Dreizehnter Tag im November

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Von der Museumsstreet aus nahm ich dann den Bus 55 zur Clerkenwell Road, denn dort hatte ich (bei googlestreetview) einen kleinen knallroten Kunstbuchladen entdeckt, den ich unbedingt besuchen wollte.
„Magma Books“ erwies sich als das Highlight meiner Reise und als absolute Neuentdeckung. Der Laden liegt etwas unspektakulär, ist aber den Besuch wert. Klein, überschaubar, aber voll mit Schätzen, er gefiel mir auf Anhieb. Hier kann man einen virtuellen Rundgang machen, das ersparte mir die Frage nach Fotos.

Nachdem ich mich gar nicht erst zum Durchwühlen der Zeitschriften entschlossen hatte (üppiges Angebot), weil die meisten zu schwer zum Mitnehmen sind, fand ich etwas Anderes, das ich viel schöner fand. Ein ganz rührendes japanisches Fotobuch über eine alte Frau, die mit einer weißen Katze mit zwei verschieden farbigen Augen zusammen lebt. Bei allem, was die alte Frau tut, ist die Katze mit dabei. Das Buch hatte etwas so Entschleunigendes, das war genau das Richtige.

14 Jahre lang hat Miyoko Ihara ihre Großmutter fotografiert. Ich habe davon allerdings die schwarz/weiße Ausgabe gekauft, die ich noch schöner finde. (Übrigens ganz ungewohnt, ein Buch „falsch rum“ durchzublättern.)

Allerliebst auch kleine Kartensets, die der Laden bereit hält, wie das der „Small pleasures“.
Small pleasures Überhaupt ist der ganze Laden voll mit Dingen, die etwas Besonderes sind und mit sehr ausgesuchten Kunstbüchern und –zeitschriften. Dazu hatte ich dann noch ein langes Gespräch mit dem italienischen Verkäufer. In London sind Leute nämlich mittlerweile total ungesprächig und der Berliner (Hamburger, Rostocker, Schweriner, Leipziger) Smalltalk fehlte mir schon. Eigentlich wollte ich gar nichts kaufen, aber ich fühlte mich irgendwie so, als habe ich das gebraucht. So zum Abschied.

Zum Abschied auch noch mal richtige englische Chips essen, in einer dieser richtig schmierigen Fish&Chips Buden. Unglaubliches Teil, alle Stuhlbezüge völlig verfleckt, die Tische aus Plastik, im Hintergrund plärrt der Fernseher, Britney Spears auf irgendeinem Musikkanal (mein Kopfhörer liegt immer noch im flat). Auf dem Tisch vor mir eine Flasche Ketchup ohne Etikett (und „best before…“ Hinweis) und zwei Plasteflaschen, mit abgeschabten Schriftzügen, von denen die eine aussieht, als enthalte sie Säure und die andere als enthalte sie Fahrradöl. Vermutlich Vinegar und Balsamico Vinegar, bzw. deren Imitationen. Chips
Die Chips sind aber ganz ok, das Besteck ist halbwegs sauber und ich bin –oh Wunder- der einzige Gast, endlich mal ist es irgendwo leer! (Was man ja allerdings in einem „Restaurant“ dann auch wieder irgendwie unheimlich findet.) Die Chips kosteten 2 Pfund und das war das einzige Mal, daß ich bar bezahlen mußte.
Satt und müde trete ich den Heimweg an, Zuhause stelle ich fest, daß niemand außer mit im Hause ist, also keine Elefanten über mir und ich penne selig 2 volle Stunden, gegen die Unbillen der Klima-Anlage gehüllt in meinen „Hamburger Mantel“ (ein in HH gekaufter Umhang in Erdtönen aus irgendeinem Material, das aus irgendeinem Grunde total warm hält, natürlich voll synthetisch, aber so weich und kuschelig, daß ich nicht widerstehen kann). Ich hasse Klima-Anlagen, immer hat man das Gefühl, es zieht. Und ich weiß nicht, wie man sie abstellt (geht vermutlich gar nicht).
From the balcony Als ich wieder aufwache, ist es beinah dunkel. Und ich habe Nasenbluten. Typisch! Das bekomme ich irgendwann immer bei seelischem Streß, gepaart mit dem Gefühl von Einsamkeit. Ja, das ist ein gutes Stichwort. Ich fühle mich selten einsam eigentlich, aber hier schon. Die Wohnung hat eine kalte Ausstrahlung, irgendwie vollkommen unpersönlich. Und auch die Stadt ist abweisend. Ich denke an die super anstrengende Flugreise zurück. Mir graut davor. Dieses knallrote Blut auf den weißen Fliesen. Es folgt mir vom Bad in die Küche, wo mein Rescue steht. Das hilft sofort.

Ich beschließe noch etwas essen zu gehen und dann vielleicht mit dem Bus zu Foyles zu fahren. Nichts Anstrengendes machen, nichts Kompliziertes. Kopfhörer mitnehmen? Ich entscheide mich schon wieder dagegen. Ach was… Caravan
Im Caravan ist es gemütlich, weil es fast ausschließlich von Kerzen beleuchtet wird, aber die Musik steht auf Brüll-Lautstärke und der volle Laden ist ohnehin schon laut. Oh Gott…

Im Caravan Es ist zu dunkel für Fotos, aber hell genug zum Schreiben. Der Salat ist Durchschnitt, aber das Brot ist köstlich. Warum nur sind sie so geizig mit der Butter? Die Preise sind gepfeffert. Für beides zahle ich knappe 8 Pfund. Immerhin das Wasser ist umsonst und kommt in einer kleinen Karaffe wie selbstverständlich daher. Das schätze ich sehr. London pflegt die „Wasser-Kultur“ fast genauso wie Berlin. Gut so. Um mich her nur Paare oder mehrere Leute, fast alles Frauengruppen. High spirits, booze up your evening, girls, get warm for fun, fun, fun. Ich komme mir vor wie ein Anachronismus. Die hinkende Alte, allein, alien, armselig irgendwie. Immerhin ohne Hacki. Vielleicht ist sie eine Schriftsstellerin, jedenfalls schreibt und schreibt sie und ein Diktaphone hat sie auch. Die Musik, natürlich Popscheiß, diesmal aber mehr Funk, Disco und 70s. Und dann läuft plötzlich „This is how we do it“ und alle singen mit: „It feels so good here in my hood…“ und ich denke an Berlin, neulich noch, da sangen das auch alle mit. Wenn ich manchmal in Berlin bin, frage ich mich, ob ich lieber in London wäre. Jetzt in London kriege ich plötzlich so Sehnsucht nach Berlin, daß ich fast anfange zu heulen. Hier der Tisch im „August“, als ich das letzte Mal da war.Erstmal entspannen
„Come on…“ sage ich zu mir selber, zahle und nehme den Bus. Dann fällt mir ein, daß er auf dem Hinweg gar nicht bei Foyles vorbei fährt. Und ich nicht genau weiß, wo ich aussteigen muß, um zur Denmarkstreet zu kommen. (Auf dem Rückweg hält er dann genau vor dem Laden.) Und es ist stockdunkel und ich will kein Gehampel. Ich erwäge ein Aussteigen in Soho, untergehen im Trubel, ein paar Fotos machen, aber als sich die Tür öffnet ist es so voll und all diese jungen Leute und ihre Bubbleteabecher und alle sind irgendwie in einem anderen Flow als ich.
Dann eben nochmal Waterstone’s. Why not. Der dritte Stock ist immer gut.
Die Sofaecke in der Fotobuchabteilung, die ist mein Liebling.
Fav reading spot Dort sitze ich mit noch anderen einsamen Gestalten und wir alle haben uns Türme von Büchern von den Tischen geholt, um sie durchzublättern. Das ist genau das Richtige. Wir sitzen warm, ruhig und trocken und niemand will was von uns. Wir schenken unsere Zeit unseren Verbündeten, den Büchern. Nachdem ich genug gebrowst habe, sehe ich mir eine kleine Ausstellung an. Karikaturisten für Europa. Judith Kerr ist auch dabei. Brexits does not mean Brexit at all. (Who wants it?)

Bei Artists A-Z fällt mir Tracey Emin ins Auge, mit ihrem düsteren Blick und dem schiefen Mund. Vielleicht gerade weil ich ihre Kunst nicht mag, interessiert sie mich als Person. Sie wird so hochgehyped. Aber das ist eben das, was es ist: Wir wollen Tabus, Ekel, Fäkalien, dark sex und noch mehr Dreck. Women who are pissed as a fart. Women and their dirty secrets, unmade beds, used condoms, bloody pants, ever so disgusting, WOW! (Siehe „Feuchtgebiete“, man muß nur den richtigen Nerv treffen.) Ich schlage irgendwo auf und lese. Strangeland
London, London, I hate you.
DAS Buch muß ich haben. Traurig bin ich sowieso. Als ich aufblicke, sehe ich zwei Dinge: einen Mann, dem ein Ohr fehlt, statt dessen hat er einen kleinen verkrumpelten Hautlappen und darüber scheint in seinem Kopf etwas zu stecken, was aussieht wie ein Sender. Spooky, unheimlich. Und auf der anderen Seite sehe ich ein Buch mit dem Titel „The sick Rose“, darauf eine Frau von irgendeiner unangenehmen Krankheit gezeichnet, grau, hager, todesnah.
Aha. Nun denn. (Ich schreibe wieder und beende mein Field Notes Büchlein. Mein letzter Satz lautet: „Aber hier ist es ruhig.“ )

Ich nehme den Fahrstuhl, der Typ mit (ohne) Ohr steht neben mir. Vermutlich von einem anderen Planeten, sage ich mir. Alles harmlos. An der Kasse, ruft der Kassierer fröhlich „Lovely“ als er mein Buch einscannt. Daß ich DAS Buch kaufe oder daß ich EIN Buch kaufe?
Need a bag?
No.
Ich schlendere so durch zum Ausgang. Der Laden summt und brummt. Menschen lieben Bücher. Draußen ist es feucht und harmlos kühl und dunkel.
Ich beginne sofort zu lesen, als ich im Bus sitze. Ich glaube Tracey kein Wort, ihre Stories sind zu verworren, aber ihre mystische Dusterness macht mir Spaß.

In der Nacht habe ich einen beunruhigenden Traum. Ich stehe vor Georgi, dem Sohn von Marina Zwetajewa. Ein schöner Junge mit lieblichem Gesicht, aber seine Augen sind böse und ich weiß, er ist ein durch und durch schlechter Mensch. Aber er ist doch ein Kind, sagt etwas in mir, nur ein Kind. Ich greife seinen Unterkiefer und rüttle ihn sanft. „Sei wieder gut, ich will daß du gut bist, Georgi, bitte, sei gut zu den Menschen!!!“
Dann schrecke ich hoch. Draußen der übliche Stadtlärm. Drinnen ich, alleine mit Alpträumen. Was nur bedeutet der Traum? Ich habe keine Ahnung. Irgendwas Unschuldiges hat sich verloren, irgendwann, irgendwie. Ich bete zu all meinen Schutzgeistern und schicke meine Verbundenheit an meine neu gewonnene (tote) Freundin Marina Zwetajewa. Alles wird gut, alles karascho, du wirst sehen. Ich denke an mein eigenes Kind, an ihr endloses weiches, gut riechendes Haar, wie sie sich anfühlt, wie gut sie ist, wie sehr ich sie vermisse.
Ich sehne mich mit jeder Faser meines Daseins nach Hause. Wie liebe ich mein kleines stilles Haus, mein weiches, vertrautes Bett, meine Familie. Ich will nur noch zurück…
So etwas habe ich sonst nie und ich wundere mich. Ich bin so verletzlich plötzlich, als wären alle Schutzhäute ab.

Am nächsten Tag dann schleppe ich meine müden Knochen nach Heathrow. Der Flughafen ist so grauenhaft wie erwartet. Alles scheint der Wahnsinn. Werde ich aufwachen? Welche Welt wird dann die Wirklichkeit sein, ihre oder meine. (Ich denke an den alten Mann im Bus.) Ich bin so müde, daß ich das Gefühl habe, zusammen zu brechen. Ich kann nicht mehr.
Im Flieger dann habe ich (endlich mal) Kopfhörer auf, ich atme tief durch, auf dem Monitor bewegt sich das kleine Flugzeugsymbol Richtung Hamburg. David Sylvian singt: „There’s a fire in a forest/it’s taking down some trees/things are overwhelming/I let them be…“
Bald bald bald wird D.s liebes Gesicht in am Treffpunkt auftauchen und ich werde endlich wieder ruhig atmen können.

 

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Zwölfter Tag im November

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Am nächsten Morgen beschließe ich mit der Lumix ums Karree zu gehen, um mal ein paar Zooms machen zu können und nicht immer nur Smartphone Knipsereien.
Rainbow again Wie schon erwähnt, ist Exmouth Market wirklich nett und liebenswert, aber auch überschaubar. Space
Und an einem Samstagmorgen ist das meiste noch zu. Manchmal sogar besser für Fotos.
Barber Streisand An kleinen kultigen Läden ist jedenfalls kein Mangel. We have a garden
In erster Linie sind es Cafés und kleine Restaurants und weniger Shops.
Cups More Yoga

Ich steuere das „Briki“ an.
Cafe Briki (out) Es ist ein niedliches kleines Eck-Café von dessen wenigen Tischen aus man schön rausgucken kann. Es ist voll, ich ergattere das letzte Tischchen, bestelle mir eine hot chocolate und ein „plain croissant“. Teuer, aber sehr lecker, beides. Die Einrichtung ist genauso, wie es sein sollte. Die Musik leider nicht (schon wieder „Popscheiß“, schon wieder habe ich meine Lifesavers=Kopfhörer vergessen!). Café Briki (in)
Ich ziehe mein Fieldnotes Heft raus und schreibe. Endlich mal mache ich genau das, was ich so sehr liebe. Ich mag das alte Holzgestühl, die abgeschabten Metallhocker, die Lichterketten in „Jars“, die Tür in Payne’s Grey, die Theke aus alten Türen mit den Schubladen, die mit Kekstüten gefüllt sind. Ich mag die Kuchen und Sandwiches unter Glasstürzen, die kleinen roten Teekannen.
Verlassener Tisch Briki Um mich herum wuselt es, Leute kommen rein und raus, holen sich ihren Coffee to go. Die Frauen im Briki sprechen spanisch. Wenn sie „Americano“ sagen, klingt es interessant und knallig. Man ist ein eingespieltes Team, die eine gießt ein, die andere streut das Schokoladenpulver drüber. Die Familie neben mir bricht auf und der Tisch wird eingenommen von einem Mann, der eine fette graurosane Zeitung im Arm hat, wie ein Baby. Er bekommt einen Capuccino in schwarzer Tasse und öffnet die Financial Times. Die Stühle sind bequemer als ich dachte. Ein Mann mit knallgrünem Beanie kommt aus der „Sweet Boulangerie“ gegenüber mit einem Baguette unter dem Arm. Der französische Bäcker, der italienische Metzger. The butcher, the baker, the candlestickmaker. Der Mann mit der FT hat den Kopf aufgestützt und liest mit einem Lächeln. Ein Mann in orangen Shorts mit nackten, dunkelbraunen Beinen, behaart wie ein Tier, bestellt sich einen „Latte to go“. Die Espressomachine läuft und läuft und no end to foaming the milk. Die Musik ist schwülstig, irgendwas mit „my little bird“ und „I’m trying hard to…“ Kate Bush Imitationsversuche. Immerhin relativ ruhig. Aber warum läuft denn nirgendwo mal richtig coole Musik? Oder solide Oldies, Ella, Louis, Miles Davis oder Coltrane! Mein Kakao wird kalt. Aus der Box singt eine Frau: „Baby, Baby, Baby, I’m your man!“ Der FT Leser bestellt nach. Er bekommt eine Tasse hingestellt, auf der sich aufs Schönste die Ähre der Baristakunst entfaltet.

Ich will weiter, noch Fotos machen, packe zusammen, greife meinen Mantel, meine Totebag und bin wieder an der frischen Luft. An der nächsten Ecke nehme ich den Bus, es ist nicht weit zum Bloomsbury Square, aber zu kalt, um draußen zu sitzen. Ich fahre bis Museum Street. Immer deutlich wird mir: It’s time to go. Ich finde mich selber nicht mehr in dieser Stadt. Oder soll ich sagen: Ich bin zu alt für diesen Scheiß? Am Tag zuvor hatte ich einen chat mit einem älteren Mann (ziemlich ärmlich aussehend) im Bus, der aussprach, was ich dachte: Eines Tages, so er, werde ich aufwachen und dann werde ich wissen, daß eines von beidem die Wirklichkeit ist: ihre oder meine. Bisher weiß ich das nie. Oft denke ich, es ist ihre. Ihre Gier, ihr uns nicht sehen, ihre Verachtung, ihre Herablassung, ihre Ausbeuterei. Was ist aus unserem Land geworden, was nur? Wo ist das alles hin, was mal so schön war, was wir so liebten? Gier, Gier, Gier. Money, money, money und uns sehen sie nicht. They don’t care. They don’t give a f…damn. Vielleicht wache ich auch auf und meine Wirklichkeit ist wahr: Daß Menschen sich kümmern, daß Frieden wird, daß wir einander noch achten. Wir human beings… Ich denke: Wow, der sagt alles, was ich auch denke. Ich sage: Whoever wanted a London like this? Whoever wanted a Brexit? Leider muß ich dann aussteigen. „Good luck“ rufe ich, das Beste, was mir einfällt.

Ich gehe zum Syrup of Soot. Mein magischer kleiner Ort. Ich bestelle mir einen Espresso, weil ich nix trinken will, nur die Nische, und ein Espresso ist überall das Günstigste. Bei uns 1 Euro fuffzig, hier 2 Pfund. Syrup of Soot 1
Es dudelt leider unerträglicher Popscheiß, der nicht zum Ambiente paßt. Und meine Kopfhörer liegen noch immer im flat. Zum Verrücktwerden. Ich bin kurz davor, den Mac am Counter zu bitten, was anderes aufzulegen. Doch ich will auch, daß es sich von alleine ändert. Daß Ella zurück kommt, wie beim letzten Mal, daß etwas Magisches passiert. Doch das einzige, was passiert, ist daß zwei schwarze Girls aus dem Basement kommen mit frischen Sandwiches, die so schrill und kreischend kichern, wie es nur black girls können, aus der Hüfte heraus, high as kites, beinah ansteckend. „Say it loud. I’m black and proud.“
Syrup of Soot 2 Vielleicht besser so, daß nichts läuft, das mich zu Tränen rührt, dann wird der Abschied sentimental. Syrup of Soot 4
Ich fühle mich seltsam. Innerlich habe ich die Entscheidung schon früher getroffen, vielleicht schon länger als ich vermute.
Egal, was ich tue, es stellt sich keine Magie ein.
Syrup of Soot 3
Nur eine Fremdheit bleibt, Bitterkeit, wie der Espresso, der vor mir kalt wird.

 

Elfter Tag im November

Window Der Reiz an London ist ja irgendwie auch immer das leicht Gammlige, das leicht ironisch Vernachlässigte, das irgendwie mit Tesa & Spucke zusammen gehaltene, fast schon „ostblockmäßige“, herrliche Schäbige in all der Romantik und der Schönheit, die die Stadt sonst noch so zu bieten hat. Und da ich so eine lahme Krücke bin, entdecke ich immer wieder Details, die ich sonst im vorbei hasten sicher nicht gesehen hätte.

Gammlig ist z.B. auch der Balkon über dem Café Maya. Der hat mich vor vier Jahren schon amüsiert und zu einem Foto heraus gefordert, damals noch vom Bus aus. Dann im April, kam ich wieder dran vorbei und dachte: Ach, da hat sich ja nix, aber auch gar nix getan, immernoch der wunderbare Verfall. Nun sitze ich an „meiner“ Haltestelle und blicke direkt drauf. Café Maya
Das hätte ich nie gedacht, daß ich hier mal landen würde. Es amüsiert mich.
Was mit dem Banksy passiert ist, ist mir auch nicht ganz klar. Witzigerweise ist das Ding sogar bei googlemaps eingezeichnet.
What happened? London animiert zum genauen Hinsehen und Amüsiertsein. Quality
Und zum Fotos machen natürlich.
Good to know The black cap

Überall liegen Mülltüten rum, aber auch Kartons, immer stehen irgendwo Papiertüten mit Resten, liegen alle möglichen Dinge auf der Straße.
Als ich einmal nach Hause komme, lehnt an der Hauswand ein Journal, mit Kugelschreiber drin und rausguckenen Zetteln und allem Schnickschnack. Oh, wie muß ich mich zusammen reißen, das nicht an mich zu nehmen. Was tun? Hochnehmen und im Laden nebenan abgeben? Aber ich weiß, nehme ich es hoch, bin ich verloren. Curiosity killed the cat. Ich beschließe einfach so zu tun, als hätte ich es nicht gesehen.
Yes, let's... „Scamden“, das erinnert mich an meinen Vater, der Earl’s Court immer Earl’s Kotz nannte. (heute ist es dort sauberer als damals) Camden fox
Heißer Schreck für den armen BEBT, soll er etwa in S-Camden ausgesetzt werden? Natürlich nicht…
Er verschwindet danach wieder in meiner Manteltasche, zuweilen aber auch kopfüber in der Totebag.
Staff

Wie romantisch Exmouth Market am Abend aussieht. Glow1
Die schön beleuchtete Kirche. Von meinem Fenster oben im Flat, kann ich sehen, wie die Schatten der vorbei wandernden Menschen über die Fassade laufen. Das wäre fast einen Film wert.
Glow2 Wieder mal ist der Bus flott genommen, er fährt um diese Zeit alle paar Minuten und ist von angenehmer Wärme und nie überfüllt. Die Stadt allerdings schon und wie. Die Nachtschwärmer laufen sich warm. Die Strecke kenne ich auswendig. In Soho eine riesen lange Schlange. Wonach stehen die an? Bubbletea? Ist das wahr? Was ist das überhaupt für ein Zeugs? Soho
Mit digitaler „Aufrufnummer“ wie beim Amt. Pffft. Was es alles gibt.
Der Bus hupt sich durch die City. Alle naselang wird einer fast überfahren. Die Türen öffnen und schließen sich und lassen das laute Hummelgebrumm der Ausgehwütigen an- und abschwellen. Dazwischen Emmas Stimme wie ein Mantra der Londoner Klassiker: Tottenham Court Road. Cambridge Circus. Trocadero Haymarket. Pically Circus.
Das ist mein Stichwort. Waterstone’s. Und auf in den dritten Stock. Umarmt von Ruhe und der schönsten Kunstbuchabteilung.
Waterstone's 3rd floor
Ich sinke in einen der göttlichen Sessel (ganz schön ausgesucht schon, der Laden brummt) und blättere mich so durch.
In meiner Tasche raschelt ein freundliches 20-Pfund-Scheinchen, das mir eine liebe Freundin mitgegeben hat. Ich erwäge den Ankauf des Buches „Browse“ über Buchladenerfahrungen, aber leider sind alle Ausgaben schmuddelig. Dann Plan B, der eigentlich Plan A ist, das wunderbar meditative „Along the Hackney Canal“ von Hoxton Mini Press.
Zufrieden betrete ich mit dem Buch in der Bag den frischen Novemberabend. Laut ist es. Leider auch im Café. Ich esse eine Tomaten-Mascarpone-Suppe und die ist so gut und endlich mal ihren Preis wert. Doch auch hier: brechend voll und unglaublich laut. Leider glaubt die Stadt die allgemeine Lautstärke durch Überbevölkerung noch verstärken zu müssen, in dem sie unsäglichen Popscheiß abspielt. In ganz London scheint es keine vernünftige Musik mehr zu geben. Legen wir doch beim Stress noch ne Schippe drauf. Warum habe ich meine Kopfhörer im Flat liegen lassen?
Ich blicke auf die vorbei hastenden Leute. In meinem Kopf hallt irgendwie nur eine einzige bittere Wahrheit: This is not the place.

Achter Tag im November

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Belsize Park, das war das einzige, das ich fest auf meiner „To visit“-Liste hatte für diese Reise. Denn Belsize Park ist numerologisch 52. Genau wie ich.
52 Belsize Park ist außerdem der Ort, an dem ich vor vier Jahren einen der magischsten Tage meines Lebens erlebt habe. Und immer noch hoffe ich, etwas davon wieder zu finden. Doch ich war nun mittlerweile drei mal wieder dort und jedesmal begegnete mir der Ort freundlich, aber zurückhaltend. Ich muß es wohl einsehen: Magie ist ein scheuer Vogel und ein Tag, an dem sich alle Kreise schließen, ist nicht wiederholbar, auch wenn die Zahlen stimmen. Dennoch bin ich froh, dort gewesen zu sein. Es erspart mir das „what if…“ für den Rest meines Lebens.

Geburtstag in London, das hatte ich öfter. Und Sonne auch. Aber dennoch ist beides immer wieder was Besonderes. Und so war meine Stimmung gut. Ich füllte mich mit den üblichen „little helpers“ ab, in erster Linie mit Schüßler 3, ohne das gehen ja Anstrengungen gar nicht. Ein weiterer Versuch der Erschöpfung gegenzuarbeiten war ein Orangensaft mit Turmeric aus dem Sainsbury’s Local (der Verkäufer: „Hello, my love, how are you?“), aber das Zeug war so höllisch scharf, daß ich es leider nach 2 Schlucken entsorgen mußte. Im Bus ist es leer und kalt und ich wünschte, ich säße nicht direkt neben der sich dauernd öffnenden Tür. Und wenn, daß der Fahrer sie immer wieder umgehend schließen würde. Was er lieber an heißen Tagen tut, wo es ohnehin schon stickig ist. Die Misstemperierung Londoner Busse ist natürlich eigentlich sehr vertraut, ich hatte  es allerdings schon wieder vergessen.

So konzentriere ich mich auf kleine Eindrücke (ein Laden mit dem göttlichen Namen „The drunken Butler“, ein ehemals weißer Van in dessen Dreck geschrieben stand „Little fella“ und das mir schon von Googlestreetview bekannte wunderbar graue Haus „The Griffin“ (ein Club?), das mich dazu brachte, mir den Greifen als mein Schutztier auszusuchen. Daneben ist irgendwo der „Magma“ Bookstore, in den ich unbedingt noch will, aber nicht jetzt).

Am Russell Square das neu eröffnete alte Hotel Principal. The new Fitzroy
Einmal in einer Filmkulisse übernachten. Herrlich von außen, aber viel zu teuer und außerdem an einer viel zu lauten Ecke. Dennoch kultig.

An Euston Station total voll. Jetzt schon? Alles hupt. Transporter mit Aufschrift „Aqua amore“. Blaue Plakette für Charles Dickens (sicher eines von mehreren Häusern). Ein Typ, ziemlich abgerissenen Aussehens und mit übler Ausstrahlung, aber einem freundlichen Hund steigt ein. Sein Blick zu mir ist nicht zu deuten, verachtend, wie mir scheint. (Why?) Ich sehe selten Menschen, die mir ganz unsymapthisch sind.

Dann endlich in Camden.
With LOVE from Camden Eigentlich wollte ich nur durchfahren, aber die Street Art treibt mich aus dem Bus. Das MUSS ich fotografieren. Shearwater Struggle by Saroj 1
„Shearwater struggle“ von Saroj, deren Arbeiten ich ohnehin mag.
Shearwater Struggle by Saroj 2

Darüber das beeindruckende „Life“ aus lauter Spielzeugknarren. Life
Und um die Ecke Voxx Romana mit einem wirklichen Wow-Effekt-Bild.
Voxx Romana Schützt die Nischen, die Seitengässchen und Hinterhäuser, denn sie sind die besten Street Art Orte. Queer Spaces
Daß die Welt zur altmodischen Glühlampe zurück gefunden hat, finde ich herrlich. Mein Flat ist ebenfalls voll mit den Dingern. Wie sind sie doch freundlich und heimelig.
Light my way (Zuhause habe ich eine Schreibtischlampe aus Ingvar’s Lampenladen, ich meine Möbelladen, mit TEXTILkabel! Wie taktil ist das denn?!)

Vorbei an vertrauten Orten: Camden Lock (schon morgens überfüllt), The Roundhouse (wer ist da alles schon aufgetreten oder fragen wir lieber- wer nicht?!), Chalk Farm Station und The Stables. Künstlichkeit eher als Kunst.

Schließlich und endlich bin ich am Zielort und die Botschaft, die mich noch vor dem Anhalten des Busses empfängt ist klar: Message
Da stehe ich nun und weiß Bescheid. Ich lache. Typisch!
„Sieh mal, mein Kind“, sagt das große weis(s)e Universum: „Du kannst niemals in den gleichen Fluß zweimal springen“.
Daunt Books Sie (47) steht dort und liest in ein Buch hinein mit 52 (!) Gedichten. Sie liest:

I can’t sit still these days. The ocean is only memory, and my memory as fluttery as a lost dove. (…) If you touched my lips with salt water I would tell you such words, words to crack the sky and launch the ark again.*

In dem Moment weiß sie, das Buch ist ihrs. Dabei war es das letzte, was sie wollte, ein Buch kaufen… 52 Gedichte für jede Woche im Jahr.

Sie(52) steht vor dem Poetry Regal, aber kein Buch summt. Auch kein anderes. Ein paar Titel fallen ihr auf. „Cassandra at the wedding“, „The secret lives of colours“, „A life of my own“ (wer war nochmal Claire Tomalin?). Sie hört der jungen, schwarzen Angestellten zu, die mit ihrem älteren, weißen Kollegen hemmungslos, aber sehr cute flirtet. „It was so great to see you the other day“…. Ihr Lachen ist sanft wie meine Raindance Shower am morgen und seine Erwiderungen halten sie zärtlich auf Abstand.

Pop up London
Und draußen in der Auslage, alles schön, aber irgendwie…
Belsize Remembered Sie (47) will in ihren Gedichtband schreiben: Always remember Belsize Park. Als könnte sie das jemals vergessen. Sie (52) denkt: Gehen wir doch einfach weiter. Zu ihrer Überraschung sieht sie wieder den Mann mit dem Hund, sie hätte nie gedacht, daß dessen Weg HIER hinführen würde. Nun sitzt er auf einer schmalen blauen Fleecedecke auf dem eiskalten Boden und hat seinen Pappbecher aufgestellt, während sein Hund sich auf seinem Zeugs (drei Tüten, ein Rucksack) eingeringelt hat und pennt. Wieder blickt der Typ mich an, undeutbar, mit aggressiver Grundausstrahlung („bloody tourist“? „fat old Kraut“?). Ich atme tief durch und gehe weiter.

Der magische Ort kann auch ein Supermarket sein. Apfel-Kirsch für die 47jährige, Rosen für die 52jährige. Da steht der schlichte Hocker, auf dem ich saß. Just catching my breath. Nun muß ich mich in die Ecke quetschen, die dem Post Office zum Opfer fiel. „Sorry“ war das erste Wort, das wir zueinander sagten und das letzte. Ich glaube, das sagt alles. Damals konnte man noch cash bezahlen, jetzt ist alles automatisiert. Niemand ruft mir etwas nach, niemand folgt mir in den Sonnenschein, niemand… Umbrellas
Ain’t no sunshine, when s/he’s gone…

Im Bioladen bleibe ich so lange und suche meine vertrauten Kekse (ohne sie zu finden, erwäge Schokolade, aber sie ist vegan und kostet 3 Pfund nochwas), daß der Verkäufer mich fragt, ob „everything allright“ sei. Ja, nur daß ich nicht weiß, was ich kaufen soll. Wo ist das Gibraltar Pfund geblieben, mit dem ich damals bezahlen wollte (und nicht konnte)? („The ocean is only a memory…“)

Im Schatten ist es zu kühl. Und laut ist es hier auch. Also gehe ich auf die andere Seite. Sonne. Gut. Bei 10° braucht man das. Ich bin nicht erschöpft, aber ich mache auch alles sehr langsam. Sitze dort, hänge meinen Gedanken nach, versuche mich zu verorten, zu sortieren und zu erspüren, wohin mein Weg gehen wird. Loslassen, noch eine Ebene, noch einen Ring. „You will never come back again…“ (Really?)
Schwarzes Café (ich gehe nicht hinein), downside (ich gehe nicht entlang), don’t look back, „now the real sea beats inside me“.
Ich hinterlasse Zeichen.
Leaving a message Frida Mendel kenne ich nicht, aber sie ging in dem Jahr, in dem ich kam. Ja, ein großes Kommen und Gehen auf diesem Planeten, ach was sind wir doch alle unwichtig, nur für uns selber nicht, deswegen auch haben wir jedes recht ein wenig Trara um uns selber zu machen. Inspiring house
Als ich auf das Haus blicke, steht dort eine Frau am Fenster, barschultrig, mit einer dampfenden Tasse. Lebt sie gerne in London? Ist sie glücklich? Als sie fort ist, lasse ich die Kamera klicken. Das Haus fasziniert mich. Geschichten faszinieren mich. Auch die eigene. Besonders die.

Ich nehme den nächsten Bus zurück…

*Mrs. Noah, taken after the flood (Jo Shapcott)

 

Siebter Tag im November

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Daß ich nochmal in 2018 nach London fliegen würde, hatte ich überhaupt nicht geplant. Das Ganze fußte auf einem verrücken Versprechen, daß ich einem Ort und mir selber mal gegen habe: nämlich an meinem 52sten Geburtstag an Belsize Park zu sein. Ich dachte, es gäbe eine Botschaft für mich, irgendeine Symbolik, die ich mich noch tiefer in die Geheimnisse meines Daseins einweihen würde, Kreise, die geschlossen würden…

Diesmal wollte ich kein Hotel buchen (auch weil kein Passendes zu finden war), sondern es mal mit Plumguide versuchen. Verführerisch schön sind die Angebote dort, aber ich zögerte sehr lange, denn es gibt keinerlei Bewertungen von Usern und ich dachte: Wer weiß, vielleicht alles Abzocke?
BEBT in London Aber die Sorge war unbegründet, die von mir gebuchte Wohnung war genauso luxuriös und gut ausgestattet wie beschrieben und die Transaktion war transparent und ok. Defacto hatte die Wohnung nur zwei Nachteile: Sie hat ein brutal enges, steiles, fieses Treppenhaus ohne Geländer (ganz schlecht für mich) und sie war extrem hellhörig. Man hörte förmlich jedes Husten aus den anderen Wohnungen. Zum Glück sind Touristen fast nie Zuhause und nachts genauso erschossen wie ich es war, so daß es dann ruhig wurde. My view

Ruhig war auch die Straße nicht, aber das Schlafzimmerfenster war doppelt isoliert und man hörte nur sehr wenig.
Die Gegend war ein Glücksgriff und sehr bewußt gewählt: Exmouth Market in Clerkenwell ist zauberhaft und schön nah an meinen Lieblingsorten (Bloomsbury Park, Museums Street, Holborn).
Noch dazu waren die Bushaltestellen zu einer meiner Lieblingslinien (38) in Spuckweite.
Bus & Tree Die Gegend ist sehr fotogen. Exmouth Market
Pubs, Cafés und Restaurants in schönen alten Häusern, alles fast wie Filmkulissen. Instagram Heaven, wie mal jemand schrieb.
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Und –das Beste!- die Wohnung war komplett weiß. Nicht eine bunte Sache, außer der Strauß Blumen auf dem Tisch.

Ich hatte 42 qm: eine helle Wohnküche mit Balkon, umringt von freundlichen Platanen und mit Blick auf einen Regenbogen an der Fassade eines Malereibedarfladens (lieblicher Kontrast zu all dem weiß) und die schönen Kirche an Exmouth Market, ein kleines Schlafzimmer und ein großes, luxuriöses Bad mit Wanne und Raindancedusche. Ausstattung: mehr als hochwertig. Von Schnickschnack wie Sonos mit weißem Ipad zur Benutzung und TV im Wohn- und Schlafzimmer, bishin zu einem super-bequemem Bett und Handtüchern dick wie Matratzen und riesig wie Badelaken. Dazu eine Flasche Prosecco und frisches Obst in einer Schale auf mich wartend in der gut ausgestatteten Küche. Pukka Tee, Cupper Tee und Digestivekekse, Granola und Müsli in gigantischen Jars. Gemütlich allerdings war die Wohnung nicht. Egal, ich lebe sowieso fast immer nur im Bett, wenn ich irgendwo bin. Dieses ganz weiße Schlafzimmer kam mir vor wie ein Geschenk. My little whiteout
Völlig k.o. ließ ich mich am ersten Abend ins Bett fallen, zitternd vor Anstrengung und Dehydrierung und lauschte den London Sounds, Pubs, Busse, Blaulicht alle 15 Minuten.
Also wieder hier, dachte ich und spürte nichts außer der Dankbarkeit liegen zu dürfen. Ich schlief sofort ein, bis eine Herde Elefanten (meine Nachbarn über mir) mich weckten. Glücklicherweise wurde es bald danach wieder ruhig.

Happy birthday, darling, you've got sunshine Am nächsten Tag erwachte ich mit Sonnenschein. Happy birthday, darling, sagte ich zu mir selber. 52 ist ein schönes Alter. First morning
Das Buch „Motherless Brooklyn“ lag im Flat rum und ich las hinein zu meinem etwas frugalen Frückstück (Banane, Kekse, Lemon&Ginger Tee). Wieder Zuhause hatte ich Zeit, den Autoren auszuchecken. Witzigerweise hat er ein ganzes Buch über das Talking Heads Album „Fear of music“ geschrieben (nicht ihr Bestes, wie ich finde). OMG, wie lange habe ich das nicht mehr gehört.
„I Zimbra“ machte mir allerdings wieder so viel Spaß wie damals, als ich Anfang 20 war. Man hört den Einfluß von Brian Eno (und Robert Fripp- unverkennbar die Gitarre!) und der Text ist so wunderbar Dada wie er nur sein kann: Lautmalerei von Hugo Ball.
Ich bin auch mit 52 nicht zu alt für so’n Scheiß.
Bim blassa galassasa zimbrabim
Blassa glallassasa zimbrabim

A bim beri glassala grandrid
E glassala tuffm I zimbra

 

Morgen geht die Reise weiter…

 

Sechster Tag im November

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Zurück aus London bin ich nun bereits und natürlich folgt dann auch mein üblicher Reisebericht. Aber zunächst noch, was im Oktober so war.

When the sky looks like a Turner painting Natürlich der Herbst. Warum ist das jedesmal so ein Drama? Aber das ist es. Mützen voller Schlaf(bedürfnis) ergießen sich über einen und man ist (es) so müde. Da nützen auch Aufforderungen an einen selber nichts mehr. Note to self

Aber die Farben, die sind natürlich einmalig.
Plum leaves Box full of memories
Ich halte gegen (versuche es), mit Kunst und guten (heißt interessanten) Filmen und Dokus und guten Büchern. Neben „Chroma“ und den „Sick Bag Songs“ war es vor allem auch die Biographie über Marina Zwetajewa von Elaine Feinstein, die mir sehr gefallen hat. Elaine Feinstein überhaupt, noch so eine Neuentdeckung. Gute Gedichte!

Beloved Polaroids

In Rostock entdecke ich „Auf dem Weg“ und freue mich zunächst. Autobiographie von Art Garfunkel! Gut! Buchladentisch

Doch das Reinlesen enttäuscht mich, seine Schreibstimme klingt angeberisch und unecht, unangenehm irgendwie und viele Dinge sind New Yorker Insiderwissen oder zumindestens amerikanisches Insiderwissen. Mir scheint, er schreibt für irgendwen, nicht für mich.
Nur diese Passage hat mich ins inspiriert.
Nur das hat mich inspiriert In der Sektion, was gerade auf seinem Ipod läuft, erwähnt er mindestens 10 mal eigene Songs. Who bloody cares, Art?

Ich muß lachen, weil mir mein Vater einfiel, der immer „Kunst Garfunkel“ sagte. Und ich das immer zu „Kunstgefunkel“ ummünzte, der sagenhafte Karfunkelstein. Ich sah einen herrlichen Rubin vor mir.

KTV Rostock Urban Knitting 1

In Rostock erwarten mich noch mehr Enttäuschungen: Mein liebes „Bensel und Gretel“ hat zugemacht. Nachdem ich schon das Café Godot in Berlin verloren habe, ein herber Schlag. Gleich zwei Lieblingscafés und Schreiborte in einem Jahr zu verlieren!

Postcards in the Café Also gut, dann ins Café Central, dort gibt es einen gar köstlichen Salat, lecker, frisch, hervorragendes Dressing, drei Stücke gutes Brot, eine Portion, die richtig satt macht. Kosten: 4,95. Für nichts anderes macht es so viel Sinn auswärts zu essen, denn: Salat machen ist viel Arbeit, erfordert er doch das Dasein vieler Zutaten und das Ausführen vieler Arbeitsschritte. Hätte ich Pasta bestellt, wäre ich mindestens das doppelte an Geld losgeworden. Aber Pasta kann ich selber.

Vorher gibt es mal wieder frische Polaroids aus denen lege ich mir Bilder und erspinne Geschichten im Kopf.

Beloved Polaroids2

Den besten Cappuccino hat die (Bio)Mühlenbäckerei. Dort zu sitzen ist nicht sonderlich erbaulich und schon gar nicht inspirierend, aber für ein Leckertän ein Ort des Verwöhntwerdens.

Leckertän!

Auch Thalia in der City gibt nix her. Bei Thalia

David Bowie interessierte mich noch nie wirklich. Aber auch hier wieder eine Passage, die mich schmunzeln ließ.

David Bowie

Nun ja, dann zum Hafen runter. Mal am Wasser sein. Rostock Hafen
Wer bitte hat diese Laternen designed? D. lachte, als ich sagte, sie sähen aus wie Ministeck in weiß.

 

Neunzehnter Tag im Oktober

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Neulich, als ich in meinem Foto-Ordner etwas suchte, stieß ich auf diese (wirklich nicht gute) Aufnahme, 2014 in London aus einem fahrenden Bus fotografiert, auf dem Weg von Angel in Richtung City.
Unaware Ich hatte keine Ahnung, daß 4 Jahre später der Blick aus „meinem“ Küchenzimmerfenster auf diesen Pub gehen würde! How nice! (Mal sehen, wie laut die Straße ist…)

Ich hasse das Wort „schockverliebt“, aber hier stimmt es. Ich bin ohnehin schon Field Notes Fan, aber die sind wirklich die Krönung. Field Notes Haxley
Jay Ryan hat für den Oktober den Bären Haxley und seine beiden „Taschenlampeneichhörnchen“-Freunde erdacht und gezeichnet, die jeden Tag ein kleines Abenteuer erleben. Ein Notebook hat auf jeder Seite eine Zeichnung und auf der anderen Linien. Das andere ist blanko. Must (not) have (but nice if).
Field Notes Haxley inside Die Taschenlampen der Squirrels auf dem Einband leuchten übrigens im Dunkeln!  Was ich an Fieldnotes so liebe, ist (neben den Ideen, der Papierqualität und dem Design) die letzte Seite, voller unnützer, aber herrlich präziser Infos und jeder Menge Humor. Man erfährt sogar, mit welchem Gerät die abgerundeten Ecken gemacht wurden. Und endlich mal nicht „Made in China“. Proudly printed by good people.

 

Ein Glücksgriff ist auch mein neues Buch. Chroma

In kleinen Häppchen (Gewichtchen sozusagen) bringt Derek Jarman einem darin Erinnerungen, Wissenspartikel und Einfälle zu Farben dar. Das hat mich dazu inspiriert, auch noch mal über meine Lieblingsfarben nachzudenken (und zu schreiben). Wie man sich doch verändert. Vom Himmelsblau zu Payne’s Grey sozusagen. (Aber dazu ein andermal mehr)

 

Siebzehnter Tag im Oktober

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Kennt ihr Jive? Nicht? 1978, also vor 40 Jahren sprach der noch zu uns. Zeit uns nochmal anzuhören, was er damals sagte:

Es ist nur dein Jive, der
Du erzählst mir Lügen, ja
Jive spricht
Du trägst eine Verkleidung
Jive spricht
So missverstanden, ja
Jive spricht
Du tust wirklich nicht gut

Sollte einem das Leben einmal freudlos erscheinen, ist das einfachste Mittel irgendeinen (Song)Text zu nehmen und ihn bei google translate einzuwerfen. Und dann spricht Jive zu uns und erkennt, daß wir ja wirklich eine Verkleidung tragen. So ein Ding!
(Für die Jungspunde, die meinen Blog lesen: „Jive talking“ war damals ein sehr beliebter Song der Bee Gees, Album: Saturday Night Fever.)
Übrigens entstand der Rhythmus zu dem Song beim Überqueren einer Brücke.

(Hier die Original lyrics:
It’s just your jive talkin‘
You’re telling me lies, yeah
Jive talkin‘
You wear a disguise
Jive talkin‘
So misunderstood, yeah
Jive talkin‘
You really no good)

Das besagte „Jive talking“ ist ein US-Slang-Ausdruck, damals vor allem von Schwarzen benutzt und bedeutet so viel wie „rumschwafeln, Scheiße erzählen, labern“.

Ja und auch wenn man seine Poesie auf Kotztüten im Flieger notiert, so wie Nick Cave, braucht das keine „gelaberte Kagge“ zu sein. Im Gegenteil. Ich bin sehr angetan. Nicht wirklich der Mann meiner Träume, der Gute, doch seine düstere aber kluge, beunruhigende aber inspirierende Poesie ist tragend. Ich habe mir „The Sick Bag Song“ zunächst als Hörbuch zugelegt, von ihm selber gelesen und wie er das macht, ist einfach fantastisch. Dann erwachte in mir der Wunsch, den Text auch noch zu haben und ich bestellte das Buch.
Wie bei allen guten Texten gefällt mir vor allem die Atmosphäre, die jemand herauf zu beschwören in der Lage ist. Ich fühle mich angesprochen von einer Melancholie aus verregneten Nächten in schäbigen Hotels und Bussen, die durch die Dunkelheit brausen, am Rande wahrgenommene Horrorszenen (wie einen Unfall mit kopfloser Leiche) und blitzartigen Detailwahnehmungen, Lichter, Bars, Schatten, lost & lonely highways, fremde, einsame Gestalten und immer dieser Wahnsinn und zugleich die große Süße: I have to perform. Da ist Patti Smith und ihr kleines Buch („Woolgathering“) und ihr „knapsack“ (dieses Wort), da sind Terrakottagötter und Elvis, da sind die Musen und die Eisenbahnbrücken, deren Schienen vibrieren und von naher Gefahr künden. Da sind verlorene Träume, verwaschene Erinnerungen, schwellende Flüsse, unanswered phonecalls und Engel, die flüstern: „You must take the first step alone“. (Das wäre übrigens auch ein grandioser Titel für das Buch gewesen.)
Und es scheint, die goldenen Tage wollen gar nicht enden. Dazu hat sich der Wind so gelegt, daß ich hier eine unfaßbare Stille erlebe. Die Windräder schweigen. Die Bäume auch. Nichts rauscht. Ich höre nur das Rascheln der trockenen Blätter auf der Straße. Oft denke ich, jetzt kommt jemand, aber niemand kommt.
Ich liege da und lasse mich durchglühen, die Oktobersonne ist immer noch sehr warm. Ein weiblicher Hausrotschwanz fliegt auf den Gartentisch, gleich vor mir. Kluge Äuglein blicken mich voller Liebe und Frieden an. Ich denke: Ach ja…

Vierzehnter Tag im Oktober

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Holunder Fantastische goldene Oktobertage, sonnenvoll und so warm, herrlich. Ich bin nur noch draußen.

Distant flickerings, greener scenery
This weather’s bringing it all back again
Great adventures, faces in condensation
I’m going outside and take it all in

Ich saß heute morgen lange dort in diesem wunderbaren Wind und blickte auf die große Esche, die am Feldrand steht und deren goldene Blätter nun in jeder Menge fallen und dann dieses herrliche Rascheln hören lassen, wenn sie auf der Straße hin und her bewegt werden. Ich hatte meine Kopfhörer auf und hörte die Songs meines MP3players auf Zufallsmix. Unter anderem auch dieses all-time-fav von Imogen Heap.

Und selbstredend denke ich an London. Vorfreude ist herrlich. Das Wetter ist so londonerisch. Dieses goldene, magische Licht. Aber natürlich muß ich mit Regen rechnen. Tue ich auch. Frage mich, welchen Mantel ich anziehen soll und was ich packen soll und wo hinein? Hacki? Oder Koffer? Ich bleibe drei Tage. Nur. Reicht aber auch. Obwohl, wenn ich ehrlich bin, würde mir auch nochmal so richtig lange gefallen, wie damals vor vier Jahren, nur woher das Geld nehmen für eine Unterkunft?

Hoxton Mini Press wird 5 Jahre. Ich kann diesen kleinen Fotobuchverlag gar nicht genug empfehlen.

Breakfast with Hoxton Mini Press 1

Angefangen hat alles mit einem alten Mann (Joseph), der sein ganzes Leben lang in East London, genauer in Shoreditch gelebt hat. Martin Usborn hat ihn kennen gelernt, begleitet, fotografiert und interviewt. Herausgekommen ist dabei dieses kleine Büchlein, das wirklich ein ganz besonderes Werk geworden ist. (Und in dem Video auch schön vorgestellt wird, langsam, sorgfältig, mit genug Eindrücken)
Der Erfolg des kleinen Buches hat Martin und seine Frau dazu gebracht, noch mehr Bücher heraus zu geben, allen gemeinsam: sie haben London und meist auch East London zum Thema. Sie sind recht günstig (etwa 15 Euro) und alle ganz liebevoll und sorgsam gemacht. Ich habe zwei, werde aber wohl demnächst in London mein drittes kaufen, mal sehen.
Breakfast with Hoxton Mini Press 2

Fünfter Tag im Oktober

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Mariannen Ecke Oranien Der Himmel über Berlin ist blau, die Luft mild, es ist sonnig und golden, wunderbares Wetter . Ich bin mitten im Kiez und wie immer eine Mischung aus erschöpft und verträumt. Kisch & Co

Alle bleiben! Während ich mir so den Weg zum „Bateau Ivre“ erbummle, denke ich an zwei Dinge, an Joseph Beuys (am Tag zuvor den Film von Andres Veiel gesehen) und an DK, einen Londoner Freund, der einen Fahrradunfall hatte und gigantisches Glück, nur das Knie aufgeschlagen, sonst nix. Hätte (bei einem Zusammenstoß mit einem Motorrad) auch anders ausgehen können. Wir whatsappen uns so durch den Morgen und ich schreibe, er habe eben einen Schutzengel gehabt. Der Gedanke schien ihm neu zu sein, aber er mochte ihn. Als ich dann bei „Kisch & Co“ nach Postkarten gucke, staune ich nicht schlecht, denn da sind zwei direkt in unmittelbarer Nähe von einander, die die Symbole des Tages zu bestätigen scheinen. Im „Ivre“ dann, mache ich es mir gemütlich (diese schönen Holztische dort!) und betrachte sie eingehend. Schutzengel (für Damien)
Ich schicke DK das Foto und schreibe: „What a coincidence!“ und er ist begeistert. „A sign, if there ever was one“. meine ich. Tröstend sei das und schön, schreibt er.

Beuys: Jeder Mensch ist ein Künstler. Ich glaube das eher nicht, aber jeder Mensch ist ein Kreativer. Ein Künstler ist er dann, wenn seine Neigung kreativ zu sein einen Großteil seiner alltäglichen Handlungen bestimmt. Einem Menschen das Kreativsein abzusprechen, zu vermiesen, auszureden, gar zu verbieten, ist meiner Meinung nach ein Verbrechen das mit Freiheitsberaubung gleichzusetzen ist. Leider geschieht dies häufig. Erstens: durch einen tief in unserer Gesellschaft verankerten (meiner Meinung nach vollkommen fehlgeleiteten) Gedanken, daß man nur dann Künstler ist, wenn man mit seiner Kunst Geld machen kann. Zweitens: dadurch, daß man Kindern ihre natürliche Kreativität ausredet, verdirbt, verbietet oder verhöhnt, um sie zu funktionierenden Wesen (was auch immer das bedeutet) zu machen.

Ein Glücklicher, den das nicht anficht oder der es sich zurück erobert. Oder der gar gefördert wurde.
Bateau Ivre 1 Darüber denke ich nach, während ich im Ivre sitze und schreibe. Ich mag das Teil. Ich kann nicht mal sagen warum eigentlich. Bateau Ivre 2
Die Musik ist nicht sonderlich (glücklicherweise habe ich meine eigene), der Kaffee eigentlich auch nicht (der Apfelsaft aber ist grandios), das Klo ist ne Treppe tiefer und ziemlich schäbig, die Bedienung zuweilen etwas langsam (aber nett). Aber die Atmosphäre stimmt. Ich liebe die weichgeschabten Holztische, die Bestuhlung, die schaukelnden Lampen, die großen Fenster und die Lage. Draußen rauscht das SO36-Kiezleben vorbei, drinnen hat man Zeit und Muße, so gehört sich das. Das Publikum ist gemischt. Coolness ist nicht angesagt.
Mein Lieblingstischchen ist das hier, das ist meine Nische.
Meine Nische

Bald jedoch treibt mich der Sonnenschein wieder vor die Türe. Und auch mein Wunsch, Bilder zu machen. Noch ein „verlassener Tisch“-Foto, auch hier ein Engel! Angel

Und sonst?
Esse ich langsam einen köstlichen Apfel aus dem Frauenkollektiv-Bioladen „Kraut und Rüben“ und genieße dabei die Sonne.
Mache ich zig Street Art Fotos. (siehe Flickr)
Wall Art 3 Entdecke ich eine wunderschöne Postkarte (die dritte) in einem kleinen Kunstladen und werfe den Beuys in einen typischen Postkasten. Post

Schnuppere ich am Schokoladen-Laden herum, aber da ist nüscht los. Schokofabrik
Gehen mir die agressiven Bettlerinnen im Kiez sehr auf den Zeiger.
Bedaure ich es, daß der Töpferladen und der Müßiggangbuchladen zu haben.
Kaufe ich in der Grünen Papeterie (bitte hinfahren und den Laden unterstützen, falls ihr in Berlin wohnt oder seid, er ist so liebenswert und es ist so ein Wunder, daß er seit 28 Jahren jeden Mietwahnsinn und jede Krise übersteht!) ein florales Stempelset.
Ist es nach 4-5 Stunden aber auch wieder genug und ich ersehne meine ländliche Stille und Abgeschiedenheit.
Comfort Zone
Lese ich in einer fantastischen Kunstzeitung über diverse Photoausstellungen (und finde darin u.a. auch ein weißes Pferd- noch ein Engel).
Bin ich so dankbar, daß ich zurück nicht die Öffis brauchte, sondern D. mich an Ort und Stelle aufgabelte.
Geraten D. und ich auf dem Rückweg in einen extremen Stau nach einem Unfall. Da hatte jemand leider keinen Schutzengel. Ich spreche schnell ein Gebet.

Fahren wir mit einem gigantischen Abendrot zu unserer Seite nach Norden, lassen die Stadt bald hinter uns und werfen uns in die Arme der vertrauten Landschaft. Als wir ankommen ist es dunkel.