puzzle eigentlich immer alle solche Kitschmotive haben? (Muß man sich also selber Puzzle gestalten und sie anfertigen lassen?)

Was ich nie verstanden habe, sind aufgeklebte Puzzle. Ich hatte eine Freundin, deren Hobby, das sie mit ihrem Vater teilte, war das Puzzeln von riesigen Bildern mit 3000 Teilen und mehr. Wenn es fertig war, wurde es auf eine Sperrholzplatte aufgeklebt und an die Wand gehängt. Ich dachte: nun kann man es nie wieder machen. Ich fand das idiotisch. Finde ich noch heute. Vor allem, weil das gepuzzelte Bild doch durch die Struktur der einzelnen Teile überhaupt nicht gut zum Vorschein kommt.

Als S. kleiner war, hat sie ihre Puzzle oft umgedreht und sie quasi mit der Rückseite gemacht. Das hab ich auch nie verstanden, aber heute ist mir klar, daß das einfach ihrer Steinziegen-Natur entsprach: Das Schlichte ist das Schöne.

Das Einzige Puzzle, das ich niemals geschafft habe, war eins von MC Escher. Das ging gar nicht. Grau in grau und dann auch noch diese verdrehten Perspektiven.

Zehnter Tag im Mai 2022

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Ich bin mir bewußt, wie absolut merkwürdig das aussehen muß, wenn jemand vom Zug aus in unseren Garten blicken würde und mich sähe. Ich liege auf der Bank, in eine Decke gewickelt, nur meine Beine und Füße gucken raus, zwei beigefarbene Manschetten und Thrombosesocken. Sogar mein Kopf ist nicht zu sehen, denn ich habe mich gegen Wind und Sonne in die leichte Decke gehüllt und lese nun in dieser selbstgeschaffenen Höhle (per Kindle) nochmal in Knausgards „Lieben“ und zwar wieder mit großer Begeisterung.

Vermutlich denken Leute, die mich sehen, ich läge da als Leiche. Nun ja, mir fällt ein, daß mich ohnehin kaum jemand sehen kann, gigantische Fliederbüsche in drei Farben am Ende des Gartens schirmen mich ab.

Das Wetter ist extrem, Sturmwind bei 24°C, heiße Luft, schwer, schwülstige Gerüche, Raps, Flieder, blühende Bäume, nicht immer angenehm, der Himmel milchig, die Luft drückend.

Aber ich guter Dinge. Verbringe meine Zeit mit den üblichen Essensaktivitäten, also mehr der Zubereitung als des Essens selber, denn verschlungen ist ja immer alles schnell. Die gute Möhre-Süßkartoffel-Kokosmilch-Suppe, die leckeren Gemüse-Polenta-Bratlinge, das getoastete Maisbrot mit Schafskäse und veganem Tomatenaufstrich, alles selbstgemacht.

Während ich so liege und lese, fällt mir auf, daß meine beiden Beine, Bambalamb und Krake, ganz zahm und harmlos da liegen und nicht schmerzen, auch nicht geschwollen sind, aber leider heute abend wieder juckend und blutend kein schöner Anblick sein werden. Egal, das Gefühl, daß Beine wieder zu was taugen, entschädigt dafür. Mein Leben mit Synthetik. („Meine Schwester, die Poly Ester…“) Was man nicht alles so mit macht.

Das Buch „Die Vögel“ lese ich natürlich auch noch. Parallel-Lesen ist bei mir momentan fest verankerte Angewohnheit, gegen die ich nicht mehr kämpfe. Der vom gluten befreite Kopp funktioniert wieder wie früher. Ach herrlich ist das. Alles ist so klar. Geschärfter Verstand, fröhliches Gemüt und „an end to the tears and the in between years…“ (Poppy, dearest, erkennst du die Zeile?).

Die Vögel ist jedenfalls ein ganz unglaubliches Buch.

Der Übersetzer, auch der Espedal-Bücher, hat einen guten Job gemacht. Ich bin ganz erstaunt in ihm den sehr sympathischen Wort-Erklärer der Sendung „Karambolage“ wieder zu erkennen.

Siebter Tag im Mai 2022

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Heute war ein zauberhafter Tag. Morgens war ich mit D. einkaufen, ganz ordinär bei Rewe. Da wir beide alte Säcke sind, nehmen wir immer zwei Einkaufswagen, jeder einen und mißbrauchen sie als Rollatoren. Damit eiern wir dann so durch den Laden: Rotkönig und Zaunkehlchen (ein interner Witz, er hatte mal rote Haare, ich mit meiner kaputten Schildi bin das eingezäunte Kehlchen).

Vorgestern hatte meine Physiotherapeutin meine untere Rückenpartie behandelt (was ausgesprochen schmerzhaft war, aber hilfreich) und ich stellte fest, ich bin heute flott unterwegs.

Überhaupt nicht bereit den Rest des Tages Zuhause zu verbringen, überredete ich D. zu einem Kaffee im Café Central und einen Besuch im Buchladen in Rostock.

Gesagt, getan. Das Schöne ist, D. freut sich so sehr über meine wiedergewonnene Kraft, daß er immer bereit ist, mich zu unterstützen.

Da unser Durchfahrsort gesperrt ist, fuhren wir einen Umweg zwischen grell blühenden Rapsfeldern und holprigen Kopfsteinpflastern, an blühenden Bäumen vorbei bis zur Autobahn und sausten in die Hansestadt. Milde Luft, warme Sonne, die Fenster auf, herrlich.

Mir tat nichts weh, mein Herz jubelte, ich spürte den Fahrtwind im Haar und sah meine wieder kugelrunden Augen im Seitenspiegel. Was habe ich sie vermißt! Endlich gucken mich nicht mehr zwei müde Schlitze an.

In Rostock kriegten wir einen guten Parkplatz und fanden ein Eckchen in dem vollkommen überfüllten Café. Vom „Godshot“ verwöhnt, fanden wir den Kaffee zweitklassig und viel zu teuer, aber das tat unserer Laune keinen Abbruch.

Danach gingen wir zum Buchladen. Und ich konnte noch besser laufen als vorige Woche in Berlin. Was für ein Gefühl.

Im Buchladen dann wollte ich eigentlich in weitere Espedals und Knausgards reinlesen, blieb aber an einem weiteren norwegischen Buch hängen: „Die Vögel“. Ich las die ersten drei Seiten und verliebte mich sofort in die Figuren. Ein bezauberndes Buch, ganz weich und wundersam, ganz berührend.

Das andere Buch interessierte mich wegen der ungewöhnlichen Geschichte: eine Frau, die mit ihrer Familie niemals das Haus verläßt…

Happy Book Saturday

Ich kaufte Postkarten, ich nahm Gratismaterial mit und ich ging ALLEINE in den Laden. Ich ging. Ich stand. Ich setzte mich auf einen Stuhl. Ich stand wieder auf. Nichts schmerzte. Ich war im siebten Himmel. Ich wußte, ich werde es nun schaffen. Ich werde irgendwann wieder normal laufen können. Vielleicht nur kleine Strecken, aber es wird wieder gehen. ICH werde wieder gehen.

Am Stadthafen schließlich stand ich am Wasser und atmete die schöne frische Meeresluft. Ich hätte schreien können vor Glück. Ich stand noch immer. Und es erschöpfte mich nicht.

Da fiel mein Blick auf den Namen des Bootes vor mir: Advance. Oh YES. You bet!

Advance

Sechster Tag im Mai 2022

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Dänemark. Immer wenn wir dort sind, ist meine Mutter glücklich. Die Länder des Nordens, das ist so ihres. Die schlichte, solide Einrichtung der Ferienhäuser, skandinavisches Design. Ich mag das auch. Ich mag auch das Licht dort und natürlich das Meer. Die Strände sind lang und sauber und voll mit bewachsenen Dünen und schönem Sand. Ich spiele endlos. Alles ist einfach und freundlich. Auf gute Weise einfach.

Wir fahren immer wieder dort hin.

Unser erstes Häuschen hieß „Tot“. Meine Eltern mieteten es dennoch oder gerade weil? Tot heißt auf dänisch „Knirps“. Es ist winzig klein, hat nur einen Raum und einen Schlafboden. Mir ist das egal. Wie Zuhause habe ich oft Bauchweh und werde auf dem Sofa hingelegt, um mich das schützende kleine Holzhaus, direkt neben mir Bücher und mein kleines rotes Köfferchen mit Stiften und Spielzeug, das immer überall mit muß.

Später werden die Häuser größer, wie unser geliebtes „Atlantik Hummelgaarden“, warum ein Haus an der Nordsee „Atlantik“ heißt, weiß ich nicht, aber es ist Teil der Magie.

"Atlantic"

Alles was skandinavisch ist, ist gut. Meine Mutter blüht förmlich auf, nie habe ich sie so freundlich erlebt. Jeden Tag fährt man an den Strand und kann endlos zwischen den Dünen spielen und buddeln und wenn das Wetter es zuläßt auch schwimmen.

Beim Købmand hole ich mir jeden Tag ein Eis, eine braune Waffel mit innen Vanille, die mein Vater Hundekuchen nennt, die er aber dennoch mag. Mange tak for ingenting. Das weiß mein Vater zu berichten, das ist natürlich von Kempowski. So sagt man im Laden, wenn man nichts kauft, angeblich. Als ich es einmal ausprobiere, reagiert niemand.

Tak aber sagen die dänischen Vermieter meinen Eltern etwa 2000 mal, als wir abreisen und wir sagen auch tak. Tak und mange tak.

Ich lerne fleißig dänische Wörter, mein geliebter Buko heißt fløde ost, Sahnekäse. Das fløde finde ich besonders witzig und schön. Zu trinken gibt es Tuborg Squash und am Hafen schmecken die Pommes so wahnsinnig gut.

Meine Eltern kaufen Bernstein und klagen über die Preise für Butter. Wir fahren herum. An Legoland kann ich mich seltsamerweise kaum erinnern, obwohl ich Lego liebe. Aber das hat weniger Eindruck gemacht als das Alltägliche: Westerhavet (die Nordsee), der Strand, die Dünen.

Wir fahren immer wieder nach Dänemark, bis weit in mein Teenager-Dasein hinein.

Meine Eltern kaufen Möbel, meine Mutter kauft voller Begeisterung den Wishbone Chair, 6 Stück davon, nach ihrem Tod hat mein Bruder sie sich alle eingesackt.

Skandinavisches Design bleibt aber mein ständiger Begleiter. Ich weiß oft nicht, ob ich es aus mir selbst heraus schön finde oder weil ich so geprägt bin oder weil es mich an selige Kindheitstage erinnert.

Und da sich manche Dinge nicht ändern, sind wir begeistert, wie schön sich unser erster Urlaub mit der damals dreijährigen S. sich gestaltete. Ein wunderschönes Haus und der Strand noch genauso weit und sauber wie in meiner Kindheit.

Denmark 2006
Denmark 2006

Früher rief mein Vater immer beim Købmand an und fragte, ob was frei sei. Der antwortete dann in herrlichem Deutsch: „Komme Sie her, hier is alles fri!“

Man fuhr also hin, ging zum Købmand und der gab einem vier verschiedene Schlüssel und Wegbeschreibungen. Wir suchten uns dann das passende Haus aus. Das war einfach herrlich.

Heute sucht man sich die Häuser aus dem Internet. Früher, in den 70er, 80er Jahren waren sie sehr basic. Die Betten waren schmal und einzeln, die Dusche war ein Witz, oft gab es Silberfische oder Schimmel. Aber das große Hyggelige machte alles wieder wett, der Holzofen, die großzügigen Couchen, die Holzvertäfelung, die freundlichen Kiefernwälder um die Grundstücke, Schaukeln, Sandkasten, Feuerstellen, Saunas und hübsches Geschirr.

Heute sind die Häuser teilweise luxuriös mit Whirlpool und allem drum und dran.

Wir fahren in drei Wochen. Ich freue mich riesig. Unser Haus ist klein, aber freundlich und verfügt über eine Terrasse, die nur zu einer Seite offen ist, was bei kühlerem Wetter gut sein kann. Da sehe ich mich schon am Tisch sitzen und lesen und schreiben. Falls das Wetter gut ist, gibt es auf der anderen Seite noch einen Tisch.

Eigentlich hatten wir ja erst für den Herbst gebucht, nun habe ich aber vorher noch etwas gefunden und so wird dieser Sommer von zwei Dänemarkbesuchen eingerahmt. Wer weiß, was im Herbst wieder ist, neue Coronawelle oder noch schlimmere Spritpreise oder mir geht es wieder schlechter (da seien die Götter vor!)….

Vierter Tag im Mai 2022

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Gestern habe ich mein erstes Buch von Tomas Espedal ausgelesen: „Wider die Kunst“. Empfohlen wurde mir das Buch im Sommer 2017 von einem Buchhändler. Damals hatte ich gerade alle Bände von Knausgards „Min kamp“ gelesen und so lag die Empfehlung nahe. Ich habe lange gebraucht um dem nachzugehen, schade eigentlich, denn der Autor ist eine lohnende Entdeckung.

Reading now

Anders als bei Knausgard führen uns seine Bücher nicht nur in die banale Alltagswelt, sondern auch darüber hinaus in etwas Poetisches, beinah Surreales. Sein Schreibstil ist fantastisch. Da ist so viel Schmerz, Wut, aber auch Zärtlichkeit und Achtsamkeit in seinen Texten.

Und sogar Peter Handke kommt darin vor (er träumt ihn in seiner Niemandsbucht zu besuchen) und Doris Lessings „Martha Quest“, über das er schreibt, er habe es als Jugendlicher gelesen und sofort ein junges Mädchen sein wollen, das sich gegen die eigene Mutter auflehnt.

Der Morgenstern

Knausgards neues Buch „Der Morgenstern“ habe ich in Berlin angelesen und da war ich auch schon nach der ersten Seite wieder bereit ihm in sein Universum zu folgen. Seltsamerweise gibt es ein Buch von ihm, das nie übersetzt wurde, „Fuglene under himmelen“, das ich gerne lesen würde (warum enthält man uns das vor?). Dabei stelle ich fest, daß Norwegisch überhaupt nicht schwer zu verstehen ist, eher noch als Dänisch oder Schwedisch (oder Finnisch- wo gar nix erkennbar ist).

Ein kleiner Auszug aus dem Buch macht mich ganz neugierig.

Gresset var fuktig av dogg, og i skyggene var luften fortsatt skarp. Bøen lyste friskt grønt mot det blå havet av luft.
Jeg klødde meg på leggen og lukket øynene mot sola. Da jeg åpnet dem igjen, så jeg en liten spurv gli gjennom luften fra den høye bjørka og ned på en av greinene i epletreet. Den gjorde en liten ekstra sving før den landet, som om den frydet seg.
Noen gamle ord dukket opp i bevissheten.
Liljen på marken og fuglen under himmelen.
Lenge hadde jeg trodd at setningen stod i Bibelen, i fjellpreken. Men det gjorde den ikke . Liljen fantes der, og fuglen fantes der, men det var  Kierkegaard som førte dem sammen.
Det var en av de fineste setningene jeg visste om.

Das Gras war feucht vom Tau, und in den Schatten war die Luft noch scharf. Der Bug leuchtete frisch grün vor dem blauen Luftmeer.

Ich kratzte mich am Bein und schloss meine Augen vor der Sonne. Als ich sie wieder öffnete, sah ich einen kleinen Spatz, der von der hohen Birke durch die Luft glitt und auf einen der Äste des Apfelbaums herabglitt. Es machte vor der Landung eine kleine Extradrehung, als würde es sich freuen.

Einige alte Wörter tauchten im Bewusstsein auf.

Die Lilie im Feld und der Vogel unter dem Himmel.

Ich hatte lange geglaubt, der Satz stehe in der Bibel, in der Bergpredigt. Aber das tat es nicht. Die Lilie war da, und der Vogel war da, aber es war Kierkegaard, der sie zusammengebracht hat.

Das war einer der schönsten Sätze, die ich kannte.

Hier kann man noch mehr Norwegisch hören und die beiden auch sehen. Was sie da vorlesen finde ich auch schon wieder so berührend, daß ich Lust auf beide Bücher habe.

Das ich wieder richtig lesen kann ist wirklich ein Geschenk des Himmels. So INTENSIV habe ich seit Jahren nicht gelesen.

Davon angefixt haben D. und ich uns gestern mit dem Gedanken befaßt: wie weit ist es eigentlich nach Norwegen und kommt man da ohne Fähre hin? Das geht tatsächlich über drei Brücken. Den Rest des Tages verbrachten wir mit Reiseträumen, was wunderbar war. Da wir im Herbst ohnehin in Dänemark sind, beschlossen wir einen Abstecher nach Kopenhagen. Ich war schon zig mal in Dänemark, aber nie in Kopenhagen.

PS1: Erst beim Abendessen merkten wir, daß in unserer Küche ja eine riesige Seekarte von Skargerrak und Kattegat unsere Wand einnimmt und damit genau die Gegend abbildet, in die wir hinwollen, wenn auch eben unter Vermeidung der Fähre.

(Manchmal wünschte ich, wir wären nicht durch das Meer von Dänemark und Schweden getrennt. Wir würden dann ca. 45 Minuten nach Gedser und nach Trelleborg etwa eine Stunde brauchen.)

PS2: Geht euch das auch so? Alles, was ich auf dem Kindle habe, besitze ich quasi nicht. Ich habe vier der Knausgardbände auf dem Kindle und NIE wieder reingelesen. Wären das Bücher hätte ich das mindestens schon ein paar Mal getan, wieder reingelesen, nach alten Anstreichungen gesucht und sie auf meinem Büchertisch (hätten sie schöne Cover) so hingelegt, daß ich sie sehen kann.

Damals aber war es praktisch sie auf dem Kindle zu lesen, weil sie so schwer sind mit ihren vielen Seiten. Ich weiß noch nicht mal WAS ich alles auf dem Kindle habe und ich bin manchmal froh, daß der Preisunterschied so gering ist zwischen echtem Buch und e-book, sonst wäre ich verführt mir noch mehr runterzuladen, dabei weiß ich genau, daß es für mich nichts gibt, was ein richtiges Buch ersetzen kann.

Dritter Tag im Mai 2022

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Ein Foto, das ich gestern wiederfand. Es zeigt meine Tante B und meinen Onkel (auch B), damals in Berlin 1967 mit mir als Baby.

B B Baby

So viel ist da drin. Meine Tante hatte gerade ihre neue Wohnung bezogen, die damals als ganz schick galt, später wurde sie durch den Ausbau des Flughafens und den zunehmenden Flugverkehr zum Alptraum. Man kann vom Balkon aus buchstäblich sehen wer am Fenster sitzt.

1967 aber war es noch recht ruhig. Das Foto zeigt einen Frühlingstag, ich bin ein gutes halbes Jahr alt, freue mich offensichtlich über die Spirenzchen, die mein Onkel mit mir macht. Und meine Tante mit der wohlgeordneten Frisur und dem schönen Sommerkleid und meine nackten kleinen Füßchen, noch unproblematisch und keine Sorgenkinder so wie heute.

Meine Eltern noch in Kreuzberg. Wir alle noch in Berlin. Die Mauer schon da, ja schon seit fast 6 Jahren und mein Onkel Fluchthelfer und meine Tante noch kinderlos, leider, sehr unglücklich, sie hat einige Kinder verloren bei den dramatischen Geburten, die sie leider hatte. Und er spielsüchtig. Und dann die Scheidung wegen seiner Spielsucht. Aber eine Liebe, die nicht endet.

Als ich das letzte Mal meine Tante besuchte auf eben jenem Balkon mit ihr saß, das war im Sommer 2012, da fragte sie, ob wir mal meinen Onkel B in Kuba anrufen sollen. Da lebte er jetzt. Aber wir verwarfen den Gedanken wieder.

Wenn ich den Blick meines Onkels so sehe, da liegt viel Wärme und Freude drin. Ein eigenes Kind hätten die beiden so gerne auch gehabt, hatten sie aber nie. Viel später bekam meine Tante eine Tochter, aber mit einem anderen Mann. Ach all die unglücklichen Geschichten, die so ein Foto nicht zeigt. Das Lachen aber bleibt, ein Moment an dem wir vielleicht alle glücklich waren.

Erster Tag im Mai 2022

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Gestern war der beste Tag seit langem, denn ich war in Berlin. Zum ersten Mal seit über zwei Jahren. Das Ganze war eine kleine Zitterpartie, würde es mich überfordern? Bin ich schon so weit? Aber dann war es ganz fantastisch. Alleine kann ich das natürlich nicht mehr bewältigen und ich fühle mich einfach auch sicherer, wenn D. mit ist. Und ganz erstaunlicherweise machte es ihm gar nichts aus, mich zu begleiten, obwohl ihm Großstadt und all das gar nichts gibt.

Berlin 2022

Wir landeten (natürlich) auf der Kastanienallee und hatten herrlichstes Frühlingswetter, saßen draußen, aßen eine Kleinigkeit und ich ging wackelig, aber tapfer durch die Stadt. Laufen kann ich noch immer kaum, aber ich bin nicht mehr so sehr erschöpft. Und das ist das Wichtigste.

Berlin 2022

Zuletzt in Berlin war ich im Februar 2020 gewesen, eine unglückselige Sache, denn da spürte ich, daß jede kleinste Anstrengung zu viel war.

Berlin 2022

Damals saß ich im „Kaffe“ im Winskietz und war so unglücklich wie nur was. Nun war ich zurück, erstarkt, auf dem Weg der Heilung, humpelnd, aber alive.

Berlin 2022

Ich zückte mein Schreibheft von damals und durchbrach das unheilvolle Schema. Krankheit, Schwäche, Corona, alles das will ich jetzt abhaken. Natürlich geht das nicht ganz, aber diese Fahrt war sehr symbolisch.

Berlin April 2022

Wir genossen einen Cappucino im „Godshot“, das gilt als eines der besten Cafés Berlins, was den Kaffeegeschmack angeht. Mir hätte vermutlich auch jeder andere Cappucino geschmeckt, aber der war wirklich to die for. Ich wußte mich gar nicht zu lassen vor Glück.

Danach ging ich nach nebenan in die Bildband Buchhandlung und kaufte mir ein Buch über Fotografen.

Im Buchladen „Montag“ war ich noch und las in den neuen Knausgard hinein, hatte einen sehr netten Talk mit der Buchhändlerin.

Alles war entspannt und wir hatten beide einen wirklich tollen Tag. Meine Beine waren friedlich, mein linker Fuß meckert zwar noch, wenn er belastet wird, ist aber auch auf dem Wege in ein wieder etwas normaleres Fahrwasser.

Vierundzwanzigster Tag im April 2022

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In den 90er Jahren hatte ich plötzlich das Gefühl, daß es keine gute Musik mehr gibt. Alles was ich hörte war alt, denn alles was neu war, gefiel mir nicht. Das ging jahrelang so, bis ich dann Trip Hop entdeckte.

In dieser Zeit zogen in unser Haus zwei extrem junge Leute ein, keine 18, ein junges Paar, deren Einrichtung aus einfachem Ikea-Kram und einer großen Plattensammlung bestand.

Von K., meiner neuen Nachbarin eingeladen, ließ ich mir zeigen, was sie so hörte. Ehrlich gesagt kannte ich (damals) nichts davon. Sie zeigte mir ihre drei Lieblingsalben: Nirvana „Nevermind“, The Cranberries „No need to argue“ und Sonic Youth „Experimental Jet Set, Trash and No Star“. Ich verliebte mich sofort in zwei Stücke “The icicle melts” von den Cranberries (die mich total an die Cocteua Twins erinnerten, jedenfalls das Stück) und “Bull in the heather” von Sonic Youth.

Alles andere von Sonic Youth fand ich nahezu unhörbar.

Gestern kam (zum Welttag des Buches) „Girl in a band“ zu mir zurück, diesmal als Taschenbuch, diesmal auf Englisch. Ich finde es großartig. Es ist irgendwie extrem merkwürdig, im Nachhinein, daß ich es erst nicht mochte.

Book day and I was reading

Wie so oft mache ich mich dann gerne auf eine Reise, das geht bei diesem Buch sehr gut. Da verwebt sich viel Interessantes und Internet macht es möglich, daß man sich Häuser ansieht und Straßen auf googlemaps, um einen Eindruck zu bekommen, wo Kim & Thurston gelebt haben, man kann sich natürlich die Videos ansehen (ich wußte gar nicht, daß das Kathleen Hanna* ist in dem Video von „Bull in the heather“), kann dem Modelabel X Girls nachstöbern und stößt auf Sofia Coppola (deren Film „Virgin suicides“ halte ich immer noch für den besten Film über die Bedeutung weiblicher Pubertät), weitere Spuren führen zu Andy Warhol und Jean Michel Basquiat, zu Kurt Cobin und Courtney Love und zu meiner Überraschung und Freude auch zu Karen Carpenter, zu der Kim Gordon eine besondere Verbindung spürt (das Thema dominanter Bruder und dahinter quasi verschwinden).

Ihre Aufmerksamkeit für Misogynie und soziale Ungerechtigkeit gegenüber Frauen und Mädchen läuft wie ein roter Faden durch das Buch und gefällt mir besonders. In der männlich dominierten Musikwelt muß frau wirklich permanent aufpassen, nicht untergebuttert zu werden.

Girl in a band zu sein war nie wirklich mein Traum. Aber wie so viele andere Frauen hätte ich damals, als ich jung war, zu gerne meine Kreativität musikalisch irgendwo eingebracht. Das war extrem kompliziert. Ich kann ziemlich gut nachvollziehen, wie Kim Gordon sich gefühlt haben muß. Jungs und ihre E-Gitarren und wo ist frau da in dem Ganzen?

Gut, daß ich nie ehrgeizig genug war, dieses Ziel weiter zu verfolgen. Es hätte mich nicht glücklich gemacht. Aber gut, was macht einen schon glücklich?

* Diese Spur führt einen unweigerlich zu der Riot Grrrls Bewegung und dem immer noch brandaktuellen Manifesto.