Sechzehnter Tag im Juni

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Gestern war ich im Kino und sah den wunderbaren Film „Zeit für Stille“, den ich nur empfehlen kann. Wasser auf alle meine Mühlen. Die Welt ist so laut und wir alle nehmen diese akustische Umweltverschmutzung viel zu sehr als gegeben hin.
Kino Eigentlich wollte ich „Swimming with men“ sehen, der bestimmt sehr witzig ist, aber nun bin ich froh, daß ich mich umentschieden habe. Denn „Zeit für Stille“ ist wirklich ein sehr schöner Film fürs Kino: grandiose Naturaufnahmen und optimaler Sound. Zunächst dachte ich, ich wäre diesmal alleine im Kino, ich war 10 Minuten vor Filmbeginn im Saal und hatte die freie Sitzplatzwahl, gähnende Leere. Dann kamen aber doch noch 6 weitere Leute. Faszinierend, das ist das erste Mal, daß ich es erlebt habe, daß jeder bis zur letzten Filmminute in der völligen Stille ohne sich zu rühren im Kino sitzen geblieben ist. Bis zum dunklen Bildschirm und dem langsamen Angehen des Lichtes.

Danach war ich selig, auch weil der Nachmittag vorher sehr schön war. new polaroids
Ich kaufte 3 neue Postkarten und 12 neue Polaroids. Trank ne (lang vermißte, leckere Tannen-)Brause, aß ne indische Linsensuppe, im Hintergrund liefen die Beatles. Und beobachtete die an meinem Caféfenster vorbeiziehenden Menschen. Alle irgendwie sympathisch.

Ansonsten bin ich gerade selig hier in meiner Sommerklause, jeder Tag ein Traum und nach dem großen Regen von letzter Woche erholt sich sogar der völlig vertrocknete Rasen wieder.
Ich lebe schlicht und einfach, mit mehr oder weniger den gleichen Tagesabläufen, nichts passiert, aber das ist auch sehr schön.
Momentan habe ich es mal wieder mit Kreisen.
Mysterious things in life Ich probiere alles Mögliche aus und fühle mich ansonsten schon fast wie Yayoi Kusama. Kreise haben irgendwas glücklich Machendes, finde ich. (Ob das YK auch so sehen würde, weiß ich nicht.)LIttle Circles Journal
Es ist diese meditative Einfachheit vielleicht.
Wish

 

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Achtundzwanzigster Tag im Mai

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pages Seit Monaten habe ich nichts mehr an meinem Journal Nummer 15 getan. Vor einigen Tagen habe ich dann beschlossen, es nun doch mal endlich zu beenden. Es fehlen ja auch wirklich nicht mehr viele Seiten. wtj 15 Mood of the month

wtj 15 Pas de deux Und wenn ich dann erstmal so schön dran bin, gerate ich immer in einen netten kleinen Flow, herrlich. Dazu diverse Dokus, die meisten finden sich auf Netflix, hier meine Top 3 der letzten Zeit:

1. Chasing Trane (über John Coltrane)

2. In the search for sugarman (über einen wunderbaren, ganz vergessenen Musiker, zum zweiten Mal gesehen)

3. Marias (über Marienverehrung in Lateinamerika)

wtj 15 draw

wtj 15 wear the journal

Und dann dieses Wetter. Da muß unbedingt dieser Song gehört werden.  Witzigerweise kenne ich den über einen Menschen, den ich vor fast genau vier Jahren an einem verqueren und scheußlichen Regentag im Pret (à manger) in South Kensignton kennen gelernt habe. Wie anders das Wetter doch heute ist (selbst in London).

Mehr Journal-Fotos demnächst.

Ach ja und dann wollte ich noch mitteilen, daß ich keine Ahnung habe von diesen neuen Datenschutzverordnungen. Ich bin nur eine harmlose kleine Künstlerin, technisch eine Null, nicht alltagskompatibel und viel zu faul, mich um so was zu kümmern. Ich tu niemandem was und erhebe auch keine personenbezogenen Daten. Wen das stört, klickt eben woanders hin. Hier lesen eh nur 3,4 Leute. Hoffentlich niemand, der mich anzeigt. Falls doch, bad bad Karma. Lohnt sich doch nicht. 😉

Vierzehnter Tag im Mai

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Leipzig und ein verrückter Tag voller Hindernisse. Staus, Blockaden, Baustellen, Umleitungen. Wir brauchten mal eben locker 1,5 h länger als geplant.
Wie gut, wenn man zwischendurch alles für ein kleines Picknick dabei hat.
Leipzig 1 Picknick auf dem Hinwweg Als wir dann ankamen, war es schon recht heiß und Baustellen aller Orten machten das Parken schwierig, die Stadt aber glücklicherweise so wie ich sie erinnerte: freundlich, besonders, hell, interessant. Überall außerdem Engel, Tierköpfe, Putten und Statuen, was sich hier durch die großen Schirme am Barfußgäßchen auch bereits ahnen läßt. Leipzig 2 Barfußgäschen
Die Freundlichkeit der Kellner! Wer von Paris genervt ist, muß nach Leipzig kommen, das den Namen Klein-Paris garantiert nicht vom Verhalten der Kellner bekommen hat!
Leipzig 3 Herrliche Architektur. Da ich aber das meiste schon vor 3 Jahren fotografiert habe, brauche ich D. jetzt nicht mit dem ununterbrochenen Zücken der Kamera nerven. Obwohl für einiges natürlich schon. Leipzig 4
In der Nikolaikirche ist Fotografierverbot. Egal, das muß man auch nicht. Wir sitzen und lassen uns beeindrucken. Wieder denke ich an St. Martin in the fields in London, die wie eine Schwesterkirche ist. Nur daß dort niemand eine friedliche Revolution geplant hat. (Oder?)
Den Namen des Leipziger Pastors mußte D. allerdings schnell googlen, der war mir entfallen, aber natürlich: Führer (ich dachte an Kämpfer, wußte nur, es war was Unangenehmes). Lustig ist, daß just jetzt die Band „Wutanfall“ eine Ausstellung in Leipzig hat. („Wutanfall – Die Punkband im Visier der Stasi 1981 – 1984“ Ausstellung, 17.05. – 10.06.2018 BStU Außenstelle Leipzig, Dittrichring 24, 04109 Leipzig Eintritt frei) Die hatte nämlich damals wirklich einen ihrer ersten Auftritte in der Nikolaikirche, wie Pastor Führer es hier so wunderbar erzählt.

„Das war HIER!“ sagen wir heute zueinander und können es noch immer nicht glauben. In dem Jahr haben wir geheiratet. Zwei Monate vorher, da gab es die DDR noch. Aber es rührte sich schon was.
Noch immer ist das wie ein Wunder für uns, daß es sie nicht mehr gibt, denn wir kannten es ja nicht anders, unser halbes Leben lang.

Eine Fahrt nach Plagwitz raus lohnt sich immer, nicht zuletzt wegen der besten Imbißbude der Repuplik, der Vleischerei.
Leipzig 5 Vleischerei Mit Sorge blickten wir auf das Haus. Wird das (auch) luxussaniert? Wie so viele andere auch? (Die wunderbare Volksbuchhandlung ist z.B. schon weg) Falls ja, dann werden wohl die neuen schicken Mieter nicht unbedingt diesen doch stark links-geprägten Imbiß unten im Haus haben wollen. Leipzig 6
Und das gibt es auch nur in Leipzig, eine Kultbrause, die unglaublich schmeckt.
Leipzig 5 Gerne wäre ich länger geblieben. Nicht eine ganze Woche, so wie 2015, aber zwei, drei Tage wären schon toll. Auf der Karl-Heine-Straße viele gute Fotomotive. Leipzig 12

Leipzig 7 Leipzig 11

Leipzig 10 Leipzig 9
Hier ist es bunt und lebendig, ganz nach meinem Geschmack.

Leipzig 8

Den Briefkasten hätte ich wirklich nicht als solches erkannt. Gut, daß ich vorher gefragt hatte, wo einer ist, da wurde ich gleich gewarnt, der sei so beklebt, man würde glatt an ihm vorbei rennen. Leipzig 14

Ansonsten denke ich über Leipzig immer noch das, was ich schon dachte, als ich die Stadt das erste Mal sah: Hier zu leben wäre vorstellbar. Natürlich habe ich das nicht ernsthaft vor. Aber wenn Stadt sein müßte, dann diese. (Und Berlin ist auch schnell erreichbar, mit dem Zug 1 Stunde 15 Minuten.)
Leipzig 13

Zwölfter Tag im Mai

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Abstract art made by nature Preisfrage: Was ist das? Ok, astract art made by nature (seht ihr das Gesicht?). Aber defacto isses der Blütenstaub auf dem Wasser unserer Regentonne.

Es war ein widerlich langer, nervtötender Winter (fast alle meine Pötte sind kapeister gegangen…), aber der herrliche Sommer, der jetzt schon im Mai beginnt, ist die Entschädigung dafür. Nach einem langen Winter
Alles blüht wie verrückt und auch nach dem großen Gewitter von neulich, setzen sich die überwiegend sonnigen Tage fort und fort und blauer Himmel und Sonne von morgens bis abends ist schon fast alltäglich geworden.
Flieder

„Ich blätterte so durch die Vogue, da sprach mich der Führer an“, nein, das ist nur der Titel eines Buches über Unity Mitford, ich blätterte allerdings trotzdem durch die Vogue. Die italienische, die ziemlich viele sehr inspirierende Bilder hat.
Merke: Vergeßt die deutsche, kauft die italienische oder die britische (Bahnhof, Flughafen, Hauptstadt eures Vertrauens). Oder noch besser kauft sie gar nicht, denn eigentlich…naja, egal. Warum kaufe ich diesen Quatsch? Weeßick nich, manchmal ist man sich selbst das größte Rätsel. Aber sie hat wunderbares Collagenmaterial. Und sie inspiriert mich. Und amüsiert mich.
Vogue Italia 1 Fotos von Migränentagen sind dort genauso zu finden, wie die Stills geheimnisvoller Filme. Vogue Italia 3
Leute, deren Geschichte man kennen lernen möchte.
Vogue Italia 2 Und schließlich…Humor! Vogue Italia 4
Am interessantesten aber ist das Männerbild der Vogue. Ich hab das ja vor 3 Jahren schon mal gemacht, daß ich das Männerbild sehr genau betrachtet habe. Auch hier wieder:
Männer in der Vogue Italia
Männer im Hintergrund, Männer, die nicht in die Kamera gucken, Männer als Randfiguren, auch am Rande der Lächerlichkeit, das schwache Geschlecht, keine Stärke, keine Machoposen, keine Dominanz. Männlichkeitssymbole winzig klein unter dem Stilettoabsatz. Der Mann als bedürftiger Umarmtwerder (linke Seite, bezauberndes Bild von Carla Sozzani und Azzedine Alaïa). Ich habe nur 2 oder 3 Bilder gefunden, wo Männer direkt in die Kamera sehen, nur eines, wo ein Mann dominant im Vordergrund steht (unten rechts) und nur 3 wo Mann und Frau gleichberechtigt neben einander stehen (Beispiel: 2. von rechts unten).
Spannend!
Nachher nehme ich mir nochmal die britische Vogue vor und vergleiche.

Neunter Tag im Mai

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Heute habe ich (endlich) das Buch von Viv Albertine ausgelesen. Endlich, weil es doch ziemlich heavy stuff war mit einer schonungslos ehrlichen Erzählstimme, die durch alle Facetten einer dysfunktionalen Familie wanderte und überall hinein leuchtete, z.T. ziemlich grenzwertig in dem, was man Lesern zumuten kann, finde ich. (2018 scheint ein Händchen dafür zu haben, solcherlei Bücher meines Weges zu schicken, schon Nadja Spiegelman („Was nie geschehen ist“) und Deborah Feldman („Unorthodox“) waren schwer verdaulich in der Hinsicht. Und natürlich auch Joan Didions traurige „Blaue Stunden“, wenngleich das nichts mit dysfunktionalen Familien zu tun hatte.)
Andererseits mag ich diese mutigen Frauenstimmen, die genau berichten, daß ihr Leben, ihre Kindheiten nicht in Ordnung waren und warum nicht und wie schwierig gerade Mutter-Tochter-Verflechtungen sind, was wir (Töchter einer Mutter und Mütter von Töchtern) so sehr schmerzhaft genau wissen.

Begonnen in London, am 22.4..
Begonnen in London 22.4. Beendet in meinem Garten, am 9.5.. Beendet im Garten 9.5.
Interessant an dem Buch von Viv war, wieviele Hinweise es darin gab, auf Bücher, die ich auch gelesen habe, manche sogar jüngst erst: Olivia Laings „The lonely city“ und Maggie Nelsons „Bluets“, Nora Ephrons „I feel bad about my neck“ und „I remember nothing“, sowie Joan Didion. Eine andere Autorin (Rebecca Solnit) ist eine, über die ich in letzter Zeit andauernd stolpere.
Es gab Zitate von Künstlerinnen, mit denen ich mich auch auseinandersetzt habe oder aus Songs, die ich kenne. Sogar die Buslinie 55 und Cecil Court sind mir bekannt (ist letzteres wirklich Vorbild für die Winkelgasse von Harry Potter gewesen?)
Intriguing Cecil Court

Herrlich auch der Zufall mit den Bäckereien in den beiden Büchern „To throw away unopened“ und dem (gänzlich anderen) Buch „Inside Vogue“, beide Frauen, etwa gleichen Alters beschreiben wie sie bewußt losgehen und die (geliebte) Bäckereien, aufsuchen, um für ihre Kinder etwas Besonderes zu kaufen. Croissants und chelsea buns bei Gail’s für Alexandras Sohn Sam, der nach 9 Wochen aus NYC zurück kommt. Ein spelt (Dinkel) scone für Vivs Tochter Vida am Tag nachdem ihre Großmutter (Vivs Mutter) mit 95 Jahren verstorben ist (eine Tatsache, die das Grundgerüst dieses Buches bildet). Doch bei Violet’s gibt es keine spelt scones, also a buckwheat scone und a banana muffin.
Als ich den Weg von Viv auf google map nachvollzog und mir die Fotos der Violet’s Bakery ansah, träumte ich mich sofort dorthin. Es ist so typisch für London, die Tafeln, wo dran steht, was es gibt, diese üppigen Leckereien mit ihren Labels drin, die Farbe des Geschirrs usw..

Ich glaube zuweilen, daß Frauen schmerzhafte Situationen gut überstehen oder aus freudigen Kleinigkeiten große Glücksmomente zaubern, hat einzig und alleine etwas damit zu tun, daß sie wissen, wie sie sich selbst (und ihre Lieben) verwöhnen können; wie wichtig kleine Dinge sind, der richtige Ort, an dem man das Richtige kauft, selbst so profane Dinge wie Backwerk. So etwas ist wichtig. Genauso wie Kerzenfarben, Servietten, Blumen, Handtascheninhalte, das Tragen eines bestimmten Kleidungsstückes, der Geruch und die Haptik vertrauter Dinge oder der Song, den man sich am morgen nach dem Aufwachen anhört.
Und dann die Tasse Kaffee/Tee zwischendurch. Winzige Momente mit sich selber und ein Lächeln. I made my way through all this. Again.

Zweiter Tag im Mai (2)

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Das Schöne, wenn man so langsam dahin krückt wie ich, ist daß man so viele Details sieht, die man sonst gar nicht sehen würde.

berlin 3 berlin 4

Von der Stargarder finde ich meinen Weg zurück auf die Pappelallee.
berlin 11 Die ist bei weitem nicht so schön wie die Kastanienallee, aber sie hat auch ihre Orte und Stellen. Und ihre besonderen Läden.
berlin 10

berlin 12 Einer dieser Läden ist die Buchhandlung „Montag“, die ich nur empfehlen kann: Klein, aber oho. Wunderbare Auswahl, bequeme Sitzbank, nebst Tisch innen und außen ebenfalls noch Sitzgelegenheiten. Es gibt Kaffee & Co. und man kann sich total gut mit der gar freundlichen Buchhändlerin unterhalten, was ich sehr genossen habe. berlin 14
Oh und der Buchverführungen waren viele! Wie habe ich es nur geschafft, da zu widerstehen. Aber gut, hier kann man dann gleiche meine Wunschliste für dieses Jahr sehen…
berlin 13 Um Joan Didion kreise ich schon seit Wochen und es ist bereits der dritte Buchladen, in dem ich das Buch in meinen Händen drehe und wende, hinein lese und schon fast so weit bin. Aber 18 Euro für das dünne Teil in Großdruck? (Sogar in London hatte ich es zwischen, da gibt es das gerade als TB für 9 Pfund) Yayoi Kusama gibt es nun endlich auf deutsch. Das wird definitiv mein Sommerbuch werden, da freue ich mich schon drauf, leider noch teurer. Das Abramovic-Buch ist eine Empfehlung der Buchhändlerin gewesen und das Lissabonbuch fiel mir ins Auge vom Titel und der Farbgebung her. Statt dessen kaufe ich einen stark reduzierten japanischen Taschenkalender mit schönen Haikus. (Es war definitv mein Japantag.)

Nach dem langen, schönen Gespräch mit Daniela vom Buchladen und voll mit Gedanken, Inspirationen und Buchwünschen, landete ich nun endlich doch noch in der „Butterecke“. Da ich aber gerade die Zitronenlimo vertilgt hatte, wollte ich gar nichts trinken, sondern nur ein wenig dort verweilen, mal meinen Kram sortieren, mein Dicki besprechen und schreiben. Da kam mir eine Idee. Ich bestelle mir einfach einen Espresso, der kostet nicht viel und der sieht kultig aus. Ich trinke eigentlich keinen Kaffee. Ich mag ihn nicht, mochte ihn nie. Ich beneide alle Leute, die ständig diese wunderschönen, kultigen Kaffeetassen austrinken können, fühlte mich immer irgendwie ausgeschlossen. Berlin 18
Egal, jetzt ist der Tag, an dem ich den ersten Espresso meines Lebens bestelle und wenn ich nur einen Schluck trinke, auch egal.
Gesagt getan. Glas Wasser dazu, wie sich das gehört. Und, was soll ich sagen: Gar nicht übel! Schön viel Zucker rein, dann geht das schon. Bitterkeit und Süße vermengen sich und ich bin begeistert. Von jetzt ab werde ich eine Spur von Espressi hinterlassen, mich durch alle Cafés trinken, die Kultcafés aufsuchen und diese wunderbar fotogenen Gläser in all meinen Fotos haben. Ha!
Was für ein Gewinn!
Berlin 19 So muß das sein. Ich sitze und schreibe, bin ganz zufrieden, der Tag hat sich entwickelt. In der Butterecke läuft zwar ein nervenaufreibenden Freejazz, aber das kann mich nicht wirklich stören, so happy bin ich über das gute Gespräch, das Schreiben und die neu gefundene Spezialität, die alles einfacher macht. Ich sitze ne ganze Weile. Innen, denn außen ist es noch ein wenig frisch wegen des kalten Windes. Dann trete ich den Rückweg an.

Berlin 20
Wie gesagt langsam und mit Blick auf kleine Entdeckungen zwischendurch.
Berlin 16 Plötzlich sehe ich zum ersten Mal den kleinen Friedhof. Er fällt mir nur auf, weil ich so intensiv die Vögel singen höre, mitten in der Stadt. Berlin 24
Ob sich das kleine Tor öffnen läßt? Aber ja…also hinein.
Friedhöfe sind ja wie kleine Parks, eben wirklich Orte des Friedens, ich mag sie, besonders in der Stadt. („Wie sie so sanft ruhen, all die Toten…“)

Berlin 21 Ein Haus mit Einschußlöchern! Welch ein seltener Anblick mittlerweile. Früher gab es davon noch sehr viele, besonders in Ostberlin. Heute kaum noch. Berlin 22
Und wer ist diese aparte Dame mit Papieren im Arm und einer Schreibhand in der Luft?
Berlin 23 Ach, das ist das Grab von Heinrich Roller (die dazu gehörige Straße ist allerdings ein bißchen von hier entfernt im Winskiez. Oder ist es der Bötzowkiez?). Ich wußte bisher gar nicht, wer das war, aber die Stenokürzel auf dem Grabstein machen klar: er war ein Wegbereiter für die Stenographie in Deutschand. Ich bleibe ein Weilchen und genieße Vogelgesang und Bäumerauschen, Friedlichkeit und eine Bank zum Ausruhen, bevor ich mich zurück begebe in das Chaos der Schönhauser Allee und der S-Bahn-Fahrt zum Westhafen.

Und das ist mein letztes Foto an diesem Tage. Berlin 25
Gut, da weiß ich schon, wohin ich das nächste Mal möchte…

Zweiter Tag im Mai (1)

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Berlin, Spandau und es ist verdammt früh am Morgen. Zu früh. Ich friere wie ein Schneider(lein), meine Zähne schlagen buchstäblich aufeinander. Haben die die doofe S-Bahn nicht geheizt? Und überhaupt, der Tag fängt ja gut an, nur Hindernisse:
Die häßliche Gegend durch die wir fahren (Spandau ist wirklich gruselig), dann der wühlige Bahnhof, ich auf schwankenden Beinen (zu lange im Auto gesessen, erstmal alles zusammenfinden), schon wieder habe ich Hacki am Hals, aber ohne geht auch nicht. Hacki scharrt laut über das Kopfsteinpflaster. In meinem Kopp ein unbestimmter Schmerz und die üblichen Gräten, die nicht wollen, wie ich wohl will. Nein, nein, nach 3,5 h Schlaf wollen wir nicht hier lang. Was denkt sie sich nur? Jetzt im Bett noch mal rumdrehen, die wohlvertraut riechenden beiden biberroten Zipfel der Decke zu je einem Ohr ziehen, Heizkissen auf volle Pulle, Kopf weich gebettet im Dinkelspelz und ab ins Traumland zurück. Yeah.
Aber ich bin doch freiwillig in Berlin (mal wieder, in letzter Zeit andauernd, was mich nicht wirklich stört, im Gegenteil).
Und die beiden bösen Hs (Hunger & Harndrang) gehen mir auch schon wieder aufe Ketten. Hunger, nun da wäre das „Backwerk“, aber ich peile ja eigentlich ein gemütliches Café an, vielleicht die „Butterecke“? Aber der Harndrang muß weg— wo issen hier…? Ah dort. Wie, ein Euro? Ein Euro für ein kleines Seechen? Seid ihr alle mad? Egal. Ich werfe also nen Euro in den Schleusenautomaten ein und begreife erst später, daß ich einen 0,50 Cent Wertbon heraus bekommen hätte, wie auf Autobahnen (wo es allerdings nur 70 Cent kostet).
Dann will ich ne Tageskarte kaufen, aber am Schalter stehen 1000 Leute an. Ok, hoch zum Bahnsteig der S-Bahn, die Automaten konsultieren. Der erste ist schon mal kaputt. Willkommen bei der BVG. Der zweite nimmt meine EC-Karte brav in sein Maul, streikt aber als ich die Geheimzahl eingeben will. Nüscht geht mehr. Abbruch und A-Lecken, ich habe glücklicherweise noch ein Ticket in petto für alle Fälle. Vielleicht brauche ich auch keine Tageskarte. So erschöpft wie ich bin, setze ich mich ins nächste Café und bleibe dort.
An der S-Bahn steht: „Achtung. Zugverkehr unregelmäßig.“ Aber das schreiben die immer. Die Bahn fährt jedenfalls kurz danach brav ein und füllt sich langsam mit müden Leuten. Sonst sind die Biester immer überheizt, aber heute (bei 2°) nicht.
Ich fahre bis zum Hackischen Markt. Die Restaurants und Cafés bereiten sich auf den Touriansturm vor, Tische, Stühle, Tischtücher, Servietten, Aschenbecher. Zögernde Sonne, die ein wenig wärmt.
Das erste Plakat, das ich sehe.
berlin 1 Und das zweite. berlin 2
Gut, da haben wir das schon mal klar. Ich stapfe zur Tram. Alles hat noch zu. Aber die Butterecke macht doch um 9 auf, oder? Eberswalder. Ich steige aus der 1 und warte auf die 12. Die muß ja gleich kommen. Doch die Tram, aus der ich gerade stieg, kann plötzlich nicht mehr weiter. Hinter ihr staut sich alles, die 12 und dann die nächste 1. Ich warte und klappere weiter mit den Zähnen. Doof.
Jetzt reicht’s, dann eben doch ins „August“. Doch darin eine Schulklasse. Alles voll. Nein, danke. Ok, dann ins „Godot“. Die öffnen erst in einer halben Stunde. Das darf ja wohl nicht…
Na schön, dann in irgendeine Bäckerei, aus der es warm und gut riecht und in der man sitzen kann. Ich bestelle eine heiße Schokolade (viel zu süß!) und ein Frischkäsebrötchen (lecker) und höre dem Oldiesender zu, sie spielen das übliche Gedöhns. Als erstes „Tainted love“. Soll das eine Botschaft sein? Danach „Summer in the city“. Haha, nein, noch nicht. Seit ich den Berliner Oldiesender kenne, spielt er immer die selben 50 Songs in immer wieder anderen Kombinationen.
Ich hole mein Notebook raus und beginne zu schreiben. Zwei dunkelhaarige Frauen mit starkem Lidstrich betreten den Laden und sehen mich streng an. Mir gefallen die Fotos an den Wänden von Brücken, S-Bahnen und Altbauten. Und der eine gestikulierende Arm, den ich sehe, von einer Frau in einer Ecke am Fenster. Ich sehe nur ihren einen Arm, schwarzärmelig, Kreise beschreibend.
Dazu hämmert aus dem Radio das überaus verzichtbare „Rockin‘ all over the world.“
And I like it I like it I lalala like it…
I’m out of here. Mittlerweile hat sich der Tram Jam am Ende der Kastanienallee wieder aufgelöst und ich überlege, es wäre doch nett mal zur Stargarder zu fahren.
Im Kosmetikladen „Tiaré“ sind die Verkäuferinnen so unfreundlich, daß ich nur staunen kann. (Ist mir schon ewig nicht mehr passiert.) Also wieder raus.
berlin 5 Im winzigen „Moby Dick“ Buchladen lese ich in Lucia Berlin rein. Wollte ich immer mal. Guter Schreibstil, sagt so mein erster Eindruck, ungewöhnlich, auch wieder so jemand, bei dem einzelne Sätze ganz großartig sind. Kein Wunder, daß Lydia Davis zu ihren größten Fans gehört. berlin 6
Ich sitze hinten im Laden, auf dem einzigen freien Sitz, einer von zwei Kinositzen in rotkehlcheneiergraublau, der andere ist voll mit Paketen und Zetteln. Wieso heißt der Laden Moby Dick? Im Regal an der hintersten Wand ganz oben gibt es allerlei Ausgaben des Buches, dazu Plüsch- und Plastewale. Ich denke für einen Moment: Jetzt könnte hier ja auch Moby laufen. Der Gedanke ist total bescheuert.
Eine Frau kommt rein und ordert ein Buch über das Unterrichten von Yoga. Der Verkäufer hat eine interessante Lache. Ich kaufe nix und ziehe mein Hacki weiter.
Wohin denn? Die Lychener runter? (Hat gerade keinen so guten Ruf, summt irgendwie nicht)
Na dann zum Italienischen Feinkostladen gegenüber. Der ist so herrlich von außen.
Doch halt, was ist das, ein neuer Laden?
berlin 7 Eine kleine Japanerin ordnet gerade minimalistische Zweige, die vor dem Laden liegen zu aparten Kunstgebilden und bittet mich nach innen mit einer lächelnd-hilflosen Wortandeutung mich dort ruhig umzusehen. berlin 8
Innen ihre ebenso zierliche Kollegin. Beide in strahlender Begeisterung über Kundschaft. Mein Hacki, in einer Ecke geparkt wie ein Kropf das schöne Ambiente störend. Es geht noch nix über den Minimalismus japanischer Läden. Neben einer Kunstaustellung, in der hilflos-kindlich gezeichnete Tierfiguren eine Rolle spielen, allen voran lilane Pferde, liegen dort dicke und dünne Bleistifte, handgebundene Kladden, Anspitzer und Radiergummis wie seltene Kostbarkeiten auf den Verkaufstischen. Die handgebundene Kladde rührt mich. Sie ist so schlicht und schön, wie eine Kladde nur sein kann. Innen liegt ein Stück Pergamentpapier auf dem mit dickem Beistift steht, daß diese Kladde dazu dient, dem neuen Besitzer auf Reisen als Trost und Handschmeichler zur Seite zu stehen, umsichtig gebunden und sorgfältig gefertigt aus hochwertigen Materialien möge sie zur Freude gereichen. Alles ist zweisprachig ausgezeichnet, Englisch und Japanisch.
In Japanischen Läden lernt man, daß selbst der Kauf eines Bleistiftes oder einer Büroklammer zu einem feierlichen Ritual wird.
Mein Kauf (Postkarte und Radiergummi), unser kleines Gespräch (die beiden sprechen schlecht Deutsch, aber das macht nichts) und die Mitnahme einer Visitenkarte wird jedenfalls von herrlichen Verbeugungen der beiden Stark-Lächlerinnen betrieben, die mir überaus sympathisch sind.

Danach gehe ich nach nebenan in das italienische Feinkostgeschäft. Ganz andere Welt. Leckere Speisen in kultigen Verpackungen. Tomatenmark, das Mutti heißt und natürlich die göttlichen (angeblich, nie probiert) Nudeln von De Cecco. Ich verwöhne mich selber und kaufe mir eine Zitronenlimonade und ein kleines Schälchen mit Schafskäse.
Neben mir kauft eine ältere Dame etwas Schinken und deutet dann auf grüne Kapseln mit längerem Stil in Öl. „Was ist das?“
„Sowieso Kapern“ war die Antwort.
Ob sie probieren wolle.
Ach nein, sie sei nur neugierig, wenn sie etwas Neues sähe.
Ich denke: Aha, ich brauche schon mal kein Frauengold mehr. Denn es gibt Kapern!
Da beschließe ich, daß sich der Tag gewandelt hat. Keine Hindernisse, kein Zähneklappern. Statt dessen zerrt la Nonna ihren Hacki aus dem Deli(katessenladen) ins Freie, setzt sich an ein schönes kleines Tischlein auf einen der wackligen Holzstühle und trinkt etwas Brause und ißt ein paar Würfel Schafskäse, während sie den beiden Japanerinnen zu sieht, die immer noch schüttere Zweige ins Innere ihres Ladens tragen, um sie dort an der Decke zu einem minimalistischen Kunstwerk zu ergänzen.
berlin 9
Jaja, das Leben ist ein paar Seiten im „Kinfolk Magazine“. Gut so.

(Fortsetzung folgt)

 

London- gut zu wissen

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Im Frühling ist es voller als im Herbst. Und das Wetter im September und Oktober ist in London oft besser als im April oder Mai. Gerade Anfang Oktober kann man oft Glück haben und hat dann 18° und Sonne.

Underground meiden und Bus fahren, denn man sieht mehr und es ist unschlagbar günstig. Eine Fahrt (Oyster) kostet 1,50 Pfund. Und wenn man innerhalb einer Stunde bleibt, kann man den Bus so oft wechseln wie man will, man zahlt immer nur 1,50. (Hinweis: man braucht nur ein-oystern, nicht wieder aus.) Ohne eine Oyster Card geht allerdings nichts.

Hotels haben Klima-Anlagen, die oft röhren wie Tier. Die meisten Fenster sind nicht zu öffnen. Hotels sind im Allgemeinen eine echte Zumutung in London. Bei booking.com (o.Ä.) die Gästemeinungen lesen hilft. Vor allem die Negativen sollte man sich ansehen. Airbnb bringt leider nicht mehr viel, da man das freie Vermieten gesetzlich eingedämmt hat. Wer auch immer ein großartiges, preislich vertretbares Hotel weiß, das nicht jotwede liegt, bitte „hier“ schreien.

Im Hotel nicht das Frühstück buchen, wenn es nicht im Preis enthalten ist (isses meist nicht). Die meisten Frühstücke dort taugen nichts. Lieber in der Nähe in ein Café gehen. Zur Not zum Pret à manger. Die Obstsalate, Smoothies etc. sind ganz ok. (Besteckteile von Zuhause mitnehmen, wenn man auf dem Hotelzimmer essen will)

Hotels haben die besten Preise für Übernachtungen von Sonntag auf Montag. Das kann teilweise bis zu 50% Ermäßigung sein.

W-lan ist in billigen Hotels oft wacklig oder fällt ganz aus. Überhaupt würde ich von allen Hotels, deren Zimmer pro Nacht unter 100 Euro sind, die Finger lassen. Die Betten sind oft Katastrophen, die sanitären Anlagen auch, die Möbel haben den Charme der 80er, die Frühstücksräume den von Jugendherbergen. Man ärgert sich nur. Selbst die teuren Hotels (so 150-200 Euro) haben schon ein paar Merkwürdigkeiten an sich, die man in Deutschland in der Preiskategorie nie finden würde.
Grundsätzlich ist London nix für Sauberkeitsfanatiker.

Wer die üblichen, häßlichen Touristen-Postkarten nicht will, guckt am besten in den Shops der großen Galerien und Museen. Dort kann man auch super-schöne Mitbringsel für die Lieben daheim kaufen (Bleistifte, Becher, Seifen, Totebags, Anstecker, Teatowls etc.) und unterstützt damit auch gleich noch die Londoner Kulturstätten.

Buchläden haben leider –anders als bei uns in Deutschland- keine Postkarten zu verkaufen, höchstens die teuren mit Umschlag etc.. (Kosten: um die 3 Euro das Stück)

Zeitschriften sind in England deutlich günstiger als bei uns. Besonders für hochwertige Kunstzeitschriften lohnt sich das.

Grundsätzlich sind alle Londoner Sightseeing Geschichten am Wochenende zu meiden, es sei denn man liebt Menschenmassen. Ohnehin geben Ort wie Camden Lock, Portobello Road oder Covent Garden meiner Meinung nach nix mehr her. Lieber mit dem Bus durch die Stadt fahren und sehen, was man so findet.

„Meal deal“ statt irgendwo essen gehen. Gibt es bei Boots, Waitrose, Tesco usw.. Ist meist ein wrap, sandwitch, roll o.ä. und dazu ein Getränk und eine kleine Tüte crips. Imbisse meiden, teuer und oft schlecht. Noch schlimmer: Essen gehen. Oft haarsträubende Preise.

Immer ein Hygiene-Gel/spray/tuch parat haben, wenn man irgendwo aufs Klo will. Die meisten Londoner Klos sind eine Zumutung.

Bargeldlos bezahlen kann günstiger sein als Geld umzutauschen. Im Grunde braucht man das wirklich nur wenn man etwas auf dem Markt kauft, aber selbst da auch immer seltener. Der gemeine Londoner kauft selbst den Coffee to go mit Kreditkarte.

Egal was man plant, es lohnt sich, sich alles vorher auf google streetview anzusehen. Die Aufnahmen sind meist ganz aktuell, also nur wenige Monate alt und man kann wunderbar sehen, ob es dort schön ist oder nicht, welche Läden und Haltestellen in der Nähe sind etc.. Dazu lassen sich Locations auf Fotos oder Homepages gut auschecken. Vorarbeiten solcher Art sparen Enttäuschungen und sind ja auch Teil der Vorfreude, finde ich.
More fun
Hier meine Londoner Lieblingsorte:

Die ganze Gegend um das British Museum
Bloomsbury Square in Holborn
Der Buchladen Waterstones am Picadilly Circus
Der Buchladen Foyles auf der Denmark Street
Earl’s Court Station
Goodge Street und Umgebung
Die Tate Britain
Die Tate modern
Die National Gallery
Die National Portrait Gallery
Somerset House
Kirche und Umgebung St. Martin in the fields
Die Seitenbänke am Trafalgar Square
St Paul’s Cathedral
King’s Cross/St.Pancras Station
Der Park am Russell Square
Comic and Book Exchange am Notting Hill Gate
Blackgull Book Store an Camden Lock
Belsize Park (Station und Hauptstraße)
Camden Passage (Angel)
Mounmoth Street, Seven dials and Neal’s Yard
Embankment Gardens
Cecil Court (Leicester Square)
Lamb’s Conduit Street (Holborn, Camden)
Stanford’s Bookshop (Covent Garden)

Dreiundzwanzigster Tag im April (2)

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Es ist das alte Spiel: Ich plane etwas und London ist aber der Meinung, daß ich da gar nicht hinsoll, sondern woanders.
So lande ich plötzlich an einem Ort, an dem ich defacto vor 4 Jahren mal war (und der damals den Tiefpunkt meiner Reise symbolisierte) und an den ich eigentlich auch noch mal wollte (weil er ganz hübsch ist), allerdings weit weg von meinem Hotel, so daß ich den Gedanken daran verschoben habe. Nun lande ich „per Zufall“ dort.
Auch nicht schlecht. Ich steige also aus dem Bus aus und wandere die „Camden Passage“ in Angel, Islington runter.
Parrots Wallpaper Die ist wirklich ein „to view“ Tip, denn sie hat nette kleine Lädchen und Cafés und ist keine der üblichen Tourifallen. Tea Shop

An solchen Auslagen kann man sich ja gar nicht satt sehen.
Kuriositäten 1 Ich finde, das ist auch Kunst. Kuriositäten 2

Kuriositäten 3 Und- na bitte!- das Essen ist nicht nur vegan, die Kissen sind jetzt glutenfrei! Wenn das keine guten Nachrichten sind. Glutenfreies Kissen

Loop Der Wollladen „Loop“ hat leider montags zu. Schade, den hätte ich gerne besucht.

Schließlich Durst und Lust im Café zu sitzen. Das eine ist voll, das zweite etwas kurios (japanisch, sehr speziell und keine Sau drin), das dritte ist fast voll, aber ganz hinten durch, ist noch ein Tisch mit Blick auf den Hinterhofgarten- sehr schön. Backyard

Was trinke ich? Ach, die Flasche gefällt mir, denke ich und entscheide mich für was Kühles.
Karma Cola Karma Cola erinnert mich außerdem (und das ist wohl gewollt), an den herrlichen Massive Attack Song „Karma Coma“, den ich schon immer mochte.  Tricky, der hat einfach ein Händchen für Sounds. Ich brauche den Song nicht mal hören, der spielt in meinem Kopf automatisch als Loop. (Loop?) Aha, alles ist verknüpft.

Hinten auf der Flasche steht: „Drink no evil“ wie bei Alice in wonderland, nur anders. Doppelte Eule, die engelshafte und die teuflische. Immer geht es um diese beiden Pole. Die Engel. Und die dunklen Engel. Die fielen mir vor vier Jahren unweit von hier aus einem Regal vor die Füße, Orakelkarten, wunderschöne, dunkle.
Fallen angels Oracle
You see? fragt die City. Ich kann nur nicken. Ein dunkler Tag. Aber ich habe ihn überwunden. Das war damals, als alles falsch war und am Ende der dreibeinige Fuchs durch das Gebüsch lief.

Ich blicke auf eine kleine Tafel vor mir und lese den Satz: „I used to hide all my secrets under the stairs, but I am living in a Bungalow now“. Wow, denke ich und schreibe das sofort auf. (Um mich haben ALLE ihre Macbooks aufgeklappt, nur ich schreibe von Hand. Bin ja auch die einzige mit Grauhaar und Hackenporsche. Was ganz praktisch ist, Autofahrer halten jetzt an. „Laß doch erstmal die Omma über die Straße.“)

Karma Coma, Jamaica and Roma– aha-aha noch ein Hinweis, zwei von vieren. Aber es ist weder der noch der, sondern my angel eyes, den ich vermisse und dann doch wieder nicht. Drink no evil. „Never trust a man, who says trust me“, sagt die Mutter von Viv Albertine.

Ich bleibe nicht lange. Auf dem „loo“ wieder geriffelte Scheiben und eine Duftkerze. Alles macht irgendwie Spaß. London ist so…

London ist ein Lover, den man nicht will, weil er einen so überfordert und anstrengt und weil seine Lebensweise nicht zu einem paßt. Immer will er bestimmen, immer zerrt er einen hin und her, erschöpft einen und spricht in Rätseln. Aber jedesmal wenn man ihn verlassen will, vermißt man seine Romantik, seine Schönheit, seinen Charme, seinen dunklen Humor. Das weiß er und nutzt es aus. I don’t intend to live in a Bungalow. I am still willing to find out, what is under the stairs.

Auf dem Rückweg zum Bus, entdecke ich dieses Bild. The swan
Schaurig-schön. Als ich im Bus sitze, bin ich entspannt und guter Laune. Ich sehe mir alles an, lasse mich durch die Stadt gurken, liebe die Fassade am Palace Theater, Harry Potter and the cursed child, das sieht ziemlich gut aus, dieses Kind im Vogelnest.
Ach und überhaupt ist alles so vertraut.
Bus ride thru town Ich bin vor vier Jahren beinah täglich an all diesen Orten vorbei gekommen. Nun fällt mir ein, daß ich zum Waterstone’s am Picadilly fahren könnte. Ja, gute Idee. Dort im Schaufenster schon wieder Schutzgeister. Die Guten! Bees
Innen dann die übliche schöne Stille. Einer der wenigen Orte in London, der ruhig und entschleunigt ist und schöne, tiefe Sessel beinhaltet, in denen man stundenlang lesen kann. Vollkommen unbehelligt.
Books Nach der Abteilung Kunst, suche ich die Abteilung Poetry auf. Dort stolpere ich über eine kleine Serie mit thematischen Gedichtbänden. Ollen Cohen sieht mich so heraus fordernd an. Cohen Poetry
Was zu sagen? Ich schlag blind auf und lese staunend.

You Have the Lovers

You have the lovers,
they are nameless, their histories only for each other,
and you have the room, the bed, and the windows.
Pretend it is a ritual.
Unfurl the bed, bury the lovers, blacken the windows,
let them live in that house for a generation or two.
No one dares disturb them.
Visitors in the corridor tip-toe past the long closed door,
they listen for sounds, for a moan, for a song:
nothing is heard, not even breathing.
You know they are not dead,
you can feel the presence of their intense love.
(…)

Oh dear, oh dear. Das ganze Gedicht ist so intensiv und zauberhaft.
Pure magic, murmle ich, ohne daß es einer hört oder beachtet.
In so einem Flow fährt man durch die Stadt. Sie hat viel zu geben und noch mehr zu sagen. Ich bin nicht wirklich erschöpft, aber alles kommt mir so unwirklich vor. Weiter und weiter geht es durch Räume, durch Zeiten, durch Symbolik.
Verwebt und verwoben, tiefer und tiefer und ich lande ja doch immer da wo ich hinsoll.
Drink no evil.
Talk friendly to your spirits.
Foxes and bees
Horses and dog(gods)
And another little boy is born into this strange town.

Scheint übrigens niemanden zu interessieren. Der „It’s a boy“ hype bleibt aus.
Später setze ich mich in das italienische Café am Ende der Straße und schreibe eine Weile. Zu meinem Erstaunen ist es ganz leer. Das in London mal was leer ist.
Caffe Nero

In der Nacht schlafe ich tief, traumlos und in einem Gefühl von so unendlichem Beschütztsein, wie ich es schon ewig nicht mehr hatte. So intensiv, daß es mich noch tagelang begleitet, bis nach Hause. Bis heute.

Dreiundzwanzigster Tag im April (Teil 1)

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„Three- my lucky number
And fortune comes in three(…)
Oh I am missing all the things I knew,
I miss them yet I want them gone…“
(Nicolette for Massive Attack in „Three“)

Three Wie schon gesagt: die 3 war die Zahl dieser Reise. Und so verwundert es auch nicht, daß ich dieses Foto gemacht habe und zwar ziemlich genau zu der Zeit, als Kate ihr drittes Kind zur Welt gebracht hat. And then they were three
Das wußte ich aber zu dem Zeitpunkt noch nicht, reiner Zufall also. Obwohl es die ja nun bekanntlich nicht gibt…
Glouchester Road Station Mein Weg führte mich nämlich an diesem Tag nach Shoreditch mit dem Ziel, interessante Street Art zu fotografieren und überhaupt mal mehr ein Gefühl für das Eastend zu bekommen. Dabei hatte ich mir ein bestimmtes Ziel ausgesucht, ein Café, das ich auf googlemaps entdeckt habe und dessen Bilder mir gefielen, keine schlechte Idee, denn so habe ich auch das „Syrup“ gefunden. Doch wie immer, hat London so seine eigenen Gedanken dazu, wo ich hinkommen soll. ICH habe da gar nichts zu melden. Breakfast
Erstmal ins nächste „Pret“ und frühstücken. (Im Hotel frühstücken wäre schön, aber da kostet extra und zwar saftig.) Der herrliche Victoria Sponge mit Union Jack erwies sich allerdings als ungenießbar süß. War auch mehr so als Gag gedacht. Am Tag einer royalen Geburt, muß man einfach was Patriotisches zu sich nehmen.

Danach fuhr ich brav wie geplant mit dem Bus 243 raus. Was für unglaublich schöne Häuser man da sehen kann. Alles interessant. Und dann weicht die altehrwürdige Schönheit von Holborn/Camden einer gewissen Ungemütlichkeit. Die ganze Gegend um Old Street Roundabout ist häßlich. Aber spannend. Und hätte man Zeit&Kraft sich in die Seitengassen zu schlagen, wäre es fotomotivergiebigst, doch leider…

Ich stieg einfach irgendwo aus, wo man ein bißchen was zu sehen bekam und hatte viel Spaß an der schäbig-künstlerischen Umgebung.
London Street art 2 Diese Mischung macht’s: Backstein, Dörfchenhäuser, Jugendstilfliesen, olle Fassaden mit neuen An/auf/abstrichen. Straßenkunst goes Hipster-Chic, Vernachlässigung wird zur Stilform, neues Design ruckelt sich zurecht im altehrwürdig Kaputten, wir lieben unsere ugliness-yes, yes, yes. Bird
Ganz unelegant wird zeitlose Schönheit geschaffen und der Verfall des einen ist Material für neue Kreativideen. Ganz meins.
Catch London Street art 1Und Symbole. Dog=God oder doch Engel? Angel. (Dazu kommen wir noch)

Bar Cafe Launderette

Und dann muß ich wirklich lachen. Befinde ich mich doch plötzlich in einer meiner eigenen Collagen. Das ist HIER? rufe ich laut. Das wußte ich gar nicht. Dream bags
Da ich diesen Schriftzug bearbeitet habe, erinnere ich mich genau. Hier ist die Collage aus dem Jahre 2012.
Collage

Wie witzig. Das gefällt mir natürlich total. Aber als ich dann den Bus nehme, weiter Richtung Norden, mache ich einen typischen Fehler: die Haltestelle, die ich mir aufgeschrieben habe, an der ich raus muß, heißt in der anderen Richtung anders. (London ist da wirklich so was von bescheuert. Aber es ist wirklich so: Haltestellen, die einander gegenüber liegen haben zuweilen unterschiedliche Namen.) Und schwupps bin ich zu weit und plötzlich gibt es auch keine Gegenlinie mehr, denn die ist irgendwo um irgendeine Ecke. More Yoga
Macht nix, erstmal ins nächste Tesco und mit den nötigen Dingen versorgen: Smoothie, Butterfinger shortbread und zwei Bananen.
Dann auf irgendeine Bank gesetzt und na bitte….da sehe ich doch auch schon wieder Décollagen. Klick.

Reband Interessant, könnte man doch ausstellen. Sculpture

Dann endlich finde ich eine Linie, die allerdings nicht dahin führt, wo ich mal hinwollte. Das jetzt wiederzufinden, ist mir zu kompliziert. Wie immer lasse ich die Stadt bestimmen und setze mich in eine Linie, die mich möglichst wieder nach Westen führt.
Ich fahre durch ausgesprochen schöne Gegenden. Nette Häuser, kleine, liebevoll gemacht Gärten. Kein Wunder, daß das gerade ein Trendbezirk ist (Islington). So möchte man wohnen. Um mich nicht allzu sehr zu erschöpfen, lasse ich das Fotografieren sein und gucke mir lieber alles nur an.
Und dann staune ich, wo ich lande. (Aber dazu mehr im nächsten Eintrag…)