Siebzehnter Tag im Mai

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Was ist doch „Chatanooga Choo Choo“ für ein bemerkenswerter Song.
Da vertreiben die Amerikaner die Ureinwohner des von ihnen besetzen Landes oder schwatzen es ihnen billig ab für ein paar Pullen Fusel, um die Eisenbahn zu bauen von der aus sie dann später- just for fun, haha- auch noch das heilige Tier der Natives, den Büffel, abschießen.
Chatanooga war damals ein frequentierter Eisenbahnknotenpunkt in Tennessee. Doch nicht genug, der Text über die kleine freundliche choo-choo-machende Dampflok und ihren Zug hintendran, beinhaltet auch so menschenverachtende Zeilen wie:
Pardon me, boy, is that the Chatanooga Choo Choo?
Yes, yes, Track 29!
Boy, you can give me a shine!
Boy, vermutlich auch wenn der black man schon längst erwachsen war und man sieht sie förmlich vor sich, den reichen WASP, drt sich noch mal eben einen shoe shine geben läßt, bevor er  oder sie (“I’ve got my fare” und „Dinner in the diner, nothing could be finer“) den Zug besteigt, den sich der schwarze „boy“ weder leisten kann, noch in dem er sitzen dürfte und wenn dann irgendwo im Güterwaggon.
Gesungen u.a. 1941 von Dorothy Sowieso und den Modernaires, zur Stärkung der good spirits der Amiland-Truppen auf dem Weg in den Krieg.
Und später dann, der „Sonderzug nach Pankow“, den Udo Lindenberg gerne besteigen würde, um mit Honni nen frischen Cognac zu trinken und an sein geheimes Rockerherz zu appellieren.

Mein Vater, ein Freund von witzigen Songs mit Verdrehungen und Verballhornungen, kannte aber auch dies:

Verzeihn Sie, mein Herr,
Fährt dieser Zug nach Kötzschenbroda?
Er schafft’s vielleicht,
Wenn’s mit der Kohle noch reicht.
Ist hier noch Platz,
In diesem Zug nach Kötzschenbroda?
Das ist nicht schwer,
Wer nicht mehr stehn kann, liegt quer.
Ja, für Geübte ist das Reisen heute gar kein Problem.
Auf dem Puffer oder Trittbrett steht man bequem.
Und dich trifft kein‘ Fußtritt,
Fährst du auf dem Dach mit,
Obendrein bekommst du dort noch frische Luft mit!
Morgens fährt der Zug an Papestraße vorbei,
Mittags ist die Fahrt nach Halensee noch nicht frei.
Nachts in Wusterhausen
Läßt du dich entlausen
Und verlierst die Koffer auch noch leider dabei(…)

Ich erinnere mich genau, wie ich das Entlausen in Wusterhausen als Kind immer so witzig fand.
Besagtes Kötzschenbroda ist heute Radebeul. Ich verstand als Kind immer „Ketschenbroda“ und „Ketschen“ („catchen“) war eine von meinem Ollen ebenso oft erwähnte Sportart; ringen ist das, glaube ich. Als Kind für mich vollkommen verständlich, daß ein Ort so heißen kann.

Genauso wurde aus „Sentimental journey“:
„Stell dir vor, wir hätten was zu rauchen/stell dir vor wie schön das wär…“
Und aus „In den mood“:
„Ham Se schon gehört, Mahatma Ghandi is tot/schade um den alten Mann…“, dazu führte er eine Art „Mr. Stringer im Gallopp-Hotel“-artigen Twist auf, der sehenswert war.
(Mein Vater hatte kurze Beine und war dabei immer so herrlich unelegant, aber –wie der Rheinländer sagt- ein Mensch, der „vor nix fies“ war.)

Mist, wie leite ich denn nun über zur Chiharu Shiota Ausstellung, über die ich eigentlich bloggen wollte? Ich glaube gar nicht, na denn morgen.
Aber hier sind noch zwei Quadrate-Collagen, die gezeigt werden wollen. Wie immer bin ich etwas manisch dabei und sitze nun schon an der vierten.
Collage small squares 2 Collage small squares 3

Elfter Tag im Mai

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Es sind diese Tage, die in einem nahezu immer gleichen Flow ablaufen, aber in einem guten. Auch wenn es mal dunkler, kühler und regnerischer ist, hat sich der Frühling doch nun fest etabliert und das ist ein verdammt gutes Gefühl. So lange habe ich dieses Mal darauf gewartet! (Gut, daß man das nicht schon bei Beginn des Winters weiß, das wäre unerträglich.)

Ich lese/höre dieses Jahr eine Biographie nach der anderen, aber ein definitives Highlight war diese hier.
Lindgren Biographie Besonders schön daran: Das lange Kapitel um Lindgrens Sohn Lasse. Liest sich wie ein Krimi und ist vielleicht auch vielen unbekannt, die Geschichte. Danke, Frau Zeilensprung, die so lieb war, sie mir zu schenken. Ich habe jede Lesestunde genossen.

Die Abende sind angefüllt mit Musik. Und an weniger guten Tagen ist so etwas ein enormer „uplift“, finde ich.

Dazu Collagen. Nach den Kreisen von damals,  sind es nun die Quadrate, die mich gefangen halten. Irgendwie hoher Suchtfaktor. Collage small squares 1

Und dann und wann spiele ich aber einfach nur rum, was mir immer das liebste ist.
Anna & Co
Anna war meine Großmutter, die ich leider nie kennen lernen konnte. Der Name ist hübsch und die Buchstaben hatte ich gerade zur Hand.

Vierter Tag im Mai

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Ich bin zur Morgentrödlerin geworden, finde nicht aus dem Bett. Ganz untypisch für mich.
Gestern las ich ein wenig in „Journal of a solitude“, ein Buch aus dem man immer ein- und ausschwingen kann, wie man möchte. Ganze Passagen habe ich angestrichen, weil ich sie wunderbar geschrieben fand oder mir die Gedankengänge so vertraut schienen.
Warum wurde das eigentlich nie übersetzt? Überhaupt kennt hier wohl niemand May Sarton, die in den USA aber eine Ikone ist, genau wie Mary Oliver.
May Sarton Lustig fand ich, daß ich, als ich May Sartons Geburtsdatum nachschlug, feststellte, daß der 3.5. ihr Geburtstag wäre, ihr 105. in diesem Jahr. Wie gesagt, das passiert mir andauernd. Und ich freu mich immer. Als sagte einem das Große Ganze damit: „Gimme 5!“

Irgendwann sitze ich aber dann doch wieder am Schreibtisch und mittlerweile bin ich auch wieder etwas kunstfleißiger als vorher. Dieses Mini Book allerdings will nicht so recht fertig werden. Mini Book unfinished
Dabei gefällt mir gerade die Innenseite sehr gut.
Mini Book innen Das ganze ist aus Seiten von Büchern von Sabrina Ward Harrison gemacht, die ich 2nd hand erstanden habe und nun schlachte. Dankbares Material für Basteleien, vor allem für kleine Tütchen etc.. Für das Minibook habe ich die Seiten mit Sandpapier behandelt, dann mit Schmincke Airbrush Ink neu eingefärbt, darauf folgten dann Tintenkleckse in Sennelier Walnut, roter Neocolorwachsmaler, weißer Fineliner und schließlich passende Wortstückchen für eine Minigeschichte, wie gesagt, bisher unfertig.

Gestern Abend dann widmete ich mich mal wieder ein bißchen dem Fitzelskram. Squares Postcard
Ich mag das.

Tanzen oder Kunstvideo sehen? Oder beides?
Voilá.

Erster Tag im Mai

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So gefällt mir der Beginn eines Sonntags: In der Küche sitzen und quatschen, danach dann (wenn der Partner gegangen ist), noch bleiben und in einem dicken Bildband blättern.
Agnes Martin mal wieder.
Sunday morning kitchen reading “Not to know, but to go on” gefällt mir gerade als Satz genauso gut wie “Anything is a mirror”. Sunday morning kitchen reading 2

Dieses Bild war an dem Morgen mein Liebling.
One of my fav Martins Ich bin immer wieder fasziniert von diesem akuraten Bildaufbau einerseits und andererseits davon, daß man das von Hand Gezogene der Linien so gut erkennen kann. Noch mehr aber fasziniert mich, was dahinter steht. Diese Persönlichkeit, die sich dafür entschieden hat, daß Alleinsein großes Glück bedeutet und sich ganz der Kunst hingab. Beinah kompromißlos. Nichts anderes an sich heran lassen als Liebe, Frieden, Ruhe und Harmonie. Faszinierend.

Später dann liege ich auf meiner Gartenbank und obwohl es viel zu windig ist, habe ich mich so sehr in alle Decken gehüllt, die ich habe, daß ich ganze zwei Stunden draußen verbringe. Dabei sind es gerade mal 13°. Aber die Sonne brennt und ich bleibe liegen und verschmelze mit der Natur. Und brauche nichts. Innen bin ich kribbelig, gelangweilt und nervös und draußen, unter den Vogelstimmen, dem Wind und dem üppigen Grün bin ich vollkommen bei mir selbst. Das verblüfft mich doch immer wieder.

Abends dann, mache ich Collagenkarten. Die Kombination der gemusterten Streifen und Kreise war nur ein Versuch. Postkarte Mustermix
Gefällt mir aber nicht so schlecht.
Gleich noch eine zweite.
Mustermix2

Und mit Textmaterial aus dem Coupland (siehe voriger Eintrag), noch zwei kleinere Karten. A chorusImmer wieder interessant, daß sich in jedem Buch irgendwo ein schöner, interessanter Satz finden läßt.
A gentle wind
Einzelne Sätze sind schöner als ganze Romane.

Achtundzwanzigster Tag im April

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Gestern verließ ich mal meine Kolchose hier und begab mich in die Hansestadt um meine üblichen Lieblingsorte abzugrasen. Ich mache dabei immer dasselbe, was ich aber zur Zeit irgendwie gut finde. Ich bin nicht sonderlich abenteuerlustig momentan. (Was mit ein Grund ist, warum ich meine Londonreise abgesagt habe, ein anderer ist, daß es mir zu strapaziös ist und mir der Sinn nun wirklich nicht nach Hotel stand. Glücklicherweise habe ich fast das gesamte Reisegeld wiederbekommen. Fein.)
Rostock Tadellöser Laut lachend stehe ich also gestern Morgen in meinem Lieblingsantiquariat, dem „Koriander“. Wer Kempowskis Tadellöser-Film kennt, weiß warum: Reise in den Harz und dieser bescheuerte Oberst mit seinen seltsamen Allüren. „Ich suche hier schon seit Tagen die Briefe der Lieselotte von der Pfalz, dieses ganz vorzügliche Buch kann man ja immer wieder lesen.“ Pause. Erhobene Stimme: „Liest das zufällig jemand?!“ Alle verneinen. Dann zu Robert, der neben dem Radio dezent vor sich hinhottet: „Stell doch den Niggerjazz ab, Junge, taktlos so was!“ Als Gag hätte ich das Buch kaufen sollen. Köstlich. D. und ich zitieren das oft, wie überhaupt den ganzen Film, den wir in weiten Teilen auswendig können. Aber 2 Euro war mir dann doch zu viel. Statt dessen kaufe ich für 1 Euro zum Schlachten Couplands (unsäglich schlechtes) „Girlfriend in a Coma“, bei dem mich nur die Kapitelüberschriften faszinieren:

All ideas are true

One day you will speak with yourself

Dreaming even though you are wide awake

The past is a bad idea Rostock Coupland
Endlich scheint mal die Sonne und ich zuckel so die Straße runter, dankbar für weichende Kälte, die man in der Sonne nicht spürt, im wehenden Mantel, halbwegs dynamisch und hämisch grinsend, weil ich gerade NICHT der unsäglich demütigenden Kontrollzeremonie des Flughafens folgen muß oder in der klaustrophobische Enge eines Fliegers sitze, nur um mich dann über die Schuhschachtel von überteuertem Hotelzimmer zu ärgern, mit vielleicht dem Gefühl: London- so what?!
Schlimm nur und für mich beinah unerträglich, der Gedanke, daß mein kleiner Flat nicht weiter zur Vermietung zur Verfügung steht. DAS loszulassen ist wirklich schwer. Noch immer zehre ich von dem einen Monat, den ich dort verbracht habe, wunderbare Erinnerungen an die köstliche Freiheit von Alleinsein und Unabhängigkeit. Nun ja, immerhin hatte ich das. Mehr kann man vielleicht nicht verlangen.
Rostock Richtungen Also on with the dance. Für Karten gehe ich stets in den netten Freiraum Laden. Es macht immer irgendwie Spaß dort einzukaufen, da ich aber fast all den Schnickschnack, den sie haben nicht brauche, bleibt es meist bei Karten. Meer kann man nicht wollen. 😉 Rostock Meer wollen
Und was ist im Kino so los?
Rostock Filme im LiWu Liest sich wie ein Gedicht. Sind aber drei Filmtitel. Über „What if you fly“ lache ich wieder. What if you don’t fly? (Hab ich schon mal gesagt, wie sehr ich fliegen hasse?)

DEFA Filme von Heiner Carow werden gezeigt. Leider ohne Kathrin Sass. Rostock Filme Heiner Carow
Ich mag die alten DEFA Schinken sehr gerne. Viele der Filme von damals sind absolut liebenswert und wirklich gut. „Hostess“, „Das Versteck“, „Paul und Paula“ natürlich und „Einfach Blumen auf’s Dach“ (zum Schreien komisch) und der schon etwas ältere „Das Kaninchen bin ich“. Der für wertvoll erachtete „Bis das der Tod euch scheidet“ ist mir allerdings etwas zu heftig.
Ich lese: Ein streckenweise grell inszenierter, dramaturgisch jedoch geschickt aufgebauter Ehekonflikt-Film der DEFA, der die offiziellen Phrasen vom allgemeinen Glücklichsein in der sozialistischen Gesellschaft ad absurdum führt.
Aber mir reicht schon der Trailer. Also wieder: Kino is nich…

Ich wandere zu meiner üblichen Lieblingslokalität und genieße meine übliche Lieblingssuppe. Diesmal passend zur Totebag (Cy Twombly): Life imitates art.
Rostock Life imitates art Und da baut sich auch wieder –wie von selbst- mein kleiner Schreibtisch auf. Rostock Buch & Karten
Karten schreiben und verschicken, ins Buch reinlesen, Papiere ordnen, das Diktaphone besprechen.
Und wohlfühlen. Die Atmosphäre in dem kleinen Laden ist gut, das Essen köstlich. Freundliche gelbe Tulpen auf den Tischen, Leute ohne Mäntel, teilweise nur noch in Strickjacken. Ein Baby weint, wird aber von seinem Vater, der es im Tragetuch hält, geschuckelt. Er ist geübt und kann Babyschuckeln, essen und mit der Mutter des Kindes reden gleichzeitig. Es läuft irgendeine angenehme Musik, ich habe Zeit, lasse meine Gedanken schweifen. Wäre ich jetzt lieber in London? Nein. Ich wäre lieber geborgen gerade, sicher, nicht heraus gefordert, sondern im eigenen Garten sonnendurchwärmt, was ich für den Nachmittag plane (und auch durchführe, inklusive des von mir so geliebten auf der Gartenbank einschlafens mitten im Gesang all der Vögel). Seit zwei Tagen sind auch endlich die Schwalben wieder da.
Schließlich gehe ich noch zum Markt und kaufe einiges –leider schon leicht angewelktes- Grünzeugs für meinen Salat.
Rostock Artige Kunst
Die “artige Kunst” ist eine neue Ausstellung in der Kunsthalle. Ich aber freue mich total auf Chiharu Shiota, deren „Under the skin“ ab Anfang Mai dort ausgestellt sein wird.
Als alte Spinnerin und Handarbeiterin haben mich Fäden natürlich besonders fasziniert und tun es noch.

Neunzehnter Tag im April

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Um mich auf London vorzubereiten, höre ich mir meine Audiotagebücher der letzten Reise an. Ich mußte schmunzeln als ich mich sagen höre: „Ich kann mir nicht vorstellen, daß einmal, der Tag kommt, an dem ich ‚Carnation, lily, lily, rose‘ nicht mehr sehen mag.“
Das Gute an Audio-TBs ist, wie wunderbar man doch gleich wieder in der Stimmung der aufgezeichneten Zeit ist, da man halt eben die Geräuschkulisse des Umfeldes mit dabei hat.
„Jeder Raum hat seinen eigenen Hall“, sage ich, während ich langsam durch die Tate Britain schreite und meine Lieblinge „abgrase“.

Zu denen gehört auch das eher düstere „Crowd Earl’s Court“, das mich aus irgendeinem Grunde stark fesselt und das nicht nur, weil ich diesmal ja wieder dort wohnen werde für ein paar Tage.

Edward Middleditch war ein sogenannter „kitchen sink artist“ (nie zuvor gehört den Begriff), aber natürlich sagt mir „angry young men“ etwas. Muß mich damit auch noch mal wieder beschäftigen. Ich erinnere mich, daß „Blick zurück im Zorn“ mich mit 19 ziemlich beeindruckt hat.

Gänzlich unbekannt waren mir auch die Arbeiten von Richard Billingham. Aber dieses Bild ist einfach zu stark, um ignoriert zu werden. Nick Waplington ist dagegen schon fast harmlos und Martin Parr sowieso, aber wer die beiden schätzt, wird Billingham lieben. Das Buch (und später der Film) ist shocking. Nichts ist so down and out wie das Leben in British Council Flats zuweilen sein konnte. Sehr mutig, die eigenen Eltern so zu porträtieren, eben gänzlich ungeschminkt.

Besonders berührt hat mich in dem Buch, daß Billingham ab und an ein Vogelbild dazwischen gepackt hat, es könnte wohl kaum einen größeren Kontrast geben, als die Schönheit und Unschuld von Vögeln und den sichtbaren Zerfall von Menschen und Kultur in diesem Bildband.
Mir fiel auf, daß die Armut, der Dreck, die Verwahrlosung und Hoffnungslosigkeit (obwohl es zum Teil auch unglaublich komisch ist) in dem Buch sich nicht im Mindesten von der in sibirischen Dörfern unterscheiden, wo das gleiche Schicksal die Menschen beutelt: Arbeitslosigkeit, Alkohol, Armut, Perspektivlosigkeit.
Ich dachte man müßte eine Ausstellung machen mit den Bildern von „Ray’s a laugh“ und Vogelporträts dazwischen und dem gegenüber eine Ausstellung von Bildern sibirischer Häuser in ähnlichen Zuständen und Hundeporträts dazwischen. Mir ist schon öfter die Schönheit der Hunde dort aufgefallen und es würde so sehr zu der sibirischen Wildnatur passen.

Wenn ich über Fotographie nachdenke, kehre ich zuweilen gerne zu meinen eigenen Bildern zurück und sehe sie mir genauer an. Dieses hier ist der Bahnhof Liverpool Street in London 2014.
Liverpool Street Station In Schwarzweiß ist dieses Bild überaus faszinierend, finde ich. Durch die Schönheit der Bahnhofsarchitektur, verwandelt sich die Szenerie. Wie aus einem Film war mein Gedanke. Ich bin besonders fasziniert von einem Closeup auf das Paar in der Mitte. Station 1
Für mich ganz eindeutig geheimnisvolle Filmprotagonisten und das Drumherum kommt einem wirklich genau vor, als habe ein Regisseur “Action!” gerufen und die Komparsen bringen sich ein wie geplant. Eine Choreographie der Reisenden.

Sechzehnter Tag im April

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Ich habe den mir selber verordneten Bücherstop kurz für ein gebrauchtes Buch unterbrochen. Nachdem mich Barry Lopez‘ Naturpoesie so berührt hat, versuche ich es jetzt mal mit einem eher geheimnisvollen Geschichtenband.
Lesen 1 Schon auf den ersten Seiten faszinieren mich Passagen wie die von der Friedhofsstille. Lesen 2
Aber wie das Buch sich so entwickeln wird, ist schwer zu sagen. Sehr ungewöhnlicher Stoff.

Der Tag, an dem der Brief eintraf, war der Tag eines ungewöhnlichen Entschlusses: abtauchen, aus der Welt verschwinden. Der Brief kam von einer amerikanischen Behörde und stellte seinen Adressaten mehr oder weniger unter Terrorismusverdacht – antiamerikanische Umtriebe, so nennt man das wohl. Barry Lopez, 63, stellt in seinem Buch neun fiktive Biografien nebeneinander, die durch mehrere Umstände miteinander verbunden sind: Sämtliche Personen haben besagten Brief erhalten. Alle sind Amerikaner, haben am selben College studiert und kämpfen auf ihre Weise gegen die herrschenden Verhältnisse. Lopez lässt diese Menschen von jenem Augenblick ihres Lebens erzählen, in dem sie sich entschlossen haben aufzubegehren…

Hier gefunden.

 

Mittags heize ich den Kunstraum ein (draußen sind ungemütliche 7°) und setze mich an die Durchsicht von alten Zeitschriften auf der Suche nach Material.
Material Eine Arbeit, die auch getan sein will. Aus dem Fenster habe ich eine nette Aussicht auf den blühenden Weißdorn. Frühling

Immer wieder locken sonnige Abschnitte, leider nie lange, aber immerhin ist es windstill. Eine Rarität dieser Tage.
Schließlich schaffe ich ein halbes Stündchen auf der Gartenbank. Himmlischer Frieden. Ich bin so von der Sonne durchglüht, daß mein Pullover anfängt nach Bügelwäsche zu riechen. Wunderbar. Genau das brauchen meine müden, alten Knochen.
Immer wieder nehme ich um mich herum die Brummlaute kurzer Flügelschläge wahr, jemand flattert um mich herum. Als ich die Augen öffne, sehe ich meine Freundin, die Bachstelze.
„Du bist es also wieder…“ Ich lebe seit Jahren mit Bachstelzen und sie verhalten sich immer gleich, diese aber nicht. Sie kommt näher, sie umkreist mich, sie scheint überall zu sein, sie scheint meine Nähe zu suchen.
Ich hatte das einmal mit einer Meise. Ohne besonderen Grund kam sie eines Tages auf meine Hand geflogen und dann einen ganzen Frühling lang immer wieder. Sie biß sogar von meinem Butterbrot ab und wenn ich draußen las, setzte sie sich auf den Buchrand. Schließlich kam sie (trotz der gefährlichen Nähe zu meiner Katze Phoebe, die auf dem Sofa lag) durchs geöffnete Fenster geflogen und bekam Sonnenblumenkerne auf der flachen Hand von mir. Nach dem Sommer kam sie nicht mehr. Ich habe sie wirklich vermißt. Es war das einzige Mal in meinem Leben, das ein „wildes“ Tier mir so bewußt nah kam. Ich hatte sie weder angelockt, noch gezähmt. Sie war eines Tages einfach da.
Die Schwalben sind noch nicht da. Zu kühl vermutlich. Ich rechne aber jeden Tag mit ihrem Eintreffen.
Die Tage vergehen ganz angenehm, nur daß es so unfrühlingshaft und kalt ist, ärgert mich. Gestern war es extrem scheußlich: Sturm und Regen, Gewitter und dann wieder Sonnenschein. Ich zog mich ins Bett zurück und verschlief den halben Tag.

Dreizehnter Tag im April

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Ach ja, *seufz*, selten so traurig gewesen am Ende eines (Hör-)Buches wie beim Briefwechsel von Astrid und Louise.
Ich kann das Hör/Buch wirklich nur empfehlen. Zwei kluge, interessante, eigensinnige/eigensinnliche Frauen führen über mehr als 10 Jahre einen wunderschönen Briefwechsel. Es war eine Wonne, sich das anzuhören, auch weil es so fantastisch vorgelesen war.
Ich mag besonders, daß sie sich beide immer jeweils nach ein wenig Alleinsein sehnten und wie sie die Stunden beschreiben, in denen sie das dann endlich hatten, selten genug. Und gleichzeitig natürlich immer die Vorfreude auf die noch selteneren Male, an denen sie einander sehen konnten.
Witzig ist, die eine war Steinziege (6. Januar), die andere Skorpion (14.November). (Klingelt da ein Glöckchen, hm, Marikechen, Goldpuder, Zaubernuß?)
Aber traurig ist es auch. Doch ich will nicht zu viel verraten.
Was ich auch merkte: Ich vermisse Brieffreundinnen! Ich bin eine große Briefeschreiberin gewesen zu Zeiten, als man das noch tat und habe immer Brieffreundinnen gehabt. Nun leider nicht mehr. Gut, natürlich tausche ich jetzt Papier im großen Maße mit Frauen auf der ganzen Welt, aber das ist nicht dasselbe. Ich vermisse manchmal diese stille, beschauliche Welt vor dem ganzen Elektronik-Kram. Aber dann auch wieder nicht.

In genau zwei Wochen fliege ich nach London. Und plane fein & eifrig, obwohl ich schon jetzt wieder weiß, daß ich keine Chance habe, weil Göttin Chaos vermutlich wieder übernehmen wird. Aber ich lebe auch ganz gerne nach dem Motto: Laß dich überraschen & beschenken. Ich hoffe alles wird gut.

Lese ich doch heute im Newsletter von London Transport:

“From 05:00 tomorrow, Friday, until 05:00 on Tuesday, St Thomas Street is closed in both directions at the junction with Borough High Street. This is for a crane operation”

Oh, wird da ein Kranich* operiert? Mitten auf der Straße? Oder sperren sie die Straße, damit der arme Kranich in der Tierklinik nicht scheu wird? Ich habe herrliche Bilder im Kopf dazu, von Flügeln, die über eine ganze Straße gehen…und Federn, die von dem armen Kerl abfallen und durch Londons Straßen schweben und Kinder, die sie begeistert auffangen…
(Als ich das meinem Mann vorlas, sagte er: „Der Arme, was hat er denn?“)

Edith Sitwell fällt mir ein.
„Jane, Jane, tall as a crane“ dichtete sie mal. (Vermutlich über sich selber)

*(Widerwillige Ergänzung: Crane ist natürlich auch der Kran. Und das Ganze ist einfach nur ein Vorgang im Straßenbau mit Kran.)

Zehnter Tag im April

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Gestern war das entzückendste Wetter, wie von mir erdacht: 17°, sonnig, leichter Wind. Perfekt, nicht zu warm, nicht zu kalt. Ich war buchstäblich von morgens bis abends draußen, habe auf der Bank gelegen, geträumt, gelesen und Reisepläne geschmiedet. Neben mir summte es intensiv von Hummeln und Bienen in unserem üppig blühenden Pflaumenbaum und rosane Blütenblätter fielen in meinen Salat. Ein Wildvogelschrei zog meinen Blick nach oben, kaum auszumachen in dem endlosen Blau: ein jagender Bussard und als ich meinen Blick senkte, blickte mich vom Häuserdach meine Freundin die Bachstelze an.
Ich lese passend dazu Barry Lopez‘ poetische Naturbeschreibungen und es erstaunt mich, wie tief der innere Frieden ist, der mich überfällt. Ich brauche nichts in solchen Momenten, gar nichts, nur das.
Ich glaube Vögel sind Boten des Guten, von einem liebenden Universum gesandt um uns zu sagen, daß es eine große Harmonie gibt, die stärker ist als das, was uns so oft niederdrückt, die Bosheit und Gier der Menschen, die Grausamkeit des hier auf Erden inkarniert sein müssens in einer Spezies, die einander nicht in Frieden leben lassen kann.

Wieder innen beende ich eine angefangene Collage und bin zufrieden.
Apres les mots

Und mein Kind ist wieder da. Nach einer Woche in England, kam sie glücklich nach Hause, alles war super: Wetter (jeden Tag Sonne), bezaubernde Gasteltern, tolle Unternehmungen und S. war begeistert über die Schönheit englischer Parks und Gärten, all der romantischen und altmodischen Details, der Höflichkeit und Freundlichkeit der Menschen und mich machte es glücklich, daß sie England genauso liebt wie wir.
Das ließ mich Reisepläne schmieden für eine Familienreise in 2018, wenn alles paßt. Doch bis dahin ist noch viel Zeit.

Heute ist es wieder windig und grau und viel zu kalt, um sich draußen aufzuhalten.

Seit gestern höre ich als Hörbuch den Briefwechsel zwischen Astrid Lindgren und Louise Hartung, wunderbar anrührend, diese sehr intensive Freundschaft, die mehr einem Verliebtsein gleicht. Das und mein Heizkissen lassen mich die nächsten grauen, windigen Tage überstehen. Und dann rückt ja auch wirklich meine Londonreise in greifbare Nähe und so langsam freue ich mich auch wirklich darauf und mein Kind beneidet mich schon. Wenn nur die Fliegerei nicht wäre. Das wird mir wieder alles abverlangen. Komisch, daß ich wirklich als Kind Fliegen so sehr geliebt habe.

Vierter Tag im April

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Heute war ich in der Kunsthalle in Rostock in der Ausstellung zur DDR Zeitschrift Sibylle.
Sibylle 1 Ich kann nur immer wiederholen, daß mich Mode eigentlich nicht interessiert, aber das glaubt mir vermutlich niemand mehr. Vielleicht interessiert sie mich doch. Aber eigentlich interessiert mich vor allem Fotografie und spannende Frauenporträts. Beides findet sich reichlich in der Ausstellung, die genau die richtige Größe hatte.

Frauen wurden in der DDR auf deutlich facettenreichere Weise abgebildet, als bei uns. Wenn ich an die Brigitte denke (die meine Mutter von Heft 1 an gelesen hat und mit deren Inhalt ich ziemlich vertraut war), dann fanden sich da in dem vergleichbaren Zeitraum doch eher sehr austauschbare Models. Immer sehr schick, sehr cool, sehr mondän und natürlich immer schlank.

In der Sibylle zeigen Frauen sich auf alle erdenklichen Weisen, von ganz cool und damenhaft bishin zu sympathisch alltäglich und auch teilweise sehr ausgefallen und vor allem viel viel interessanter als man meinen sollte. Teilweie sogar spätere Trends vorher ahnend, wie vintage look, shabby chic, industrial charme.

Außerdem mag ich diese Hemmungslosigkeit, urbane Realitäten zu zeigen: Industriegebiete, Brachland, Hinterhöfe, Brandmauern, Altes, Schäbiges, Kaputtes. Bitterfelder Schornsteine, Ostberliner Platte, die Straßen, die S-Bahnen. Alles so wie frau es eben kannte.

Sibylle 2

Die Fotografen waren vom Feinsten. Beispiele:

Roger Melis.
Sven Marquardt.  (Seine Porträts waren am geheimnisvollsten und sinnlichsten und unglaublich schön ausgeleuchtet.)
Am liebsten aber mag ich die Bilder von Sibylle Bergemann, weil sie so inspirierend sind.

Schön an der Ausstellung: Es gab eine Sitzecke mit Zeitschriftentisch mit alten Sibyllen zum Blättern. Schade, daß das Papier der Zeitschriften so mies war, so kommen viele der Fotos nicht gut raus.
Der tonnenschwere Bildband zur Ausstellung war auch sehenswert. 34 Euro war ein fairer Preis, wäre um ein Haar schwach geworden.
Witzig auch: Jede Sibylle hatte heute freien Eintritt.
Leider durfte man keine Fotos machen. Dabei haben mich so viele der Bilder sehr angerührt. Seltsam, daß ich schon das Gefühl habe, daß nur dann ein Erlebnis richtig nachhaltig ist, wenn ich es auch fotografieren kann.
Schön war auch ein Gespräch mit zwei Frauen, die mir erzählten, wie sie die einfachen Schnitte aus der Zeitschrift nutzten und z.B. aus Bettlaken Blusen machten. In der Ausstellung waren sowieso nur Frauen und ich glaube, ich war eine der jüngsten.

Vor der Kunsthalle