London im Oktober Teil 4

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Beim Auschecken im Hoxton werde ich gefragt, ob „everything to my satisfaction“ war und ich antwortete wahrheitsgemäß mit „No, the air con was a bit too noisy“. Das habe doch hoffentlich meinen Schlaf nicht beeinflußt und ich: I’m afraid so.
Dann, so wurde mir freundlich versichert, würde man ein Vermerk machen, daß ich beim nächsten Mal ein anderes Zimmer bekäme. Beim nächsten Mal? Niemand wird jemals meinen Mors in diesem Hotel wiedersehen, war mein Gedanke. Aber ich nahm es britisch: Smile und oh really, how nice, thank you. (And good riddance!)
(Die Lounge schon wieder vollgestopft mit den üblichen Jobs-Jüngern und Apfel-Herzeigern.)
Glouchester Rd Nun also ins nächste Hotel, diesmal an der Gloucester Rd Station. Das ich ehrlich gesagt nur deswegen gewählt habe, weil man nicht näher an einer Tube Station wohnen kann und weil es in Kensington ist und ich von dort aus relativ easy nach Heathrow komme. (Unbewußt folge ich auf den Spuren meines Vaters, der in Holborn gearbeitet und in Kensington gelebt hat. Damals, vor 30 Jahren.)

Wieder gibt es Ärger mit meiner Kreditkarte, aber glücklicherweise geht EC auch. (Man muß nämlich seltsamerweise heutzutage Kautionen bezahlen in Hotels, vermutlich sind sie es leid, daß Leute immer die teuren dicken Handtücher mitnehmen.) Als ich dann mein Zimmer (317- keine neunen mehr) betrete, sage ich nur WOW. Das ist ja mal ein Unterschied. Room with a view
Ich blicke aus dem Fenster auf die geschäftige Gloucester Road und alle Häuser sehen aus, wie ich sie kenne und liebe. Das Zimmer selber: 25 qm, ein riesiges Bett, ein Schreibtisch, eine Kommode, ein Kleiderschrank, ein Bad mit Wanne und ein allerliebster Lesesessel. Und alle Annehmlichkeiten, die man erwarten kann, ein Kühlschrank, Wasserflaschen und Gläser schon bereit gestellt, im Schrank Wasserkocher mit Tee/Kaffee und sogar kleinen einzeln verpackten Kekschen. C.O. Bigelow Toileteries und sogar eine rutschfeste Matte für die Badewanne, beheizter Handtuchhalter, Duschhaube, Wattepads und -stäbchen, alle Kleiderbügel aus Holz, hoteleigenes Briefpapier, ein fantastisch schreibender Kugelschreiber dazu etc.. Die Klimaanlage, ja, rauschig, aber auszuhalten, leider sind auch hier die Fenster nicht zu öffnen. Farbgebung: taubengrau (Wände), gelbolive (Betthaupt und Sessel), heidekraut (Kissen und Lesesessel), Grautöne (Teppich) und dunkles Holz (Möbel). Am besten aber die Lichtquellen: 9 an der Zahl, dazu eine Nachtischlampe mit Leinenschirm, ach wunderbar.
Alles ist geschmackvoll, auf zwei Regalen Vintage Fotos und eine vergrößerte Briefmarke der Kew Gardens. Ich lasse mich auf das Kingsizebett fallen (dick, weich, üppig), baue mir aus den 6 Kissen ein Nest, lege mich auf das siebte, mein liebstes, weil dick gestopft und mit lilanen floralen Motiven versehen und fühle mich als hätte ich Geburtstag.
Hotelbed Jetzt ein Schläfchen, aber ich bin viel zu kribbelig dafür. Meine Lieblingsbuchläden warten doch auf mich. Hab ich schon mal erwähnt, daß ich Green Park Station hasse? Endlose Gelatsche, zwei Fahrstühle und am Ende muß man doch Treppen steigen. London ist die behindertenunfreundlichste Stadt, die ich kenne, besonders London Underground. Aber nun ja, der Park ist schön, vor allem jetzt im Herbst. Green Park

Green Park 2 Von da aus nehme ich wie immer den Bus und bin schon bald am Picadilly. Übrigens wüßte ich mal gerne, was am Ritz (Hotel) so toll sein soll. Wer möchte denn bitte schon an einer so lauten und ungemütlichen Ecke wohnen? So schalldicht können Fenster doch gar nicht sein. Und ich kann mir nicht vorstellen, daß die Klientel, die dort absteigt dann zu Fuß die shopping Meile runter bummelt, also nutzt die zentrale Lage eigentlich gar nichts. Anyway, ich weiß genau wohin und ich und was ich will. Erst im Caffe Nero was essen, dann ins Waterstones. Im Nero sitze ich mitten drin in einem Ledersessel, von dem ich weiß, daß ich nie wieder aus ihm (grazil) hochkommen werde, und als ich sitze, weiß ich nicht mal, ob ich das will. Hochkommen meine ich. Ich vertilge mein Essen (Wraps mit Roter Beete) und trinke ein Smoothie. Dabei beobachte ich die Leute, schreibe, bespreche mein Dicki, das Übliche. Mir gefallen die weißen Teekannen überall. Immer sind überall kleine (weiße) Kannen im Einsatz. Tee im Glas, so eine blöde Unsitte kann nur Deutschen einfallen. Caffe Nero
Ich bin sehr fasziniert von den vier älteren Leutchen mir schräg gegenüber, sie haben eine derartig ausschweifende Gestik (Italiener? Spanier?), die fast aussieht wie eine Choreographie. Leider kann ein Foto das nicht einfangen, aber ich blicke dort eine ganze Weile hin.
Dabei merke ich, wie erschöpft ich bin. What shall’s. Ab nach gegenüber in den Buchladen. Dort in die Kunstbuch Abteilung. Ich gucke hier, ich gucke da. So viele Bücher. Unglaublich. Alle locken sie rüber. Ich lese in alles Mögliche hinein, u.a. auch Alexandra Shulmans Tagebuch. Die Vogue muß irgendwie 100 geworden sein, denn überall stehen gigantische Bildbände und andere Bücher, die die Vogue betreffen rum. (Warum eigentlich interessiere ich mich immer für Themen, die ganz weit weg sind von meinem Alltag, wie Mode, Bergsteigen und die Mafia? Nicht mal einen Zusammenhang zwischen den drei Dingen gibt es.)
Das Shulman Buch blind aufschlagend, springt mir das Wort „M Train“ ins Auge. Sie schreibt, sie wolle eigentlich das Buch lesen und sich damit für einen anstrengenden Tag belohnen, aber zunächst geht sie im Park joggen, dort wird sie von einem ollen Sack belästigt. Sie will freundlich und höflich bleiben, bereut es aber sofort, sie wird angegrabbelt und am Ende des Tages ist sie traurig und wütend. Ich seufze und denke: jaja, das Elend der Welt kommt nur davon, daß Leute nicht ruhig in ihren Zimmer bleiben können. Wenn über eines froh bin in meinem Leben, dann dies: Die Anmache und das Angegrabbel hat ein Ende. Das ist wie ein neues Lebensgefühl. Altwerden hat auch sein Gutes. Oma mit Ziegelstein in der Handtasche. Da nimm….nun ja, Träumereien einer Irren um 12 Uhr nachts.
Mein Elend kommt übrigens auch vom nicht-im-Zimmer-bleiben-können, denn ich merke, wie meine Müdigkeit und Erschöpfung sich in Atemnot, Herzrasen und Schwindel verwandelt, in eine Panik, gleich umzukippen und es nie wieder ins Hotel zu schaffen. (wieso liegt mein Rescue Remedy noch dort im Bad? Sehr nachlässig!) Mir gegenüber sitzt ein freundlicher Schwarzer, der einen kleinen Turm Artbooks auf seinen Knien balanciert. Ob der wohl genug Kraft hat, mich gleich aufzuheben, wenn ich zu Boden segle?
Ich versuche ganz ruhig zu bleiben. Atemzug, noch einen, noch einen…dann stehe ich auf und spüre, daß mich der Laden und sein Überangebot total überfordert. Es ist einfach zu viel. Rien ne vas plus. Ich muß raus…
Beim Verlassen nehme ich einen dicken Stapel Ishiguros war, die mir den Weg versperren und zig wunderschöne Cover, die locken und sirren, aber ich will nur raus. Draußen frische Luft. Besser. Viel besser. Der nächste Bus wird genommen.
Lovely old lady Ich habe meine Lumix im Hotel gelassen und fotografiere nun mit dem Handy, bin aber wenig motiviert und zu erschöpft. Aber diese alte Lady mußte ich unbedingt „einfangen“. Den Typ gibt es nur in England. Erdbrauner langer Rock, praktische schwarze leicht angepunkte Stiefelchen, ein überaus weites schwarzes Cape, darunter ein selbstgestricktes Etwas, weich, dick, auftragend, egal. Das silberne Haar zu einem dünnen Zopf geflochten, der einmal quer über den Haaransatz gelegt und an der anderen Seite festgesteckt wurde. Um den Hals ein gehäkeltes, feuerwehrrotes Etui fürs Handy. Zig Taschen dabei. Schmale Nase wie ein Vogel, schiefe Zähne, unmoderne Brille, göttliche, flinke Knopfaugen, ein zufriedenes Lächeln. Einer Tasche wird dann ein türkisfarbenes, gemustertes Etwas entnommen, das sich als Socke entpuppt. Es wird eifrig gestrickt. Kein Zweifel, gleich kommt Mr. Stringer um die Ecke und dann wird Twist getanzt. Abends shanties an Bord. „Ich warne Sie, ich war 1928 Fechtmeisterin in Lincolnshire!“

„Denmark Street“ sagt die Busansage und ich denke: ach komm…und springe raus und gehe zu Foyles. Auf dem Klo eine lange Schlange. Zu lange. Ich bin genervt. Unten wieder Überforderung. Die herrlichen Kunstzeitschriften. Leider kann ich keine mitnehmen, viel zu schwer. Foyles
Wieder raus springe ich in die 38 und denke: Ich brauche jetzt nochmal den Park. Dort sitze ich, bis es mir zu kühl wird. Ich gehe wieder ins „Syrup“, aber meine Black-Coconutmilk-Lady ist nicht da. Ich bestelle mir das gleiche wie gestern und setze mich nach draußen. Es ist mild und die frische Luft tut mir gut.
Divine again Obwohl ich erschöpft bin, geht es mir besser und ich schaffe den Weg zum Hotel irgendwie, obwohl ich in der Tube stehen muß, weil es die vollste Zeit ist und die Picadilly line sowieso immer zu befahren ist. Jedes Jahr mehr, Menschen, Touris, Reisende. RA
Das Poster gefällt mir, aber Jasper Jones ist mir ansonsten viel viel zu bunt.
Endlich bin ich im Hotel. „Valerie“ schreit es mir entgegen. Amy Whinehouse? In diesem schicken Etablissement? Warum nicht. Die Stimme von Amy verfolgt mich bis sich die Lifttüren schließen. Gleich da….halte durch!
Hotel aisle Mir gefällt die Gestaltung sehr, überall gibt es was zu entdecken. Mein Zimmer erscheint mir wie ein Segen. Das Bett! Ich lasse mich fallen und bin innerhalb von 10 Minuten eingeschlafen, in Klamotten, nur die Schuhe habe ich ausgezogen. Zwei Stunden später erwache ich und frage mich, ob ich jemals wieder hochkommen kann. Gut, daß Waitrose um die Ecke ist. Es ist schon halb 10 und alles ist schon weggekauft, aber ich bekomme dennoch ein leckeres kleines Abendessen zusammen gekauft und noch was für das Frühstück am nächsten Tag. Alles sehr einfach. Nur raus aus dem Hotel und kurz um die Ecke und ich bin da. Gute Wahl! Waitrose
Nach dem Essen schlafe ich sofort wieder ein. Alles ein bißchen viel. Aber das Bett ist so wunderbar, daß ich tief und traumlos schlafe wie ein Bär. Meine Haare riechen immer noch leicht nach dem sleep pillow spray aus dem Hoxton (genialer Duft) und nach Stadt und nach mir selber. Erschöpft und glücklich, so reich alles. Und meine erste Nacht in einem (relativen) Luxushotel ist eine gute Erfahrung.
Cosy up
Übrigens das erste Mal in meinem Leben, daß ich eine Reise unternommen habe, ohne ein Buch dabei zu haben und ohne eins zu kaufen. Unvorstellbar eigentlich.

Fortsetzung folgt

 

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London im Oktober Teil 3

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Die Nacht war gruselig, ich lag da in meinem brummenden LKW oder im Maschinenraum eines Schiffes und stoppelte mir irgendwie 4 Stunden Schlaf zusammen (mein Minimum). Leicht klaustrophobisch veranlagt, finde ich es auch schwierig in einem 12 qm Raum zu sein, ohne das Fenster öffnen zu können.
Aber irgendwann war es dann doch morgen, jede Nacht geht einmal zu Ende und ich drehte den immer noch laufenden Chilloutsender lauter und ließ mich in die Musik fallen, dann öffnete ich die Türe und tatsächlich das kleine Papierbeutelchen, das ich abends an den Haken neben meiner Zimmertür gehängt hatte, war nun gefüllt. Zum Glück war alles lecker: ne Banane, ein wunderbares Joghurt mit Kirschen (sehr sahnig und reichhaltig und ohne Zucker) und vor allem ein so hochwertiger O-Saft, daß frisch gepreßt nicht besser schmecken kann.
Dann die Raindance Shower und so langsam erwachten meine Lebensgeister wieder.
Um halb 9 packte ich meinen Beutel und zog los. Und apropos neun, es war der 9.10., John Lennon wäre 77 geworden, was für ein magischer Tag, dachte ich.

Oha! Montagmorgen auf der Southhampton Row. Da steppt mal wirklich der Bär. Ich stolpere so vorwärts, übermüdet, noch erschöpft vom Tag zuvor, aber guter Dinge.
Ich bin mir bewußt, daß ich alles ausblende, was mich belastet oder belasten könnte, denke nicht an Brexit, ob der nächste Terroranschlag um die Ecke lauert oder wieviele arme, verwirrte, unglückliche Menschen ich sehe und daß wir (also die anderen eher, ich ja nicht) uns alle zu Tode hetzen und wofür eigentlich? Ich bin in meinem eigenen Flow.
Doch für dieses Foto, das an einem Gebäude hing, blieb ich stehen und ließ mich anrühren.
Southhampton Row

Mein Ziel hieß diesmal „Red lion Square“. Red lion Sq 1

Red lion Sq 2 Auch hier unser Freund Russell wieder. Etwas spitz und grün um die Nase, aber ein netter Schutzgeist für den Ort, den viele als Abkürzung nutzen und um sich am kleinen Teepavillon einen morning coffee to go zu holen. Russell again
Wie schon erwähnt, interessierte mich das Haus 23A, denn dort hatte meine Reise im gewissen Sinne begonnen.
Kingsway Mansions Die Wohnung ist längst nicht mehr gelistet. Irgendein Glückspilz bewohnt nun das Erkerzimmer und blickt auf den Square. Jemand, der es sich leisten kann, fast 2000 Pfund Miete für eine kleine Butze abzudrücken. (Erinnerung: Ich zu jemandem, der in London lebt: „Verdienst du viel?“ Er: „Ja, aber es geht fast alles für die Miete drauf.“) 23 A House
Egal, Träume sind nicht dazu da, gelebt zu werden, sondern uns dorthin zu führen, wo unsere Herzensangelegenheiten beheimatet sind und überhaupt kommt alles irgendwann von selber, was auch immer die große Harmonie vorgesehen hat. Und ich WILL ja gar nicht in London leben. Ich will nur ab und an dort sein können.
23 A House 2 London ist ein sanfter Lover diesmal, ein schnurrender roter Löwe, ich fühle mich beschwingt-beschützt und irgendwie angeregt.

Zum Löwen gehört wie als Gegenstück das Lamm. Und ich finde das fast köstlich, daß ich wirklich die Verbindung gehe (buchstäblich) vom Red Lion Square zu meinem nächsten Ziel Lamb‘s Conduit Street. Apropos conduit, wenn mir ein Designelement in London auffiel, dann Kupferrohre. Plötzlich ist alles voll von ihnen, nicht, daß sie unbedingt in Gebrauch wären, nein, sie sind oft ein reines Designelement und da sie nicht nur schön sind, sondern auch noch praktisch (schließlich kann man allerlei an ihnen aufhängen oder befestigen), sind sie vermutlich genau deswegen so sehr en vogue. Woolies Café 2
Hier ein schönes Beispiel aus dem “Woolies Café“, in dem ich mir die Zeit bis zum Öffnen der Shops mit einer heißen Schokolade vertrieb.
Woolies Café 1

Die Lamb’s Conduit Street ist jedenfalls eine Empfehlung. Die Romantik kleiner Läden ist einfach bezaubernd. Lambs Conduit St

Flowers delivered Und die Welt wäre nicht in Balance, wenn nicht alles sein Gegenstück hätte. Während gerade die Blumen angeliefert werden, steht vor dem Bestatter gleich next doors ein offener Leichenwagen, in dem liegt ein Sarg aus Weidengeflecht. (Ob jemand drin liegt?) Wie schön war mein Gedanke. Also der Weidengeflechtgsarg, nicht daß einer drin liegt. Aber wenn schon ruhen, dann stilvoll. Arme voll von weißen Lilien. Oh England my lionheart…

Mein eigentliches Ziel aber war der „Persephone Buchladen“ mit seinen wieder aufgelegten Frauenbüchern (meist vergessene Werke bekannter Autorinnen oder vergessene Autorinnen, meist aus den 20er, 30er und 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts), die alle so umsichtig designed sind eine besondere Schönheit ausstrahlen. Persephone books
Mein erster Eindruck: wunderbar verkramt und reichhaltig und gleichzeitig alles sehr ordentlich und einheitlich. Alle Bücher sind- grau (klingt das langsam so, als hätte ich mir das ausgedacht? Aber nein, wirklich so ist es.), aber die Lesezeichen und die Vorsatzseiten innen sind wundervolle, zumeist florale oder graphische Muster, oft von alten Tapeten oder Stoffen. Alle Bücher kosten 13 Pfund, sie fassen sich schön an, Broschurqualität, solides Papier und wenn sie nicht von Frauen selber sind, dann sind sie von Männern geschrieben, handeln aber von Frauen.
Weiterhin gibt es Karten, Poster, Stoffe, Keramik und Tote Bags. Zuweilen Lesungen, Workshops und andere Events.
Ich blättere lange durch diverse Bücher, denn eine liebe Freundin hat mir einen magischen 20-Pfund-Schein geschenkt, von dem ich mir was Schönes kaufen soll, aber dann weiß ich genau, was ich will: Eine der herrlichen Totebags! Und nein, gleich zwei, sie eine, ich eine und das kommt genau mit den magischen 20 Pfund hin- genial! Wie die Bücher sind auch die Taschen grau und innen wunderschön gemustert. (Mittlerweile hat die Totebag ihre neue Besitzerin erreicht und die war „pleased as punch“ oder eher „as Judy“, um mal weiblich orientiert zu bleiben.)

Als ich aus dem Laden gehe, entdecke ich eine Bank vor dem Aēsop Shop gegenüber und beschließe, erstmal mich und meinen Kram zu sortieren.
Aesop Und während ich das tue, wird meine Nase ganz wild von dem köstlichen Duft, der aus dem Laden dringt. Als ich an der Ladentür vorbei gehe und den dort angebrachten Body Lotion Tester ausprobiere, lächelt mich der junge Verkäufer einladend an. OK. Ich muß dort hinein, obwohl ich mir solche teuren „Toiletries“ nicht leisten kann. Aber dieser Duft! Innen ist der Laden ziemlich dunkel, so daß ich geradeso sehen kann, daß die schlichte, hochwertige Einrichtung dem üblichen Londoner Farbschema folgt. Natürlich. Was denn auch sonst. Der junge Verkäufer ist freundlich und hilfsbereit und führt mich zu kleinen plätschernden Wasserbecken mit Parfums darüber. Es gibt drei: Hwyl (sehr viele Pinien und ganz dunkle Erde), Tacit (Basilikum, Zitrusfrüchte, kräutrig und hell zugleich und ganz meins), Marrakech (maskulin, ledrig, herbe Kräuter, scharfe Gewürze). Er beginnt kleine schmale Teststreifen zu besprühen und ich sage ihm, „very nice, but to be honest, I think I can’t afford them“, er lächelt und sagt: „anyway“. Wir verlieren uns in poetische Gespräche über Düfte und der Laden hat eine eigenartige, traumverlorene Atmosphäre, eine Unwirklichkeit, die mir gefällt. Tacit wäre mein Favorit, aber das Biest kostet mal eben locker 80 Pfund. Also winke ich nur ab, aber er öffnet eine Schublade und schenkt mir einen Tester. Wunderbar, ich liebe Parfumminiaturen und wenn ich das verbraucht habe, hab ich den Duft vermutlich eh schon wieder über. Hywl
Mehr als das Parfum aber fasziniert mich das Design des Ladens. Auch hier wieder die Kupferleitungen, diesmal transportieren sie Wasser, das unaufhörlich in kleine Becken rieselt.
Mehr gibt es hier zu sehen.

Erst später fällt mir auf, daß auch diese beiden Läden (der weibliche, helle, offene Buchladen und der dunkle, männliche, geheimnisvolle Kosmetikladen) wieder einen ergänzenden Gegensatz bilden. Ausgesprochen faszinierend.

Dann aber wird es wirklich Zeit, zurück zum Hotel zu gehen, auszuchecken und meinen Kram nach Kensington zu schaffen, um dort in das zweite Hotel einzuchecken, in der Hoffnung, daß es nicht wieder so ein Reinfall wird, wie das erste.

Fortsetzung folgt

 

London im Oktober Teil 2

Obwohl London gerne mal den Sommer langsam ausklingen läßt, ist es jetzt im Oktober schon eindeutig Herbst. Die Platanen verlieren ihre Blätter und um 5 p.m. fängt es an zu dämmern.
Aber all die Lichter sind romantisch und die Luft ist immer noch sehr mild.
Beautiful houses in Holborn Ich bin immer wieder angetan von den schönen Häusern, der wunderbaren Architektur. Ich schleiche mich an den Tourimengen vom British Museum vorbei und bin schon bald am Bloomsbury Square. British Museum
Ja, da bin ich also wieder. Alles ist sehr vertraut.
Bloomsbury Square Es gibt ja immer diese “just to be here” Momente. Man sollte sie still genießen. Definitiv ein Vorteil am Alleinreisen, man wird nie „zugetextet“ und läuft nicht Gefahr, den anderen zu nerven. Autumn in London
Außerdem kann man jedem spontanen Impuls folgen, für jedes Foto anhalten, bummeln, trödeln, nochmal nachknipsen.
Russell again (from behind) Russell ist übrigens auch hier wieder präsent, diesmal wie so ein Buddha von hinten, mit Blick auf – ja was eigentlich? Eine weitere Wohnung von ihm? Warum guckt er nicht über den Square? Rätselhaft. Love that one
Dieses Relief liebe ich besonders. Schön, daß es dort auch eine Menge Bänke gibt und das ganze Jahr über blüht immer irgendwas und die Bäume sind sehr hoch und alt und schaffen eine Oase mitten in der ziemlich quirrligen Stadt. Um die Ecke sind viele große Straßen, Hauptverbindungsadern der Inner city, aber in dem kleinen Park kann man das ausblenden und ist dennoch immer nur einen Sprung und einen kurzen Weg von der „Action“ entfernt.
38 Ich mag den Bloomsbury Garden auch deswegen, weil dort direkt der Bus hält, vor allem die 38 ist eine meiner Lieblingslinien. Für Neulinge eine unbedingte Empfehlung, zum Beispiel an Victoria einsteigen und dann kann man damit quer durch die Stadt fahren bis nach Hackney raus. Zwischendurch immer mal wieder aussteigen und entdecken. Wundervoll. Diesmal aber nehme ich nicht die 38, sondern bin erstmal ganz fasziniert von dem Pflaster und wie kunstvoll es aussieht. Pavement art 1
Da sind sie wieder die Farben! Die Grautöne, vor allem das Silbergrau.
Wozu brauche ich eine Galerie für Abstract Art? Alles was ich tun muß, ist nach unten gucken.
Pavement art 2 Pavement art 3

Pavement art4 The fountain
Kreativität ist ein sprudelnder Brunnen. Vielleicht auch das Leben selber.
Kunst ist das Lebenselixir, ganz recht. So ist es.
Elixir vitae Sehr angetan gehe ich weiter. Gut, daß ich die Lumix diesmal mitgenommen habe. Aber natürlich ist sie schon wieder tonnenschwer und nervt mich immer dann, wenn ich sie nicht benutze. Wie wichtig mir Fotos geworden sind! Wenn ich keine machen könnte, hätte ich das Gefühl, irgendeiner wichtigen Sache beraubt worden zu sein. So aber ist es das reine Glück. Vor allem auch, wenn Fotos genau so werden, wie ich es wollte. Sicilian Court
Manchmal sehen die Häuser aus wie künstliche Fassaden, man kann kaum glauben, daß diese altehrwürdigen Schönheiten einfach so rumstehen und dass alles echt ist.
Sicilian Avenue ist ein besonderes Highlight, eine Querpassage zwischen der Theobalds Road und der Southhampton Row.
Da ich Hunger verspürte, beschloß ich zum „Italiener an der Ecke zu gehen“. Penne und Pesto, war ganz ok, aber nichts Besonderes und die Portion recht klein.
Spaghetti House Essen gehen in England ist selten ein Vergnügen, zu teuer und oft nicht so der Brüller. Aber immerhin saß ich warm und kuschlig in einer kleinen Nische und konnte mein Bildausbeute durchsehen. Kaum war ich draußen, knipste ich weiter, fasziniert von der Dämmerung und wie sie die Bilder verändert. Hairdo
Hier wieder das Londoner Farbschema: silbergrau, schwarz, anthrazit.
Colours en vogue

Um die Ecke ist eine der angesagten Coffee Bars, schon bereits im Schließen begriffen. Dieses Foto, beim ich arge Zweifel hatte, ob es überhaupt was wird, ist eines der besten, das ich auf dieser Reise gemacht habe, finde ich jedenfalls. The Espresso Room
Ein reiner Glücksfall. Das will ich mir auf jeden Fall richtig entwickeln lassen, vielleicht sogar als Großformat.
Diese hohen, etwas unheimlichen Häuser in Holborn haben mich schon immer fasziniert. Und diese Lichter und Spiegelungen haben etwas sehr Magisches.

Immer noch nicht völlig müde (obwohl seit morgens um 5 auf den Beinen) und mit wenig Lust auf meine Schiffskajüte, entdecke ich die Buslinie 243 (Quersumme 9) und beschließe einzusteigen und nach Shoreditch rauszufahren. Ein wenig mulmig ist mir schon, es ist dunkel, ich kenne die Gegend nicht, kann nicht einschätzen, ob sie harmlos ist oder schon echt rauhes Pflaster, aber ich wage es dennoch.
Coffee to go Da ich nicht auf dem Oberdeck bin, habe ich leider keine gute Position für Fotos und allzu weit will ich auch nicht fahren, aber ich entdecke lauter coole Orte mit interessanter Street art und merke mir alles vor für meine nächste Reise. Da möchte ich nämlich genau diese Linie dann nehmen und tagsüber alles in Ruhe ansehen. (Übrigens bin ich irgendwann die einzige weiße Frau im Bus. Die schwarzen Typen, die einsteigen riechen intensiv nach Hasch und das teuerste (Kleidungs)stück, das sie tragen ist ihr Kopfhörer. Ich fühle mich dennoch ganz wohl.)Book shop in Shoreditch
Ich fahre bis Middleton Road und lande vor dem Burley Fishers Bookstore, der leider schon zu hat, aber ganz urig aussieht. Im Schaufenster entdecke ich Patti Smiths „Devotion“ und grinse mir eins. Und nebenan gibt es einen Pub, der „The Fox“ heißt. Das sind ja meine Schutzgeister, dann ist ja alles gut.

Byron 2 Als ich wieder in Holborn bin, kehre ich noch im „Byrons“ ein, das meiste andere hat schon zu. Byron 1
Auch hier ist es ganz leer, leider keine gute Musik und die Süßkartoffelpommes sind zu weich (Pommes können die Briten nicht, komisch, Crisps schon), aber die Limonade ist ausgezeichnet und der Einrichtungsstil sehr cool.

Soda Folk Und ich kann schreiben, mein Dicki besprechen und den Abend ausklingen lassen, wissend, daß mein Hotel gleich um die Ecke ist, angenehm. Das hat mir doch an meinem früheren Londoner Wohnort sehr gefehlt, da ist nichts drum rum, wo man mal schnell noch hingehen kann. Underground
Am Ende des Abends notiere ich:
„Total inspiration. All blending into one thing: Poetry and art are everywhere.”

Ich lehne mich zurück, schließe die Augen, spüre die Müdigkeit und die Hochzufriedenheit, die gerade fein Händchen halten, wie nach einer guten Arbeit, nach einem Tag, der voll und satt und glücklich war. Ich vermisse nix.

Als ich bezahle, bringt mir die Waitress die Rechnung auf einem kleinen Teller (wie immer in London), darauf liegt eine Visitenkarte  und als ich sie umdrehe, sehe ich, es ist eine Spielkarte: Pik neun.

Fortsetzung folgt

London im Oktober Teil 1

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Nur drei Tage war ich in London, aber die waren so reich und voll, daß es mir vorkommt, als wäre ich ne ganze Woche dort gewesen.
Ich werde mal wieder im Detail berichten, vor allem auch, weil ich diesmal so viele Fotos gemacht habe wie noch nie zuvor.
Angefangen hatte ja alles mit dem Gefühl, daß London mich „haben“ will. Es hörte und hörte einfach nicht auf rüber zu sirren. Und ich bin dem ja auch nicht abgeneigt. Wie alle großen Lover dieser Welt, kriegen einen die romantischen, schönen, kunstvollen, interessanten und aufregenden am leichtesten rum. London ist alles davon. Und viele große Lover dieser Welt haben auch immer etwas Abenteuerliches, Gefährliches, leicht Schräges, nicht Einschätzbares. Nun ja, ich war gewillt, mich dem auszusetzen, besonders jetzt wo der Herbst in die Vollen geht, all die Dunkelheit und Tristesse kommt, da braucht man viel Schönes vorher.
Ich weinte mal wieder kurz um meine verlorene Wohnung, die ich vier Jahre lang immer wieder besucht habe und die dadurch daß ich dort einen ganzen Monat lang war, fast wie ein zweites Zuhause geworden war, doch dann lenkte ich meine Gedanken auf die Zukunft. Wo wollte ich denn eine Unterkunft haben? Ich ging im Geiste den Stadtplan durch und dann wußte ich es: Bloomsbury Square. 2013 zufällig entdeckt wurde mir dieser winzige Park in Holborn zu einem besonderen Freund. Gut an den Bus angebunden, nur wenig entfernt von der Innenstadt und dem Buchladen Foyles, mit interessanten Querstraßen drum herum und dennoch ruhig, war er einfach eine kleine Oase für mich und ich saß dort gerne.
2015 und 2016 hatte ich ihn zwar auf meiner Liste, kam aber dort dann doch nicht hin.
Wie ich da so auf googlemaps rumschnupperte (auf der Suche nach Hotels, Airbnbs, Unterkünften), mietete ich im Geiste eine Wohnung. Der/die geneigte Leser/Leserin erinnert sich vielleicht an diesen Eintrag.
Red lion Square sollte es sei, das Haus 23A wollte ich mir ansehen. Doch gehen wir langsam dorthin, wo es spannend ist, erstmal haben die Götter vor dem Lieblichen das Anstrengende gesetzt: Den Flug.
Im Flieger nach...klar doch Aus Langeweile blätterte ich im „High life Magzine“ der British Airways. Eine Qual, denn mir gefielen ein paar Bilder daraus und ich durfte sie nicht rausreißen. Zum Beispiel das Kunstwerk vor dem der Hund hier liegt. Genau meine Farben. Pearl 2
Worum geht es? Ach so, um Pearl, einen Hotelhund, etwas gelangweilt lese ich den Abschnitt dazu.
Ach nee, staune ich dann auch sofort. Sieh an…Walkies im Red lion Square. Der erste Hinweis, just hold your heading true.
Pearl Blick aus dem Fenster. Wann sind wir denn da? Im Flieger
Mein Sitz ist 27 C und 27, das ist 9, denke ich und döse ein wenig vor mich. Neun, neun, neun, das sollte doch noch eine Rolle spielen. Eine meiner favoritisierten Zahlen: die kleine Weisheit, die kleine Vollendung.
Gut gelandet machte ich mich nach langer Fahrt mit der Tube (das zieht sich und zwischendurch gab es die berühmten Signal failures, bei denen ich immer denke, daß sie nur das Synonym sind für: es ist was passiert, aber wir sagen lieber nicht was) auf den Weg zu meinem Hotel. Holborn war ein vibrierender Kessel, aber die Luft war mild und es war ein Sonntag und ich hatte gute Laune, weil da war die Stadt und ich mittendrin.
Hoxton Hotel Ganz nah an Holborn Station liegt das Hoxton. Soll ein cooles Szenehotel sein, ist aber für mich überhaupt nicht „the place to be“. Die Lounge ist vollgestopft mit coolen Hipstern, alle unter 30, die ihre Appleprodukte zur Schau stellen und sich dabei besonders cool vorkommen. Blödes Volk, wie ich finde, nicht meine Welt. In dem Laden ist es so laut, daß ich die Frau an der Rezeption kaum verstehe. Es gibt Ärger mit meiner Kreditkarte, aber sie war ganz nett. Mein Zimmer (409- also neuntes Zimmer im vierten Stock) war eigentlich ok, aber auch nur das, denn ziemlich klein und eng und eher düster. Aber –und das war wirklich echt ein riesiger Störfaktor- die Klima-Anlage ließ sich nicht abstellen, das Fenster nicht öffnen und es klang und fühle sich an, als läge man in einer Innenkabine eines Schiffes direkt neben dem Maschinenraum. Ich dachte zunächst daran, runterzugehen und rumzustressen deswegen. Aber ich besann mich, denn ich war dazu viel zu erschöpft. Gut daß ich nur eine Nacht gebucht habe! Wie ein sechster Sinn, denn zwei Nächte dort hätte ich nicht überlebt. Neben dem Schlechten (Größe, Lichtmangel, Aussicht, Dröhnen, ein zu wackelig-weiches Bett, übervolle Lounge und leicht unsympathische Leute überall), gab es auch Gutes, nämlich wie herrlich das Zimmer roch und daß dort die denkbar beste Musik lief, Chillout, denn das Radio war an und ich ließ es die ganze Zeit laufen, es hat mich beruhigt und mir das Leben gerettet. Chilllout ohne Pause, ein einziger Flow von Musik, wie ich sie liebe. Wäre die Klimaanage still gewesen im Zimmer, wäre es ganz ok gewesen, allerdings für 158 Euro (als Sonderangebot!!!) viel zu teuer. Bettwäsche und Handtücher waren luxuriös, die Raindance Dusche auch, aber sonst…Pen & ink
Ich mochte das Ambiente ganz gerne, zig Kissen, Kühlschrank am Bett mit Wasser und Milch und am Morgen hing am Haken neben der Tür eine Papiertüte mit einem kleinen Frühstück, das wirklich gut war: frischer O-Saft, köstliches Joghurt, Banane, Granola.
Hoxton Hotel Im Regal fand sich eine uralt Penguin Ausgabe von „Rebecca“ von Daphne du Maurier. Ich schlug Seite 9 auf und las die 9te Zeile. Da stand: Happiness is not a possesion to be prized, it is a quality of thought, a state of mind. OK. Da ist was dran. Nimm es wie es ist, dachte ich, ruhte mich ein Stündchen aus ging dann um’s Karree. In einer Hand die Kamera, in der anderen meine Tote Bag und ich fühlte mich wie ein Kind im Spielzeugladen. I surely will
All diese tollen Fotomotive! Die schönen Häuser, die Romantik der kleinen Shops, die milde Luft, die freundliche Sonntagsnachmittagsstimmung, nicht ganz so stressig wie sonst. Bloomsbury ist wirklich sehr nett und alles war fußläufig erreichbar.
Russell House Bertrand Russell ist hier allgegenwärtig. Russell
Seine Zitate machen einem gute Laune.

Ideal wäre ein Staat in dem jeder alle Freiheiten hätte, ausgenommen die Freiheit, in die Freiheit der anderen einzugreifen.
Gesellschaftlicher Fortschritt ist nur über Minderheiten möglich, Mehrheiten zementieren das Bestehende.
Der Mensch ist ein Teil der Natur und nicht etwas, das zu ihr im Widerspruch steht.

Ja, früher machten Literaturnobelpreise noch Sinn und gingen an die klugen Schreiber dieser Welt. Heute…nun ja. Nichts gegen Ishiguro, er ist ganz sympathisch, aber den Nobelpreis?!
Prompt war Ishiguro dann auch im Schaufenster des London Review Bookshops zum Beispiel.
London Review Bookshop Der kleine Laden am Bury Place, ist ganz ok, aber nichts Besonders. Ich hatte allerdings viel Vergnügen an zwei Büchern, beide von Hoxton Mini Press, einmal „Along the Hackney Canal“ und zum anderen „London Coffee“.

Eigentlich aber war mein Ziel der kleine Stempelladen nebenan, den ich nachdrücklich empfehle: Gute Auswahl, vor allem auch an Dingen drum herum, Stempelkissen, Stencils, Zubehör, sowie hochwertiger „Stationary“ Schnickschnack. Qual der Wahl. Ich kaufte zwei kleinere Stempel, ein Sonnenrad und ein Labyrinth, sowie eine neue Kladde als Caféhausbegleiter. Blade rubber stamps
Gut gelaunt ging ich weiter. Noch ein detail, noch ein interessantes Bild, noch ein Eindruck, der mich „wow“ sagen ließ oder „ach ja…“. Alles Schöne!
London is beautiful Dinge, die ich in Deutschland so schmerzlich vermisse, die Schönheit alter Häuser, diese wertigen Dinge überall. Und dann ein gängiges Farbschema, von dem London diesmal überhaupt nicht abzuweichen schien, alles, aber auch alles war in den Farbentönen: schwarz und weiß und dann alle Grautöne, besonders aber Blaugrau-Töne, wie taubeneierfarben und mein geliebtes Payne’s Grey, dann silber, silberweiß, silbergrau und anthrazit, dazu Naturholz, Kupfer, Messing und Marmor, als Material und auch als Farbton. Museum Street
Es war als hätte es einen öffentlichen Erlaß gegeben, diese Farben zu verwenden, egal ob bei Kleidung, Einrichtung, Kunst oder im Straßenbild, überall war es das gleiche. Und ich liebte es, da es nirgendwo schreiende, aufdringliche Farben gab.
That's why I love London

Der nächste Punkt auf meiner „to visit“-Liste war das Café Syrup of Soot. New fav Café
Würde es so schön sein, wie auf der Website? Ja! Noch viel schöner.
Inside the SoS Café Ich wollte wie immer einen Chai Latte und die Kellnerin (oder sollte ich die Barista sagen, Kellnerin sagt doch heute niemand mehr, es sei den Leute sind wirklich eindeutig das), also die Baristella empfahl mir Chai Latte mit Kokosmilch, sie meinte „It’s divine“. Dem Göttlichen nicht abgeneigt, ließ ich mich darauf ein und wurde in einen wahren Himmel der Köstlichen transportiert. Und überhaupt, ihr Lieben, gibt es etwas Schöneres als in London zu sein, im Café zu sitzen, ein wundervolles Getränk aus einer total schönen Tasse (das Farbschema!) zu genießen und sich ein neues Schreibheft gegönnt zu haben, den Kopf voll mit Eindrücken, überall riecht es wunderbar und alles ist so kribbelig-magisch und so voll mit Kunst und Poesie? Träumend bewohne ich die Nische. The waitress made this one special for me
Das kleine “rußige Sirup”-Café jedenfalls ist einfach nur allerliebst. Top Lage (weil wunderschön auf der Museumsstreet gelegen) und bis ins Detail schön. Die Tapeten!
Wallpaper in the Café Sogar die auf dem Klo ist herrlich. Loo Wallpaper at the Syrup of Soot
William Morris hat übrigens auch dort um die Ecke gewohnt.
Als die Barista wieder an mir vorbei kommt, fragt sie wie ich den Chai fand. Ich sage: „To die for. I am delighted.“ Sie ist happy und schwärmt mir vor, was sie am liebsten trinkt: Chai mit weißer Schokolade und einem Schuß Mocca. Sie sagte: „I’ll make one for you for free.“ Doch dann kommt ein Schwung Touris in den Laden und da Kaffeemachen wie mittlerweile überall an trendigen Orten ein wahrhaft langsam zelebriertes Kunsthandwerk ist, dauert es zu lange, denn das Licht schwindet und ich will doch noch Bilder machen.
Ich rufe ihr zu: „I’ll come back tomorrow!“ und sie sagt: “I am here!” und strahlt mich an.
Nice, denke ich.

Fortsetzung folgt

 

Dritter Tag im Oktober

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Postcard Magic days Nur noch wenige Tage bis zu meinem Flug und ich freue mich jetzt auf die Magie der Herbsttage und –abende, die in London immer irgendwie besonders sind. Das liegt an den vielen warmen Lichtern der Stadt und an der besonders schönen Architektur. So romantisch. The sting
Hoffentlich sind mir die üblichen Reisebegleiter gnädig. Ich will, daß es leicht ist, leicht und schön und wertvoll, besonders. Aber mir sind viele Dinge in meinem Leben wertvoll und besonders. Früher dachte ich immer, daß diese Überfeinfühligkeit, die ich habe, sehr zum Nachteil ist, heute nicht mehr.
Nightbus Gestern dachte ich darüber nach, warum Patti Smith so besonders schön zu lesen ist, vor allem auch zum immer wieder hineinlesen reizt. Es ist eine Welt, die modernes Leben, Hektik, Blingbling und die Omnipräsenz elektronischer Geräte nahezu vollständig ausblendet. Stattdessen lebt Patti, vielleicht auch aufgrund ihres Alters, im Vergangenen, ja sogar im Nostalgischen, in einer Welt von alten Fotos, alten Cafés, verstorbenen Künstlern, altehrwürdigen Dingen und schlichten Handlungen. Patti Quote
Deswegen sind ihre Bücher voller Sehnsucht nach dem Verlorenen (“all the dead dears”), voller süßer Schwermut und Erinnerungen, voller Regentage und Verluste, die man hinnehmen muß, immer auf der Suche nach kleinen Wertigkeiten, die einen tragen und trösten.
Wo auch immer sie ist, die Atmosphäre, die sie in ihrem Schreiben kreiert, ist niemals laut oder lärmend, geht immer nach innen, hin zum Kontemplativem, dem Lesen, dem Schreiben, dem Sinnen, dem Träumen.
Vielleicht liebe ich London deswegen auch so. Es hat immer noch genug Nischen für den Nostalgiker an sich, immer noch gibt es dort das Alte und das ganz Alte, das Altehrwürdige und Leute, die das Altehrwürdige pflegen. Und es gibt dort viele Orte, die uns geradezu einladen, das zu zelebrieren. Seltsam, während ich das schreibe, höre ich hinter dem Bahndamm Hufgetrappel von Pferden, jemand reitet den Weg entlang. Welch ein seltener Klang heutzutage.

Ansonsten ist Papier in seiner veränderlichen Form mal wieder mein Glück. Zufrieden sitze ich am Tisch und schneide und klebe.
Mini work&play Postcard belles rencontres

 

Zweiter Tag im Oktober

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Das Video „No sleep“ von Janet Jackson
Durch einen regennassen Eingang blicken wir auf das Innere eines modernen Hauses, gemütliches warmes Licht hinter einer tropfnassen und beschlagenen Terrassentür auf der das Wort „plush“ steht.
Die Kamera führt uns in das Haus zu JJ, die vor einem warmlichtigen Papierlampen Ensemble steht in schwarzer Kleidung mit offenen welligen Haaren und viel Schmuck.
Wir sehen wie sich die Schatten des strömenden Regens auf den Wänden in ihrem modernen, loftartigen Haus zeigen. Vorherschende Farbgebung sind gedeckte, winterliche Töne wie verschiedene Graustufen, graublau, schiefer, kiesel, weiß, mit unglaublich vielen Details, wie aus einem der modernen „Hyggestyle“ Bücher: pastellfarbene Blumen, warmes Licht, Felle, offenes Feuer, Kuschel(d)ecken, verschwenderische, luxuriöse Gemütlichkeit. Die Kamera folgt ihren Tanzbewegungen, die mehr einem sinnlichen Durchgleiten der Wohnung ähneln, JJ scheint verzückt zu sein, sie lächelt glücklich, singt mit geschlossenen Augen, landet schließlich (und wir erleben das fast ein wenig schockiert) vor einer Wand, die ein fast lebensgroßes Bild von ihr als kleines Mädchen mit ihrem Vater (gleiche Initialen) zeigt. Lichter sind in diesem Haus besonders, einmal kommt ein fast spotlightartiges Licht auf sie zu, das dann von hinten ihre Haare beleuchtet als sie sich dreht. Und in den Ecken ihrer Wohnung bilden Kerzen einen herrlichen Kontrast zu den Winterfarben und dem immer noch heftig strömenden Regen draußen. Die Einrichtung des Hauses trägt durch und durch weibliche Züge. Nischen am Fenster mit weißen Kissen, neben einem gemauerten, offenen Kamin in naturweiß, in dem auf weichgewaschenem Holz neben Kerzen auch Salzsteinlampen leuchten. Auf dem Tisch weißes Geschirr und ein schlichtes Weinglas (das mit Wasser gefüllt ist), ein einzelner Zweig, verhalten blühend in einer Vase, Bücher, ein offenes Tage- oder Notizbuch. Überall wurden nur edelste Materialien verwendet.
JJ setzt sich auf ein weißes Sofa, ein guter Kontrast zu ihrer schwarzen Kleidung, man sieht ihre fast schon übertriebene Anzahl von Armreifen, Ketten und Ringen, ihr sinnlich offenes, üppig lockendes Haar. Sie scheint total eins zu sein mit sich und ihrer Umgebung.
Sie lehnt sich zurück und die Kamera hält kurz die Handtasche hinter ihr im Blickfeld fest, schwarzes Leder mit einem an einem Henkel festgeknoteten kurzen Tuch in blassem Aqua. Dahinter, unscharf, ein Kunstobjekt mit Hörnern.
Direkt darin übergehend ein Bild von ihr eine Steintreppe hochschreitend, hinter ihr die Winterregenlandschaft in zarten Grautönen.
Alle Stehlampen in ihrem Haus haben diese warmen Töne von orange oder steinweiß mit Papierschirmen, geformt wie kubistische Kunstwerke. Sie setzt sich einen schwarzen Hut auf und tanzt in einem Spotlight auf der Treppe mit Glasgeländer umher.
Nach kurzer Zeit wirft sie den Hut mit graziler Unachtsamkeit die Treppe herunter, wir ahnen einen Flur in Grautönen im Hintergrund und folgen ihr in einen offenen Schlafbereich, der sich im gleichen Wohnstil fortsetzt, wieder ein Kamin, warme Lichtquellen überall, wieder Felle, Kissen, das Steinweiß, das Grau, the hygge feel. Ein dreiteiliger Spiegelschrank und ein Terrier, der brav auf dem glänzenden Boden vor dem Kamin liegt, im Hintergrund eine Lampe in Muschelfarben, geformt wie eine ausgesprochen bauchige Amphore.
JJ hat sich nun aufs Bett gesetzt, neben ihr ein Tierfell in schwarz-weiß Tönen, im Hintergrund ein dazu passendes Kissen. Sie trägt nun ein offenes schwarzes Tuch, fast wie einen Schleier, über ihrem Haar, ihr Lächeln ist mädchenhaft verzückt, ihre vielen Ketten und Amulette geben ihr etwas Hohe Priesterinnenartiges.
Von dort aus verändert sich die Kameraführung und zeigt mittels eines Überganges bei der man alles durch Lupen verwahrnimmt JJ plötzlich in dunklen Rottönen, noch sinnlicher, mehr reduziert auf sich selber und ihre Tanzbewegungen.
Und darauf folgend sieht man sie plötzlich angestrahlt im roten Licht mit einer Orchidee hinter sich wieder in ihrem Wohnraum und auf dem Sofa hinter ihr lehnt lässig ein rappender Mann. Kurze Dreads, gestutzter Vollbart, weiße Jacke, schwarze Hose, weiße Sneakers. Mit gespielter Langeweile rappt er vor sich hin, sieht sie nicht an. Bis er schließlich mit wenig romantischen Worten „I go my way, you go yours, (…) sweet at first, but after a while, too much sugar is bad for your smile…“ das Wort an sie richtet. Sie windet sich in mädchenhaften, aber leicht lasziven Gestiken und Bewegungen, dauerlächelnd, während er männlich-distanziert daher kommt, mit der typischen Hiphoper-Gestik in seinem Monolog.
Die Kamera wechselt dann wiederholt die Perspektive, wobei er mal von außen aus der Regennässe des Winternachmittags nach innen blickt, mal sich im Inneren des Hauses auf mirakulöse Weise vervielfacht hat, ein Mann, dessen Botschaft Trennung, Abgrenzung und die Unterschiede zwischen „me and you“ ist, alles rappender Weise an sie heran getragen.
Das scheint ihr nichts zu ausmachen, sie steht nun in einer Ecke und lacht, während er mittlerweile in seiner Vielfältigkeit jeden Winkel ihres Hauses eingenommen hat. Doch selbst wenn Schmetterlinge aus seinen Händen fliegen, wirkt es durch seine Art des „Gesangs“ und die lyrics wie eine Kritik oder Anklage.
Ungeachtet dessen kuschelt JJ sich auf Kissen und in eine Velourdecke gehüllt auf einem weißen Sofa ein, mit ihren vielen Armreifen, den Ketten, den Ringen und dem sinnlich-glücklichen Lächeln.
Schließlich schwenkt die Kamera hinüber auf eine Vergrößerung eines Kinderfotos an der Wand: JJ neben zwei überdimensionierten Ragdolls mit geradezu abstrus häßlichen Gesichtern in weißen Gewändern, 3 mal so groß wie sie selber. Und zuletzt der Blick auf Fenster, grau vom Winterregen.
Plush plush…no sleep.

Aha. So und was soll das ganze nun?
Mich ergreift das Video. Als Fan von schönen Einrichtungen (damit kriegt man mich immer), war ich angetan. Göttlich, dieses Haus, diese Farben, die Wärme darin, während draußen ein nasser Winternachmittag sich dem Abend entgegen neigt. Was könnte man da nicht alles tun! Lesen! Musik hören! Tanzen! Sich selber mit leckeren Speisen verwöhnen! Schreiben. Tee trinken und in schönen Bildbänden blättern. Alles, alles, alles, nur nicht diesen ollen rappenden Stiesel mit seinen fragwürdigen Botschaften („I love diving in your mind and coming out with every diamond“) hinein lassen.
Ein Alptraum, daß der Kerl sich dann auch noch vervielfältigt. Gru-se-lig. Ach Janet, wach auf. Less plush, more happy solitude.

Dreißigster Tag im September

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Kinfolk Mag Die „Kinfolk“ ist eine eigenwillige Zeitschrift. Eigentlich ist sie mir von der Aufmachung her einen Tacken zu perfekt, zu stylish, zu minimalistisch. Andererseits ist das widerum auch reizvoll. Das Papier ist unendlich dick und qualitativ so hochwertig, daß man eher an ein Buch denkt, als an eine Zeitschrift. Die Artikel sind fast alle gut geschrieben, amüsieren mich und vieles darin reizt zum Nachdenken einerseits und zum „Nachgoogeln“ andererseits. Manchmal finde ich das Bildmaterial ganz hervorragend. Manchmal eher langweilig und übertrieben perfektionistisch. Kinfolk inside
Fast immer habe ich so ein herrliches “spoiling myself”-Gefühl, wenn ich mir eine kaufe. Weil sie absolut hochpreisig sind, kaufe ich sie oft gebraucht.
Kinfolk Glenn Gould Jedenfalls ist sie immer lesenswert und hat etwas charmant Unbuntes und Entschleunigendes auch. Gestern las ich darin etwas, das mich dazu inspirierte über Bücher nachzudenken, die nicht nur den Zweck haben, Lesestoff zu sein, sondern die mehr sind: ästhetisches Objekt, Talismann, Reisebegleiter, Dekogegenstand, Trostspender, Handschmeichler, Wohlriecher, Must-have.

Heute habe ich Pattis Smiths „Devotion“ ausgelesen und bin begeistert. Das muß einfach mit nach London. Das Buch ist alles oben genannte und dazu auch noch inhaltlich überaus inspirierend. Und ich muß es einfach gleich nochmal lesen, nochmal tiefer einsteigen, noch langsamer, noch mehr Satz für Satz auskostend. Achja, manchmal reduziere ich gerne alles auf das Wesentliche, steige irgendwo tiefer ein, gehe ins Detail. Es ist so ein Glück, das zu tun. Herrlich, wie man immer älter wird und das Gewusel der Welt ausblendet und sich auf die Reise nach Innen begibt. Mir gefällt das gerade sehr. Moon

 

Fünfundzwanzigster Tag im September

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Schale im Garten Es ist jeden Tag das gleiche Wetter und jeden Tag die gleiche Stimmung: schön ist es, golden, magisch, sonnig, entspannt und träumerisch. Das alles entspricht mir sehr. Auch wenn September immer auch das Klopfen der herbstlichen Dunkelgeister ahnen läßt, diese goldenen Tage von Milde, Licht und Leichtigkeit sind ein Traum. magic fall

Ich habe einen kleinen Flow, was die Collagen Postkarten angeht und gebe mich dem gerne hin.
Solitary Postcard Wie immer finde ich, daß so eine alte Schreibmaschine eine unglaubliche Bereicherung ist. Es ist einfach nicht dasselbe, wenn man solche Schriften mit dem PC „künstlich“ erzeugt. Home

Home Postcard Noch mal bereichernd wurde meine Arbeit dadurch, daß ich entdeckte, daß es interessant sein kann, Katalogseiten oder anderes “Schlachtmaterial” mit eigenen Ideen zu bedrucken und es dann in Teilen in den Collagen zu verwenden. The turning point
Wo bedrucken nicht klappt, sind Stempel natürlich die bessere Wahl, siehe Mitte des Bildes. (Danke, Marike!)

Postcard Mystisch Mein persönliches Highlight von gestern Abend. Erst fand ich das Bild in der Mitte zu wertvoll, um es überhaupt irgendwo zu verwenden. Solche Fotos sind ganz meine Kragenweite und nicht gerade häufig zu finden, aber dann fügte sich alles wunderbar zusammen. So muß das sein.

Noch zwei Wochen bis London. Ich wünsche mir genau das Wetter, was wir jetzt hier haben, die Milde, die goldene Sonne, angenehme 18°. Das Stadtwetter. Two
Und dann Orte wie diesen hier okkupieren, um zu schreiben.

 

Dreiundzwanzigster Tag im September

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Eine gute Übung für Collagenkünstler ist es, schnell und ohne nachzudenken, kleinere Werke zu schaffen. Postkartengrößen sind praktisch und lassen sich später sehr gut in Schachteln aufbewahren.

Full circle Postcard Man braucht wirklich nicht viel und spielt einfach rum, mit Farbtönen, mit Strukturen, mit ungewöhnlichen Einzelbildern für die Mitte und Lieblingszitaten aus Songtexten, Büchern, Filmen. Das ist wie Rührteig. Gute Zutaten, ein wenig Geschick und Bauchgefühl, gelingt immer.

Immer wieder interessant dabei, wie Details aus Zeitschriften und Katalogen sich erst dann zu wahrer Schönheit entfalten, wenn man sie isoliert und neu in Zusammenhang stellt. Siehe die Postkarte oben: das zarte florale Muster in haselnußbraun war nichts weiter als der Hintergrund eines Gudrun Sjödén Modeshootings. Alle Augen richten sich auf die Modelle in den „farbstarken“ (ein Wort, das sie überstrapaziert) Klamotten. Der Hintergrund wird normalerweise nicht mal wahrgenommen. Doch wenn man ihn isoliert, dann tritt er plötzlich als wunderbares Collagenelement hervor. Auch bei der zweiten Karte habe ich es wieder verwendet. Nothing Postcard
Bei dieser Karte war ich schon ziemlich müde. Es war spät, ich lauschte irgendwelchen Dokus, bastelte so vor mich hin. Das Ergebnis gefällt mir dennoch.
Das Beste daran sind immer glückhafte Zufälle, wie diese sehr schöne Wirkung die die Tür bekommt, wenn man ihr die „Nothing is real“ Unterschrift gibt. Plötzlich scheint sie in ein besonderes Reich zu führen. Wohin wohl?
Als kleines mich im Nachhinein amüsierendes Element sei dann noch der Streifen gekippter Landschaft erwähnt, der rechts einen kleinen Bildausschnitt zeigt, in dem man auch ohne viel Fanatsie ein vulva-artiges Bild erkennen kann. Erst die Drehung des Papiers machte das möglich und ich habe es beim Anfertigen auch nicht gesehen, erst bei der Bearbeitung.

Miracle Postcard
Das hier ist mein Liebling. Und kaum zu glauben, es besteht im Wesentlichen nur aus drei Quellen:
Das eine ist ein Katalog für französische Möbel, bei dem ich ein Bild von zwei am Pool scherzenden Kerlen in s/w verwendet habe, daraus stammen die Badeschuhe (ich wußte sofort, die taugen als Einzelbild) und das dunkle Wasser.
Oben links und unten sind Ausrisse aus einer mit Schellacktinte bemalten Zeitschriftenseite zu sehen. Nichts bringt diese Tinten so wunderbar zum Leuchten wie Hochglanzseiten. Der Rest ist wieder Gudrun Sjödén. Der Satz stammt aus einem Kunst-Infoheft aus Berlin. Ich mag diese leichte Ironie darin, die durch die Flipflops entsteht. Die Kritzeleien sind gelbe Neocolors.

 

Einundzwanzigster Tag im September

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Was denkt die Maus am Donnerstag? Dasselbe wie an jedem Tag.
Im Falle der FM-Maus bedeutet das: was kann ich aus Papier machen?

Sitting lonely

Solche Miniumschläge sind gerade meine besondere Spezialität. Mini Envelopes
Lesetechnisch, ist es mal wieder chaotisch bei mir. Ganz wunderbar aber ist Patti Smiths neues Buch „Devotion“, ich lese es unendlich langsam und bin noch nicht mal bis zur eigentlichen Geschichte vorgedrungen. Aber das war eine tolle Überraschung von Frau Zeilensprung, die so großzügig war, mir das Buch zu schenken.
Witzigerweise überlegt Patti am Anfang, welches Buch sie mitnimmt auf eine Flugreise nach Paris. Sie findet, ein Reisebegleit-Buch entscheidet über Wohl und Wehe der Reise. Ich glaube das auch. Ich glaube auch an Bücher als Talismane (und Kultgegenstände).

Devotion

Was nehme ich mit nach London? Vielleicht Sylvia Plaths „Ariel“? Oder „Crossing the water“ (ganz dünn und leicht).

Momentan weiß ich mal wieder nicht, was ich zuerst lesen soll und so vieles lockt. Zum Beispiel auch „Herbst“, das neue Knausgardbuch, so berührend was ich angelesen habe, den Brief an seine dritte Tochter, sein viertes Kind. Wie er beschreibt, was sie erwartet…Ich lese gerne solche „Miniaturen“.

Und auch das Netz ist gerade mal wieder ein Füllhorn interessanter Dinge, wie zum Beispiel die Werke von Architekt Wang Shu.

Und last not least ist Herbstbeginn (und mein Hochzeitstag) und ich habe nun meine persönlichen Weather Diaries begonnen, in dem Büffellederbuch, das ich neulich in Rostock gekauft habe. Am Morgen am Schreibtisch bei Chaitee und bei dichtem hellgrauem Himmel mit wenig Bewegung. Wo bleibt das goldene Licht?