Dreiundzwanzigster Tag im November

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Das Leben! Erwarten wir, daß es großartig ist? Gut zu uns? Schön, aufregend, beglückend? Nun das alles ist es auch. Aber leider nicht nur. Unser Erzfeind der Tod lauert überall und selten habe ich das so sehr gespürt wie diesen November, auch wenn er als Erlösung kam für jemanden aus unserer Familie, der lange und schwer krank war, tapfer kämpfte und doch „verloren“ hat.
Ich weiß nicht mal ob ich tapfer kämpfen für so wichtig halte, aber bei ihm war es nun mal so. Nun denke ich die ganze Zeit: wo magst du jetzt wohl sein?
Gleichzeitig zog seine scheußlich brutale Krankheit den schönen Lichtschweif der Liebe, Fürsorge und Anteilnahme hinter sich her. Und so starb er auch mit einem Lächeln am Schluß. Und im Kreise seiner Lieben.
Wie wichtig das dann ist am Ende unseres Weges: Die Familie, die Anteilnahme, der innere Friede, die Hingabe an etwas, das viel größer ist als wir.
Es ist nur die Angst vor dem Unbekannten und ich habe immer den Gedanken gehabt, wenn wir es nur sicher wüßten, daß es „drüben“ schön wäre (ich bin überzeugt, daß es das ist), dann hätten wir nicht solche Angst zu gehen.

Le ciel 21.11.2016 Glücklicherweise sind die Tage gerade mild und eher auf der Sonnenseite. Jede Minute Sonne, die ich tanken kann, macht mich dankbar. Alles scheint wieder etwas leichter geworden zu sein. New sticker

Dreizehnter Tag im November

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Am Tag als sich die Veruneinigten Staaten als eine Horde von Trumpeltieren erwiesen (jedenfalls zu viele von ihnen), saß ich im kalten, trüben Berlin und war dankbar für einen Grießbrei, der mir im Café Morgenrot gekocht wurde. Mit Apfelmus, Bratapfel und Sahne, lecker und viel und bio.
Grießbrei im Café Morgenrot Und weil Wärme gerade so gut tut, noch eine heiße Schokolade. Aus dem Regal hab ich mir Kurzgeschichten von Alice Munro gezogen, mit der ich bisher noch nicht warm geworden bin. Ich schlage irgendwo auf und lese: „She suddenly recalls her baby name for bridge and whispered to me: Whee over the whee.“ Die Story dazu heißt “The moons of Jupiter”, was mich an meine Tochter erinnert, sie sagt Jupiter sei ein unheimlicher Planet für sie, vermutlich der, den sie am wenigsten mag.

Ich mache mir Sorgen um meine Tochter und denke an eine Freundin, die sich ebenfalls gerade Sorgen um ihre Tochter macht, wenn auch aus ganz anderen Gründen. Ich wünsche mir, daß es unseren Töchtern bald wieder gut gehen möge, daß es uns allen gut gehen möge. Es sieht nicht so aus.

Der Tag scheint besonders fragmentiert, ach warum bin ich nicht Zuhause geblieben. Jetzt im Bett und lesen. Das Einfache, das Gute, Füße auf dem Heizkissen, keine Erschöpfung, keine Schmerzen.

Feministische Lektüre
Ich hole mir feministische Lektüre, die mir aber viel zu kraß ist und mir nicht weiter hilft. Ich mag schon den Titel der einen Zeitung überhaupt nicht.
Aber an einem Artikelchen bleibe ich doch hängen und er läßt mich lächlen.
Gute Idee Mit einem Seufzen denke ich: Das wäre etwas, das wirklich mal Sinn machte: Autorin eines Buches zu sein, das in einem Land an alle 16jährigen verschenkt wird. Gute Sache! (Die Autorin ist sehr beeindruckend, hier mehr.)

We are vintage
Ich vertrödle den Tag.
Hannah Arendt Postcard Zum Trost kaufe ich mir eine Postkarte von Hannah Arendt, setze mich ins Café und schreibe. Immerhin, das tut mir gut und hilft mir irgendwie. Weiß nicht warum. Früher mochte ich das gar nicht, so alleine im Café, heute ist das für mich eine sinnvolle Sache. Auf meinen Handy sehe ich mir an, wie Obama „Amazing grace“ singt. Ich kann das nicht gucken ohne zu heulen. Eines steht fest, dieser Hitler mit Betonfrisur wird niemals niemals auch nur ansatzweise mit der Eleganz und der Warmherzigkeit seines Vorgängers konkurrieren können, was auch immer man von Obamas Amtszeit halten mag. Allein optisch ist das doch wie ein Rotkehlchen durch einen Geier ersetzen.

15 wtj a story to tell

Manchmal arbeite ich doch noch an meinem 15. Journal, aber selten und wenn dann langsam.

15 wtj Dies ich bin

Es ist eine düstere Zeit. Vor einem Jahr Paris. Wie finster wird es noch werden? Ich möchte am liebsten in einen Winterschlafmodus schlüpfen.

London Diary Teil 3 (5.11.2016)

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Eines steht fest: so eine Kurzreise ist zu kurz. Vor allem wenn einen dann auch noch die Erschöpfung so massiv einholt, daß man einfach nicht mehr hochkommt.
So sank ich an jenem Nachmittag auf mein Bett, kuschelte mich ein und dachte: Naja, du kannst ja später noch mal los. Aber später wurde es stockdunkel und der Regen hörte nicht auf und meine Motivation mich wieder hochzuquälen und mich raus zu stürzen in überfüllte Busse oder eng bepackte U-Bahnen war gleich Null. Der definitive Nachteil an der Gegend in der ich in London wohne ist der, daß man dort nicht gemütlich um den Block gehen kann, wie man es hätte, wenn man z.B. irgendwo in der Innenstadt wäre. Aber bei strömendem Regen und ca. 7° und im Dunkeln macht das ohnehin keinen Spaß.
Also ließ ich es dabei bewenden und blieb Zuhause.
Draußen fing es heftig an zu knallen. Feuerwerkskörper? Ja, Gottseidank, nur das. Obwohl ich nicht weiß, wozu eine solche akustische Umweltverschmutzung sein muß. Ich trat ans Fenster. Raketen. Das war doch voriges Jahr auch schon gewesen. Was ist da los? Dann fiel es mir ein, der nächste Tag war Guy-Fawkes-Day. Glücklicherweise würde ich da bereits abgereist sein.
Night tube Es wurde dann auch laut im Haus. Ich lag im Bett und war selbst dazu zu erschöpft, mich über den Krach zu ärgern. Irgendwann drehte ich mich auf den Bauch und machte mein Hörbuch an. „M train“ von Patti Smith. Ich habe das Buch bereits zweimal gelesen (einmal auf Englisch und einmal auf Deutsch), aber von ihr selber vorgelesen ist das noch magischer. Fast sofort schlafe ich ein. Dann erwache ich. Ich träume von einem Weg im Wüstensand. Eine Stimme neben mir sagt: „And then I walked out, straight through the twilight, treading the beaten earth. There were no dust clouds, no signs of anyone, but I paid no mind. I was my own lucky hand of solitaire. The desert landscape unchanging: a long, unwinding scroll that I would one day amuse myself by filling. I’m going to remember everything and then I’m going to write it all down. An aria to a coat. A requiem for a café. That’s what I was thinking, in my dream, looking down at my hands.” Pause, dann: “This is Patti Smith.” Ich blicke auf die Uhr. Es ist 2:22 und es ist still draußen bis auf den rauschenden Regen. Ich habe tief und fest geschlafen. Die Magie des Augenblicks hält mich fest und ich fühle mich beschützt und wohl und mein Kummer über meine fehlende Kraft und meine immer größeren Schwierigkeiten zu laufen, rollt sich zusammen und mein hoffnungsfrohes Ich entfaltet sich. Ich nehme mir die letzte Banane aus der Waitrosetüte und koche frischen Tee, dann greife ich mir mein Diktaphon. Irgendwann am Morgen schlafe ich dann noch mal ein, bis der Wecker klingelt und ich aufstehe, dusche und mein frugales Frühstück einnehme (Knäckebrot mit Margarine und Kräutersalz, dazu Tee und Himbeerlakritz). Musik läuft über meinen Tablet und meine kleine Box. Imogen Heap und Cocteau Twins. Ich sitze am Fenster und denke nach. Wie wäre es jetzt noch bleiben zu können? frage ich mich. Genial, antworte ich mir selber. Der lange Schlaf hat meine Erschöpfung schrumpfen lassen und ich weiß, ich könnte es wieder mit der Stadt aufnehmen. Ich hätte mir die Tage davor ohnehin nicht so vollgepackt, wenn ich mehr Zeit gehabt hätte. Ich will nicht weg von den Menschen, der Architektur, der Magie der Lichter am Abend, den vielen Möglichkeiten. Ich vermisse die National Gallery, meinen Lieblingsbuchladen, den großen Waterstones am Picadilly Circus, Belsize Park und nicht mal bei Edith (Cavell) bin ich gewesen. Ich würde gerne noch weiter eintauchen in all das, weil ich mich so überhaupt nicht fremd fühle, gar nicht. Die ganze Zeit hallt das blöde „I’m leaving on a jet plane…“ in mir. Ja, I don’t know when I’ll be back again too. Plane aber eine weitere Reise für den Frühling. Gepackt ist alles ganz schnell. Ich wasche meine drei Teller und die paar Besteckteile ab, mache mein Bett, ziehe mich an und nehme die Tube zum Flughafen. Es ist glücklicherweise so leer, daß ich es kaum glauben kann. Ein Samstagmorgen, alle schlafen noch. Train doors

Ein kleiner Schwatz mit einem Angestellten am Check in.
„Morning Mam, how are you today.“
“I’m fine, actually. How are you?”
“Tired. This is the end of my shift.”
“Oh I see. Do you have to stand here all the time?”
“No, we exchange places, sometimes I am at the counter.”
“Ok.”
“Dying for a nice cup of tea now.”
“Can imagine. And a good sleep.”
“Oh yes.”
Ich bekomme einen Platz im Gang. Reihe 21. Das ist gut, denke ich. Drei mal sieben und „Die Welt“ im Tarot.
Während ich noch Zeit habe und das Geschehen beobachte, versuche ich Kraft zu finden für die beiden Elefanten, die ich noch vor mir habe: Flug in klaustrophobischer Enge und natürlich vorher die Sicherheitskontrolle.
Poppies at Heathrow
Und da schlägt Göttin Chaos wieder zu. Die Wanne mit meinem Rucksack drin ist plötzlich rot und verschwindet hinter einer Plexiglasscheibe, Lichtjahre von mir getrennt.
Jenny Sowieso mit der Physiognomie einer amerikanischen Gefängnisaufseherin kommt auf mich zu. Allerdings ist sie nice. Blaue Gummihandschuhe werden übergestreift und sie greift sich ein piependes Gerät, das einem Deppenzepter ähnelt. Ein Metalldetektor, nehme ich an.
„Seems there is some liquid in your luggage, Mam.“
“Oh is there?” Ich will heftig widersprechen, dessen entsinne ich mich nicht. Bin ich doch der lächerlichen Zeremonie gefolgt und habe mein Olivenöl mit Rescue in eine kleine Plastikflasche gefüllt und die brav in ein kleines Plastiktäschchen gepackt. Und meine Nasentropfen.
Doch gnadenlos greifen nun fremde behandschuhte Hände in meinen Rucksack und zerren ALLES ans Licht des Tages, sichtbar auf dem Counter, es ist nicht viel, aber ich will nicht, daß das alles hier offen liegt. Mein Buch wird durchgeblättert, jedes Kleidungsstück entrollt, das Deppenzepter in jede Innentasche gesteckt. Eine Streichholzschachtel zieht Jenny die Augenbraun in die Höhe. Matches!!!!!!! Strictly prohibited! Ich sage: „No, it’s only…“ Sie schiebt die Schachtel auf, die ich mit einem Sticker auf dem „Every little thing we do is magic“ steht, gestaltet habe. Innen liegen meine Pure Space Kärtchen, meine Ringe, zwei Kopfschmerztabletten und kleine Fundstücke. Sie lächelt. „That’s nice“.
Dann wird der Schuldige gefunden: Mein Make-up. „Here we are then!“ „That’s liquid?“ frage ich erstaunt, für mich ist das eher Creme. „Oh yes!“ sagt sie. Dann schraubt sie meinen Lippenstift auf, nur zu Vorsicht. Make-up und Lippenstift- die Waffen einer Frau. Natürlich muß man damit ja die Kontrolle alarmieren. Aber ich bin freundlich, weil das das Londoner Gesetz ist. Und weil Jenny ja nur ihren Job macht.
Nun rolle ich mein Heizkissen zusammen und stopfe es und die anderen Dinge wieder in den Rucksack hinein. Wieder was gelernt, auch Makeup muß in den Klarsichtbeutel. Hatte ich das auf dem Hinflug? Muß wohl.
Da mein Knäckebrot-Mahl nicht lange vorhielt, gehe ich zum „Boots“ und kaufe mir ein „Meal Deal“. Gute Sache das: Any sandwich with any drink and a small bag of snacks 3,75 Pfund. Ich entscheide mich für ein “Ploughman’s”, das sind zwei dicke Scheiben malted rye bread mit Cheddar, Tomate und Rucola. Dazu in Ermangelung von Rosenlimonade ein Himbeer/Mango-Wasser und eine kleine Tüte Crisps (Cheese & Onion). Dann suche ich mir ein Eckchen zum essen und ausruhen. Das Sandwich ist köstlich. Das Getränk künstlich, aber dennoch gut. Die Crisps hebe ich mir auf für Zuhause. Schön, noch Zeit zu haben.
Schließlich aber suche ich mein Gate, finde es, kriege Magengrimmen: Schon wieder keine Gangway, schon wieder Busfahrt und das heißt dann wieder die Treppe in den Flieger. Fuck! Egal, it can’t be helped. Ich lasse mich ganz nach hinten zurückfallen in der Boarding Schlange und kriege so im letzten Bus einen Platz. Meine Devise ist immer: Bloß nie zu lange im Flieger sein. Dann hieve ich mich und meinen Rucksack die lange Treppe nach oben. Schneckenlangsam. Oben stehen zwei zuckersüß smilende Stewards, looker the both of them, of course, nice teeth. Ich bin natürlich immer noch freundlich und frage nur, ob das jetzt üblich sei mit den Stairs. Eigentlich nicht, nur wenn kein Platz mehr ist. Ich umreiße kurz meine Knieprobleme. „Oh, I am sorry!“ sagt der rechte. Aber ändern kann er nix. Nun ja.
Im Flugzeug die übliche Enge, die auszuhalten mir so ziemlich alles abfordert. Ich kann das immer weniger gut. Aber der Flug vergeht harmlos und ist dann doch immer nicht so lange, wie man denkt. Beim Aussteigen aber sehe ich: Auch in Hamburg: Treppe nach unten, Busfahrt über den Flughafen. Und ich bin eine der letzten die aussteigt. Vertrauensvoll wende ich mich an den Steward, der dann meinen Rucksack trägt, woraufhin ich die Treppen runterhumple. Jetzt am dritten Tag an dem ich meine Knie überfordere, geht gar nichts mehr. Die Leute im Bus glotzen. Ich habe keinen Platz mehr, werde mich nicht setzen können, kann aber in einem fahrenden Bus nicht stehen. „Äh, Sir, I have another problem…“ und ich erkläre. Kein Ding, der Steward lächelt noch immer mit diesen schönen weißen Zähnen, leiht sich von einem Fluglotsen ein Funkgerät und fordert das Beste an, was mir in dem Moment passieren kann: Einen kleinen Rote Kreuz Bus, samt seinem freundlich-witzigen Fahrer. Nur für mich. Mein Rucksack wird mir abgenommen, ich komme hinten rein und werde nun individuell zum Gate gebracht. Herrlich. Kleiner Chat mit dem Fahrer. Wie London war, wie Hamburg ist, wie wohl das Wetter wird. (Die Hamburger sind so nette Menschen! Das muß man immer wieder sagen!) Angekommen will ich mich bedanken und gehen und er zu mir: „Soll ich sie in einen Rollstuhl packen?“ Ich: „Also das halte ich für übertrieben!“ Er: „Das ist aber ganz gemütlich. Und ich fahre sie an allen anderen vorbei, keinerlei Wartezeit an der Paßkontrolle.“ Das ist ein Wort. Also setze ich mich in den Rolli und tatsächlich, mein freundlicher Fahrer ruft „Tschuldigung, Tschuldigung mal bitte“ und alle spritzen auseinander und machen uns Platz. Er reicht meinen Ausweis dem Beamten und 10 Sekunden später sind wir durch.
„Wohin fahren Sie mich jetzt?“
„Wohin Sie wollen!“
Ich lache und sage: „Na dann zum Meeting point. Mein Mann wird den Schock seines Lebens kriegen.“
Und so war es auch. Ich sah D. weiß werden wie eine Wand. „Bist du zusammen gebrochen?“ Nein, lache ich und schwinge mich halbwegs normal aus dem Rolli, danke meinem Fahrer und erkläre.
So schnell hab ich jedenfalls noch nie ausgecheckt. Schließlich nach Hause. Good to be home again, obwohl ich merke, daß mir London fehlt.
Leider stelle ich dann fest, daß meine kleine Wohnung im Frühjahr nicht mehr zu haben sein wird. Alles ausgebucht, jetzt schon. Nun ist guter Rat teuer. Mal sehen, was das gibt und wann ich London wiedersehen werde. Aber ich bin sicher, Göttin Chaos wird schon dafür sorgen, daß sie mir bald wieder was beibringen kann.

PS: Hier noch das Video von der Frau in pink, die in Covent Garden getanzt hat.

London Diary Teil 2 (4.11.2016)

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Eigentlich, ja eigentlich hatte ich zwei Dinge fest auf meinem Zettel:
1. Die Tate modern
2. Das Tap Café
Mit der Tate modern liege ich immer im clinch. Denn: sie ist mit Öffis schwer bis gar nicht zu erreichen, lange Gehwege sind zu bewältigen und das schaffe ich nicht, denn innen heißt es ja auch wieder stehen und gehen und nach einem anstregenden Tag davor bräuchte mein Körper eigentlich Ruhe und Erholung. Aber die Crux ist, das kann ich ihm nicht geben, denn ich will ja was sehen. River boat wäre eine Alternative, aber sie haben Regen angesagt und es ist kalt und windig und ich habe dazu wenig Lust. Auch ist es recht teuer. Ein weiterer Punkt ist: Mir gefällt das Gebäude nicht. Während man in der Tate Britain oder in der National Gallery schon beim reinen Verweilen in den Gebäuden einen gewissen „uplift“ erfährt, ist die Tate modern für mich eher unangenehm. Ja, gewiß, urbaner Schick, ok, aber…ach nee, sie ist nicht ich. Und mein Lieblingsbild „Landscape of dream“ hängt sowieso gerade in der Tate Britain zur Paul Nash Sonderausstellung (da war ich nicht, Nash ist mir sonst zu düster).
Blieben also die modern art paitings, hinten denen ich natürlich her bin, aber ich verschiebe das auf meine nächste Reise im Frühling. Dann also das Tap Café, die Geschichte dazu ist hier nachzulesen.
Andere Gedankenspielchen sind mein besonderer Ort Belsize Park und Covent Garden (wo ich 3 Jahre nicht war).

Aber aufgemerkt nun also: “London is what happens, while you are busy making other plans.”
Und man muß ja wirklich manchmal grinsen, wie seltsam alles fließt, ohne daß man es irgendwie beeinflussen könnte.
Rising sun Also beginnt der Tag damit, daß ich meine Oystercard vergessen habe; bin mit einem Bein schon im Bus, stelle fest, sie liegt noch oben, also zurück, denn ohne geht nicht. Ich nehme meine übliche Linie und fahre bis Vauxhall Bus Station. Im Little Waitrose stehen die Leute nach Gratiskaffee an. Es ist morgens um 10 und es ist frisch windig, rain could be likely. Ich will eigentlich Apfelsaft kaufen, finde aber keinen (kleinen), kaufe dann nur Bananen und Kekse. Warum nur habe ich keinen Löffel dabei, dann könnte ich mir meine Lieblingsquarkspeise kaufen (Lemon Cream Curd). Beim nächsten Mal dran denken.

Dann springe ich in den 88er Bus, aber –Aufmerksamkeit ist Trumpf- leider in die falsche Richtung. Denn eigentlich will ich zum Tap Café fahren, nun lande ich aber ganz woanders und bin völlig falsch. An Stockwell Station springe ich raus. Sofort weiß ich, jetzt wird London Chaos, diese besondere Göttin, wieder das Steuer übernehmen. Das ist ein bestimmtes Gefühl und sie will mich immer zu irgendwas schubsen, als mahne sie: Du bist doch nicht zu deinem Vergnügen hier!

In Stockwell steige ich in die Nothern Line und denke: gut, gut, fährst du zum Belsize Park. Wie ich aber dort in der Tube sitze, habe ich auf diese sehr weite Fahrt keine Lust. Ich hab meinen Kopfhörer vergessen und kann nicht mal Musik hören. Zu langweilig, Tubefahren erschöpft mich, ich will was sehen, will raus an’s Licht. Ich steige deswegen wieder aus und verliere dabei meine Oystercard. (Glücklicherweise wird sie mir nach wenigen Momenten der Panik dann von jemandem gereicht. Meine fehlende Aufmerksamkeit müssen mir heute andere ersetzen.)

Endlich sitze ich im richtigen Branch: also zum Tap Café dann, also bis Goodge Street, da kenne ich mich aus und es ist nicht weit. Ich bin guter Dinge, bummle die Tottenham Court Road runter, setze mich dann auf eine Bank und esse eine Banane. Wie ich so auf die Haltestelle vor mir gucke, fällt mir auf, daß es nicht die ist, die ich erwartet habe. Defacto bin ich in die falsche Richtung gelaufen. Was ist eigentlich los? Ich habe doch zwei mal auf die Karte geguckt. Tztz….Nun gut, schließlich sind Pläne immer dazu da, umgeworfen zu werden. Und: Sie lassen einen alles schärfer wahrnehmen. Und was erspäht mein Blick? Ein Caffè Nero, das ist eine von diesen vielen Kaffee-Lokalitäten, die sich leider etwas zu breit machen in London (Costa, Pret, Starbucks). Aber das hier auf der TC-Road ist total gemütlich, ich hatte es am Tag zuvor vom Bus aus gesehen und die Leute um Sofas und Sessel darin beneidet. Also gut. Auf geht’s (die Knie!!!) und hin.

Innen umfängt mich Duft nach Frischgebackenem und Gebrühtem. Ich bestelle mir eine heiße Schokolade. Der freundliche „man behind the counter“ (T-Shirt mit Aufschrift „Taste the magic“) verfängt mich in einen chat. „Where are you from?“ -„Germany.“ Er enthusiastisch: „OH REALLY?!?!“ Ich: „Is it so unusual?“ Er: “Nein, das nicht, aber ich bin dort geboren.” Ich: „Ah, I see. Wo denn?“ Er: „In Ulm. Und wo kommst du her?“ Ich: „Berlin.“ Er: „Ah, ich liebe Berlin! Die beste Hauptstadt Europas!“ Ich: „Du sagst es!“

Es ist lustig wie wir uns in einen schnellen Austausch aus deutschen Wörtern hüllen, während um uns her niemand versteht was wir sagen. Die gleiche Sprache sprechen schafft irgendwie eine Nähe. Vergnügt nehme ich meine Tasse Kakao und meinen Kram und steuere einen der herrlichen Sessel am Fenster an. Zwar so niedrig, daß ich nie wieder würdevoll hochkommen werde (die Knie-e!!!), aber egal. Selten habe ich so gut in einem Sessel gesessen. Vor mir ein kleines unabgeräumtes Tischlein, etwas schmierig und klebrig, aber egal. Ich habe mein Eckchen, noch eine Postkarte zu schreiben, die ich zuvor im Paperchase erstanden habe (aus dem ich tapfer ging, ohne mich zu einer Kladde, Geschenkpapier, Stickern oder sonstwas verführen zu lassen. Merke: du brauchst nix), hab meine nicht wirklich heiße, aber trinkbare Schokolade, mein Dicki und die Londoner Atmosphäre aus freundlicher Warmherzigkeit. Ich mag die Menschen. Ja doch, ich stelle mal wieder fest, wie sehr ich das genieße: Ich ruhe ganz in mir und brauche niemanden. Niemand ist da momentan, der mir irgendwas bedeutet und dennoch sind mir alle ganz nah und irgendwie liebe ich jeden. Sie sind doch so rührend, so menschlich, so freundlich und alle wollen nur mein Bestes. Caffè Nero
Eigentlich könnte ich den ganzen Tag dort im Sessel sitzen und lesen, was trinken, auf die Straße blicken, mein Dicki vollquatschen, schreiben, sinnen, nachdenken. Das Café ist nicht voll und vor allem, um mich her sind lauter einzelne Leute, die sich genau wie ich in eigenen Welten befinden. Alle in Blasen, aber alle Blasen verbunden. So ist das gut. Und London Jukebox ist auch wieder auf meiner Seite. Schon wieder Ella und später mein all-time-fav „Mas que nada“.
Aber natürlich treibt mich etwas weiter, ich will ja was sehen. Das Tap Café? Nun, gerade verliert es etwas an Reiz. Vor allem weiß ich, daß es klein ist und ich fürchte, ich werde dort keinen Platz bekommen. Egal, irgendwie muß ich da doch mal hin. Also packe ich nach einer Weile alles zusammen.
In meiner Tasche habe ich Kärtchen auf denen habe ich „Pure Space- enjoy“ gedruckt oder „Stillness- enjoy“ oder „Peacefullness- enjoy“. Diese verteile ich wo auch immer ich denke, es paßt. Hier lege ich es neben die Kaffeetasse, die noch auf dem Tisch stand, in der Hoffnung, daß „Taste the magic“ sie findet und es ihn lächeln läßt.
Pure space card I left Eigentlich wollte ich dann die 24 nehmen. Aber die kommt nicht, nachdem ich 5 Busse hab vorbei fahren lassen und die Londoner Novemberklammheit durch meinen Mantel dringt, denke ich: verflucht, was soll’s, ich nehme den nächst besten und sehe was kommt. Es ist die 29, eine Zahl, die ich nicht mag, aber egal. Hinein. Kaum sitze ich und sortiere meinen Kram (immernoch zwei Bananen und die Kekse in der knisternen Waitrosetüte), schrillt Alarm und zwei dicke fette Feuerwehrwagen sausen am Bus vorbei und verlieren sich im Verkehrsgewühl weiter vorne. Der Typ neben mir brüllt in sein Handy. „Hi Matt! Yes, yes, I know. Yeah, you see it WAS really blablabla.“ Und dann folgt eine interessante Geschichte über eine gigantische Eule die auf einem Klavier sitzt und ein Stichwort, das erfolgte, so daß irgendwer irgendwas sagen sollte, genau in dem Moment, als die Eule sich mit gigantischen Flügeln vom Klavier erhebt und losfliegt und das aber verpatzt wurde und ich frage mich, was für ein Film das wohl sein wird. Wenig später fahren wir am Tap Café vorbei. Ha! Voll. Wußte ich es doch. Es ist SEHR klein. Immer noch schrillen die Sirenen. London Chaos, die bewußte Göttin, läuft zu ihrer Hochform auf. Der Busfahrer brummelt in seinen Lautsprecher, daß er fürchtet, es werde nun eine ganze Weile nicht mehr weiter gehen. Die meisten Fahrgäste steigen aus, auch ich. Wir stehen direkt vor der Tube Station. Schon wieder die Northern line. Belsize Park??? Nein, nein, denke ich und fahre Richtung Covent Garden. Bevor ich in der Station verschwinde, nehme ich wahr, daß die ersten Regentropfen den Bürgersteig dunkel färben. Überall hängen Poster für „I, Daniel Blake“. Ken Loach ist gerade 80 geworden und wird wohl nie aufhören Filme zu machen. Seine Filme sind gut, aber eigentlich unerträglich. Nie nie nie wieder werde ich mir „Ladybird, Ladybird“ ansehen. Ein Film, der einem so weh tut und vor allem fängt man an England zu hassen. Und das kann ich nun gar nicht brauchen. „The angel’s share“ allerdings war wunderbar und urkomisch.

Als ich in Covent Garden ankomme, weiß ich, daß ich falsch bin. Tourimassen! Und alle flüchten vor dem –nun strömenden- Regen. Es ist Mittagszeit und alle haben Hunger, ich auch. Die Schlangen vor den Restaurants sind endlos. Aushilfen verteilen Speisekarten an die Wartenden, damit sie schon mal wählen können und es innen schneller geht. Das ist eine derartige Anti-Version von gemütlichem Essengehen, daß ich mich schnell davon mache. Nun ja, auf ins London Transport Museum für Postkarten. Leider werden das auch immer weniger. Und die, die ich verloren habe und mir wieder kaufen wollte, gibt es nicht mehr. Keine Sitzgelegenheit. Rücken, Beine, Knie jaulen bedenklich rum, meine Laune sinkt. Mein Mantel ist nicht so regendicht, wie ich dachte, ich friere und im Museum wimmelt es von lärmenden Kindergartenkindern und Müttern mit je 6 Armen, die versuchen die Bande in Schach zu halten. Away! But where to? Wärst du mal nach Belsize Park gefahren! Sagt etwas in mir. Oder einfach woanders hin. Doch nicht hier hin. Meine Augen entdecken das Café oben. Egal wie es ist, ich will nur eine Sitzgelegenheit für einen kurzen Moment. Sonst nix. Vielleicht ein Wasser. Oben angekommen ist bis auf einen Tisch alles belegt mit Müttern und ihren Kleinkindern. Der Lärm ist ohrenbetäubend. Egal. Meine Laune erhellt sich sofort wieder, denn es gibt eiskalte Rosenlimonade zu kaufen. (Bio!) Das ist eben auch England. Rosenlimonade muß sein. Rosenlimonade
Als zwei freundliche Mütter ihre Kinder und Kram verräumen, einen Tisch zur Seite rücken und dabei auch noch lächeln und ein paar freundliche Worte in meine Richtung rufen, nur damit ich zu dem letzten freien Platz durch kann, wird mir warm ums Herz. Das ist eben auch England. Freundlichkeit ist oberstes Gebot. Und sorry sein, selbst wenn einem der andere auf den Fuß getreten hat.
Motto: Es ist das schlimmste Chaos, aber wir bleiben liebenswert.
Da sitze ich also und blicke in den Regen. Ein kleiner Junge neben mir fängt ein Gespräch mit mir an. Glücklicherweise ist sein Wortschatz noch deutlich begrenzter als meiner. Wäre ich in Frankreich oder Spanien, wäre das wohl eher umgekehrt.
Alle haben sich fries in „silbernen“ Bechern bestellt. Die will ich auch. Erstaunlicherweise kosten sie nur 2 Pfund und sind nicht mit vinegar. Ok, sind ja auch fries und keine chips.
Pommes und Rosenlimonade.
Ich betrachte die Menschen und denke: Die sind mir alle sympathisch. Neben mir hackt ein Opa im Tweedanzug auf einen Laptop ein, die Financial Times neben sich, genauso wie sein zusammengerollter Schirm. Die dazu gehörende Granny trägt natürlich eine Poppybrosche (jeder dritte trägt Poppy!) und eine selbstgestrickte Jacke, die sehr geschmackvoll ist und redet in einem fort. Dabei nennen sie sich gegenseitig dear und darling und singen alles was sie sagen.
Und ich sitze da und denke: Das ist es. Du sollst verbunden bleiben. London kommt immer mit derselben Botschaft: Bleibe verbunden, liebe die Menschen, laß das Chaos durch dich durchfließen. Bleibe zentriert.
Auf dem Rückweg spielen unten auf dem Vorplatz der Restaurants ein paar Frauen Klassiker auf klassischen Instrumenten. Eine merkwürdige Person in pink tanzt hemmungslos dazu.
Covent Garden Niemand lacht darüber, aber alle gucken sich das an. Ich drehe einen kleinen Film und dann eile ich davon, vollkommen unsicher, wohin ich denn eigentlich will. Die Picadilly Line ist eng und voll und neben mir bekommt jemand einen Hustenanfall und als er das Taschentuch vom Mund nimmt, erwarte ich fast rote Flecken darauf zu sehen, denke über die Gefahren der Ansteckung nach und ich weiß echt nicht wohin. Ich gehe alle Haltestellen in meinem Kopf durch und denke: OK, South Kensington. Da weiß ich wenigstens genau wo die Bushaltestellen sind und von da aus gehen viele Busse. Ich könnte auch gerne in einem Café sitzen, aber alle dort sind winzig klein und völlig überfüllt. Sogar draußen sitzen die Leute, da wo noch Schirme den Regen abhalten. Das Wetter ist so unerquicklich, daß ich schon jetzt weiß, ich werde einfach irgendeinen Bus nehmen und hoffen, daß er lange fährt, so daß ich mich aufwärmen und ausruhen kann. Ich lande in der 414, mit dem bin ich auch schon gefahren, Endhaltestelle „Maida Vale-The Chippenham“, was sich wunderbar anhört. Vorbei am „Albert & Einstein Museum“ (Freund meines Vaters), Harrods, Knixbritsche (mein Vater) bis –genau denke ich- Hyde Park Corner. Die Pfützen haben mittlerweile die Größe von schottischen Lochs erreicht und deren Tiefe. Die Kärtchen in meiner Manteltasche sind durchweicht. Ich habe immer noch eine Banane. Wie wohl die Kekse sind? Ich koste welche, sie sind köstlich. Und nehme die Nummer 9. Guess what
Gute Zahl, gute Linie, lande am Trafalgar Square. Der ist leer. Nur vor der National Gallery drängen sich die Menschen. Soll ich hinein gehen? Aber wegen des Regens fürchte ich Überfüllung und steuere stattdessen einen Ort an, von dem ich weiß, daß dort wenig los ist und ich sitzen kann: Das Basement vom Waterstones.
Es ist wie es immer ist: gemütlich, leer, ein paar versprengte Lesende, man wird komplett in Ruhe gelassen. Alle haben Starbucks-Becher und lesen in Bücher hinein, während sich der Duft von Kaffee im Laden ausbreitet. Ich habe meine Kekse. Auch gut.
Ich lese in die Briefe von Ted Hughes hinein. Briefe an Assia, Verzweiflung, Liebe, Haß, Untreue, Selbstmorde…was für ein Strudel. Fotos. Seltsames Gesicht. Markant. Unsympathisch. Ich mochte den nie. Natürlich auch weil ich für Sylvia war. Aber nicht nur deswegen.
Reading at Waterstones
Wieder fällt mir auf, daß ich –unlike Patti Smith- nie Pilgerreisen mache. Niemals war ich an dem Haus, in dem Sylvia Plath gelebt hat. Das, welches sie durch Bibliomantie gefunden hat.
Ich lese noch in zwei weitere Bücher hinein: Tracy Thornes „Naked at the Albert Hall“ und Jeanette Wintersons „Why be happy when you could be normal?“ Das wollte ich mir vor zwei Jahren schon kaufen. Soll ich jetzt? Aber ich habe keinerlei Impuls. Stattdessen spüre ich die Erschöpfung überhand nehmen und denke: Ich fahre jetzt nach Hause. Im Fahrstuhl hinterlasse ich „Pure Space- enjoy“.
Draußen regnet es noch immer. Mittlerweile dämmert es langsam in den Nachmittag hinein. Glücklicherweise kenne ich mich aus. Ich nehme die 87 und fahre meine Lieblingsstrecke an der Themse entlang. Im Bus riecht es nach nassen Mänteln, Kaffee, Pfefferminz und indischen Gewürzen. Alles hustet. Jemand mit einer Spanplatte steigt ein. Ich wechsle den Bus. Keine Wartezeit in der feuchten Kälte, glücklicherweise. Gleich da. Ein Schulkind in Uniform erklärt seiner Mutter „And when it is Christmas Time, there will be a play. A REAL play. And I will have a special role. I will. It’s my birthday, so they really must give me a special role, won’t they, Mummy?!” Ich lächle, weil er so gewählt und gut spricht. Die Mutter lächelt nicht. „Hold tight!“ sagt sie, weil er steht und der Bus anfährt. Draußen rauscht und rauscht der Regen. Als ich aussteige, muß ich über eine Pfütze springen, die Meeresgröße erreicht hat. Die Straße ist so befahren, daß ich sie nicht überqueren kann, ohne mein Leben zu riskieren. Busse fahren im Minutentakt. Irgendwo muß jemand ein Schild aufgestellt haben: „Please use your horn“, denn alle hupen alle an. Ich gehe den Umweg über die Ampel bei der Tube Station. Die fleckigen Bananen sind übrigens verschwunden, statt dessen werden gelbe, normale, frische Bananen angeboten. 50 p das Stück, 20 p billiger als die fleckigen, aber doppelt so teuer wie meine (fair trade) vom Waitrose. Ich nehme den Evening Standard mit, der regengeschützt in dicken Packen unter dem Vordach liegt. Der sieht alt aus, man hat ihn so aufgetrimmt, um für die Serie „The Crown“ zu werben.
Gleich Zuhause. Oh göttliche Entspannung, die dann eintreten wird. Noch einen Tee, noch ein paar Kekse, Reste des Tomatenpesto-Gebäcks von gestern. Und mein Queen Size Bett und der Regen, der immer noch rauscht, mich aber nun mal kann. Und dann sortieren. Was für ein Chaos. Aber dennoch ist alles so verdammt in Ordnung.
Morgen mehr…

London Diary Teil 1 (3.11. 2016)

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Zurück aus London. Gerne wäre ich noch länger geblieben, aber leider war das diesmal nicht möglich. Aber das Wichtigste: London und ich lieben uns wieder.
Allerdings unter bestimmten Bedingungen, die natürlich er/sie/es diktiert, nicht ich. Aber von vorne.
Le ciel 3.11.2016 Wie gewöhnlich war die Anreise eine kleine Tortur, die ich eigentlich nur meistere in dem ich mich auf reizende Details konzentriere: Ein freundliches Tischlein in der Wartelounge in Hamburg und mein Field Notes Journal, in dem es sich wolkenweich schreiben läßt, Scherzereien mit dem Grenzbeamten, kleiner netter Chat mit einer ineressanten alten Dame, die nach Vancouver fliegt und mit einem Koffer von der Größe Australiens in den Flieger steigen wollte woraufhin es ein kleines freundliches deutsch-britisches Handgemenge gibt (Koffer und lady wurden dann getrennt, was die Dame allerdings eher zu beglücken schien, mich amüsierte die Umsichtigkeit des Flughafenpersonals, die fragten „Haben Sie alles? Schlüssel? Geld? Papiere? Waschzeug? Lesestoff?“), hand cooked crisps im Flugzeug und leckerer Orangensaft, eine gar kurze Wartezeit an der Paßkontrolle und doch eher leere Tubes und schließlich Martyn, the caretaker, der mich wie immer empfängt, „here are your keys, love“ (meine landlady war diesmal nicht da, natürlich rief sie mich an: „My darling! Are you safe? Is everything allright? Do you need something?“). Yes I am safe and happy. Meine kleine vertraute Wohnung. Neue Stühle, neue Vorhänge, alter Blick, den ich liebe. Könnte ich mir einen aussuchen, ich würde genau den wählen. London view
Diese Häuser von gegenüber sind so typisch britisch und die Bäume sind vertraute, freundliche Nachbarn und mein geheimnisvoller Spiegel ist immer noch da und ach ja…
Nach kurzer Ausruh- und Teetrinkzeit nehme ich den Bus. Ach ist das alles vertraut. Als wäre ich nie weggewesen.
Ich sause in die Tate Britain und lasse mich von Kunst umfangen. Seit ich sie kenne, liebe ich die Tate und wie schon so oft führt mein erster Weg zu ihr.
Tate in afternoon light Auch deswegen würde ich wohl nie eine andere Wohnung wählen als die meinige, weil ich in 10 Minuten in der Tate bin. London sky
Ich weiß jetzt gar nicht, von wem das hier ist, aber es gefiel mir.
Tate 1

Fröhliche Erinnerungen für asiatische Fotoalben. Tate 2
Schicke Umhängetasche, aber tatsächlich wirklich eine Angestellte der Tate, die man fragen kann.
Tate 3

Neben Klassikern auch ungewöhnliche Werke. Hier aus der Serie: „Art and alcohol“. Tate 4 Erinnerte mich an Nick Waplington.
Tate 5 Ich entdecke alte Bilder neu, freue mich an zuvor Übersehendem, genieße es, sie endlich wieder alle zu sehen, meine Lieblinge. „Carnations, Lily, Lily, Rose“, „The lady of shalott“, „Pegwell bay“ und die Turners. Wenn ich seine kleinen hingehauchten Figuren sehe, geht mir das Herz auf. Wie macht er das nur? Tate 6
Und das Licht!!! Nichts nichts nichts Vergleichbares gibt es wie das Licht in Turners Bildern.

Ganz angetan und erfüllt und durch und durch glücklich gehe ich nach draußen, oh, schon dunkel, so früh. Aber als ich den Bus nehme und zum Trafalgar Square fahre, alles durch die Busfenster in der Dunkelheit nur erahnend, Westminster, Big Ben, Houses of Parliament usw., bin ich umfangen von der Magie der Lichter, der Stimmung, es ist nicht voll (erstaunlicherweise) und ich fühle mich nicht fremd, sondern wirklich ein wenig wie Zuhause. Du bist also doch noch mein, du liebe Stadt, flüstere ich.
Die Straßen sind quirrlig, aber durch die Lichter und die Dunkelheit sieht alles aus wie in einem Traum, herrlich unscharf und verschwommen, ganz Gefühl, ganz altehrwürdig, ganz besonders.
Trafalgar Square evening 1 Zuweilen hat die Schwäche meiner Handycam sogar etwas Künstlerisches, wie bei diesem Bild hier. Trafalgar Square 2
Am Trafalgar Square entdecke ich statt eines grünen Fußgängerampel-Männchens zwei verbundene Mars-Zeichen. Eine Gay-Pride-Ampel– wie ungewöhnlich! Fast vergesse ich vor Erstaunen die Straße zu überqueren. Und wie zum Beweis, sitzt unweit von dort ein bärtiges Pärchen, sich heftig küssend.
Lange kann man nicht draußen sitzen, es ist kalt geworden in London und klamm. Ich habe wirklich Pech, all die Tage vorher waren es 18° mit irrsinnig viel Sonne, jetzt ist es auch hier unverkennbar November.
Mein nächstes Ziel ist der Buchladen Foyles, in dem ich seit Ewigkeiten nicht mehr war. Wunderbar, aber eine böse Verführung, all die Bücher und vor allem die Kunst-Zeitschriften. Aber ich will nichts kaufen und bleibe eisern. Aber man könnte…ach und wie…
Foyles 2 Es ist eine angenehm summende Geschäftigkeit in dem Laden. Nehmen wir doch mal den Fahrstuhl nach oben. Da ich keine Ahnung habe, was wo ist, drücke ich auf’s Geratewohl einen Knopf, nämlich die 5. Die Tür öffnet sich und ich stehe vor einer kleinen Kunstausstellung mit angeschlossenem Café und im Hintergrund läuft Ella Fitzgerald und singt mir fröhlich ihre Botschaft entgegen „I’m beginning to see the light“. (Das kann London gut, mir Lieblingssongs entgegen schleudern, so betrat ich einmal einen Kinderbuchladen in Covent Garden und hörte dort „Somebody loves me/I wonder who/maybe it’s you“ (Gershwin), in Camden Town lief Bob Marley, den ich ewig nicht mehr gehört hatte, woraufhin ich mit der Verkäuferin im Laden darüber schwatzte und wir tanzten ein wenig vor uns hin zu „Could you be loved?“, nicht zu vergessen Kate-Bush-Day im Somerset House und an meinem Geburtstag Michael Jacksons „Don’t stop til you get enough“, zu dem ich zum ersten Mal in meinem Leben in einer Disco seiend tanzte…) Foyles
Weil noch mehr netter Swing und Vocal Jazz in dem Laden läuft und das Café einladend aussieht, hole ich mir einen Chai Latte und baue mein kleines Tischlein auf mit den üblichen Dingen. Witzigerweise bin ich damit überhaupt nicht alleine, nein, jeder scheint das hier zu tun. Während in Berlin in Cafés mehr Paare und Grüppchen sitzen, sind es in London oft genauso viele Singles, die ihre Laptops bearbeiten, lesen, surfen oder einfach einen Moment Auszeit genießen.
Foyles Café Ich führe mein Journal, schreibe Postkarten (die ich in der Tate erstanden habe) und trinke den leckersten Chai Latte meines Lebens. Und während Zimt, Karamell, Gewürze, Milch und Zucker in meinem Mund zu einem unglaublichen Geschmackserlebnis explodieren bekomme ich so gute Laune, daß ich nur noch vor mich hingrinse. Yes, this is how we love it! Chai Latte and Postcards
Ich drehe einen kleinen Film mit meinem Handy. Immer noch Neuling im Smartphone-Benutzen und immernoch mit Angst behaftet, daß die Fotos doch nicht an meine alte Kamera heran reichen, was wahr ist. Natürlich sind Abstriche zu machen, aber trotzdem, die Leichtigkeit meiner Handtasche ist ein solcher Gewinn.

Als ich dann aus dem Laden komme, fährt gerade der Bus vor und ich fahre zur Goodge Street, spreche meine Eindrücke auf mein Dicki und lasse mich weiterhin bezaubernd von der Magie eines Herbstabends.
Goodge Street Ich bin wieder erstaunt wie sehr mich die Menschen anrühren. Ich möchte sie alle filmen, fotografieren, festhalten, diese Fülle erstaunlicher Gesichter und Stylings, all die Ethnien, all die Geschichten dahinter. Eigentlich sieht beinah jeder aus als habe er Interessantes zu erzählen. Ich wandere ein wenig durch die Straßen, auch hier Magisches! Pollock's Toy Shop

Pollock's Toy Shop 2
Ach, sieh an, da sind ja wieder die Karten von Edward Gorey.
Dann kaufe ich mir etwas zu essen für den Abend und trudle zurück in meine Wohnung. Schießlich bin ich seit 5 Uhr auf den Beinen und nun ist es 8 p.m. Ortszeit und ich erschossen, aber glücklich. Und morgen mehr….

Erster Tag im November

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Der erste Tag im November und der Regen platscht gegen meine Scheiben. Ich fühle mich, als würde ich mich gleich auflösen. Heute ist mein letzter Tag in meinen 40ern. Dann ein halbes Jahrhundert icke, die Kleene von damals. Sonnen-Return. Wo steht eigentlich der Mond? Vielleicht habe ich ja auch einen Mondreturn. Ich gebe zu, ich kümmere mich selten um die Planetenstände.
Der Online-Mondkalender sagt: Mond im Skorpion. Na wunderbar, auch das noch. Jaja, Mond zieh du nur fleißig über meine Sonne-Neptun-Venus-WG im ersten Haus und mache alles schön moon/d/y und luna-tic.

Neulich las ich in einer Rezension das unsägliche Wort „Vollsräbdigkeit“, was Vollständigkeit bedeuten sollte. Irgendwie kreierte ich daraus das Wort Vollräbrigkeit und fand es herrlich. Ich finde mit 50 hat man tatsächlich die Vollräbrigkeit erreicht. Krah krah. Nun darf ich schwarz und zerrupft rumlaufen und ein komischer Vogel sein. (Tatsächlich war ich mal so frech und habe mir diese Freiheit schon ein paar Jahre vorher genommen.)
Ich könnte auch gleichsam wie bei den Amish in Rente gehen. Das tut man da mit 50. Aber ich bin ja ohnehin die ganze Zeit schon in einer Art Rente. Wie rentig soll es denn noch sein?
Ich wünsche mir, Weltfrieden und bedingungsloses Grundeinkommen und dann lehne ich mich zurück und bin la Nonna, rabengleich und zaunreiterisch bewandert, reise im Mörser umher mit drei wilden Pferden und einem Besen für Notfälle. „Hinter mir dunkel und vor mir klar/daß niemand sieht wohin ich fahr‘!“

Während ich dem freundlichen italienischen Mann mir gegenüber zusehe und -höre, wie er in seinem Minztee rührt und von seinem Heimatort erzählt mit schönen schnellen Gesten als würde er nebenbei noch Gebärdensprache anwenden, entsteht
vor meinem Auge ein Ort unweit seiner Heimat: Viareggio. PB Shelly ist dort gestorben. Und ich auch. Aber nur beinahe. 18 war ich da und bekam den unsäglichen Wunsch immer weiter hinaus zu schwimmen, bis ich vor mir selbst erschrak, wenn ich nicht subito umkehren würde, wäre es zu spät. Ich schaffte es.
Vielleicht sollte ich nach Florenz zurück kehren, denn dort war ich einmal sehr glücklich gewesen. Ich bewohnte das Zimmer Nummer 8 in einem kleinen schäbigen Hotel, das lag nach hinten raus und ich hörte immer und immer wieder die Songs von „The dreaming“ und wanderte in realo und Gedanken am Arno entlang.
Nun lasse ich mir das Tattoo meines neuen Freundes erklären und sehe es sind 8 Dreiecke. Alles schließt sich zum Kreis. Die 8 ist die Unendlichkeit.
Und nun hat auch mein Mantel seinen Namen und er wird mir überall hin folgen. Warum nur bebt in Italien gerade jetzt die Erde? OK, die Frage geht ja noch, aber wie kann man nur, während andere leiden an das eigene Vergnügen zu reisen denken?
Ich folge einfach nur noch meinem Gefühl. Alles andere ist mir längst zu kompliziert geworden und ich verstehe die Welt ja eh nicht mehr.

Weiterhin gut: die kleinen Dinge. Man muß nicht jung sein, um sich über eine kleine Schnecke zu freuen, die das netteste ist an diesem Morgen. Sie klebt an der Innenseite meines Rollos und damit sie beim Aufziehen nicht zerdrückt wird, pflücke ich sie ab und setze sie in den Regen. Wie perfekt doch so eine Schnecke ist. Und wie schön.
Damit ein Seufzen, das Zusammensammeln von Scheiten für das erste Feuer am Morgen und dazu den kalten Tee von gestern, der nicht verschwendet werden darf. Und dann eine hoffentlich schmerzarme Geburt in ein neues Jahrzehnt. Morgen, wenn die Sonne aufgeht.

Neunundzwanzigster Tag im Oktober

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Fand dieser Tage beim Aufräumen dieses Foto, das etwa 1993 entstanden sein muß.
Die magische S-Bahn
Damals gab es noch keine digitalen Hilfsmittel und man machte so etwas, in dem man die Negative zweier Bilder übereinander legte und dann das Foto entwickelte. In diesem Fall einmal ich im Wald und das andere ist eine Berliner S-Bahn Station (ich glaube Humboldthain).
Verrückt, wie einfach das heute wäre, wieviel besser man das machen könnte. Die Welt hat sich doch sehr verändert.
Und oft erzähle ich meiner Tochter davon, die staunend zuhört und das einfach nicht glauben kann. Kindheiten ohne PC und andere Technik (DVD, CD, Nintendo), das ist einfach für unsere Kinder undenkbar.
Und dennoch gibt es bei S. dann immer eine aufjaulende Sehnsucht nach Plattenspielern, Telefonen mit Wählscheiben und Lexika in 10 Bänden.
Neulich fiel mir auf, wie unser Familienleben wohl gewesen wäre, hätte es damals Handies gegeben. Mein Vater wäre ständig mit dem Ding rumgelaufen, sicher genauso wie Christoph Waltz in dem gar köstlichen Film „Der Gott des Gemetzels“, wo er alle 3 Minuten irgendeinen Anruf oder eine SMS beantworten muß. Oder vielleicht auch nicht muß, es aber tut.
Andererseits hätte es dann nicht ewig Ärger gegeben, wenn ich nach 21 meine Freundinnen anrief, mein Vater derweil mit wütendem Deuten auf die Armbanduhr zum Schlußmachen drängte, weil er seinen Broker anrufen mußte, was er wegen der Zeitverschiebung immer erst abends tun konnte.
Überhaupt stand damals unser Telefon (grün, Wählscheibe) im Flur. Im FLUR! Was hab ich da nur meinen Freundinnen erzählt, in Hörweite die Küche (Mutter) und das Fernsehzimmer (Vater). Und damals bei meinen Eltern waren Zimmertüren meistens offen. Unser Wohntrakt hatte noch nicht mal eine. Tatsächlich ich erinnere mich, daß ich manchmal mit Freundinnen über ätzende Lehrer diskutierte und über eine verhauene Matheklausur und mein Vater dann aus dem Wohnraum rief: „Schieb nicht immer alles auf den Lehrer!“
Meine Eltern bewohnten ihre ersten drei Wohnungen gänzlich ohne Telefon. Ganz komische Vorstellung. Erst 1974 bekamen wir eins. Das stand auf der Durchreiche zwischen Wohnbereich und Küche und wenn die Nachbarn kamen, die kein Telefon hatten, warfen sie 30 Pfennig in eine kleine Schüssel, die daneben stand, während wir zuhörten, daß der kleine Lutz die Masern hatte und das Päckchen gut angekommen sei. Ach ja und eines der Meerschweinchen sei verschwunden und die Kinder seien untröstlich.
Tätigte man gar ein Ferngespräch, natürlich innerhalb Deutschlands, aber eben in eine andere Stadt, sprach man grundsätzlich lauter. Und meine Großeltern riefen immer ins Telefon: „Könnt ihr uns gut hören?“
Es gab Anmeldungen zum Telefonieren in die DDR für die extreme Geduld nötig war. („Den ganzen Tag schon versuche ich Eisenhüttenstadt zu erreichen“) Und es gab diese witzige Telefongeschichte. An irgendeinem Silvester der späten 50er Jahre, hatte jemand Unbekanntes fälschlicherweise die Nummer meiner Großeltern gewählt und fröhlich in die Hörer gerufen: „Prost Neujahr Tante Fränzi!“, dann aufgelegt. Nie haben wir erfahren, wer sich da verwählt hatte und ob Tante Fränzi erbost darüber war, daß ihr niemand ein schönes neues Jahr gewünscht hat.
Jedenfalls war die Story der Lacher in der Familie meines Vaters und die Geschwister riefen einander noch jahrelang zu Neujahr an mit den Worten: „Prost Neujahr, Tante Fränzi!“

In meiner ersten eigenen Wohnung wollte ich unbedingt das damals supermoderne rote Telefon mit Tastatur im Hörer haben. Modell Dallas. Das kostete 50 Mark monatlich. Extra! Nur das Modell. Gaga wenn man bedenkt, daß wir – mein Freund und ich- damals noch zur Schule gingen. Aber wir teilten die Kosten und so hatten wir dieses tolle Teil dann im Wohnzimmer stehen. Als es während des Umzugs zum ersten Mal klingelte, rief einer der Helfer begeistert: „Ah, Manhattan!“
Auch das sorgte monatelang für Heiterheit.
Und meine Tochter staunt, daß man damals wirklich auf die Uhr guckte, um 1. Nicht zu lange zu telefonieren und 2. Zu bestimmten Zeiten, weil es dann günstiger war, der berühmte Mondscheintarif.
Das alles scheint Lichtjahre entfernt. Seltsamerweise weiß man das gar nicht zu würdigen, wie einfach das alles geworden ist. Vermutlich weil es so viele Schattenseiten gibt. Unvorstellbar, damals, lange Familienabende, ohne daß das Telefon klingelte, denn es gab keins oder wenn es eins gab, benutzte man es nicht oft. „Und die Kiste machen wir jetzt mal aus. Du kannst schon mal die Karten mischen, ich komm gleich…“. Endlose Canasta-Runden, unterbrochen nur vom Getränkenachschub holen.

Fünfundzwanzigster Tag im Oktober

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Le ciel 19.10.2016 Also in diesem vollkommen sonnenlosen Oktober muß ich echt all meine Kraft zusammen nehmen um nicht in eine feiste Herbstdepression zu rutschen. Jedes Jahr ist es dasselbe, nur daß es diesmal noch früher kommt und mein Horror-Monat, der November, hat noch nicht mal begonnen. Walk

In einer Woche bin ich 50. Das ist seltsamerweise etwas, worauf ich immer gewartet habe. Seit ich zum ersten Mal (mit Ende 20 etwa) darüber nachdachte, wie ich wohl mit 50 bin.
Das kam daher, daß ich damals eine Frau kannte, die eine Ausbildung zum Thema „Inner voice dialogue“ machte, eine Technik (sehr hilfreich übrigens), bei der man gezielt und unter Anleitung alle Stimmen in seinem Inneren sprechen lassen soll.
Also angenommen das Grundthema ist: „Soll ich meinen Job aufgeben und meinem Herzen folgen und kreativ arbeiten?“, dann geht man so vor sich: Man sitzt zunächst als die neutrale Person auf einem Stuhl der Therapeutin gegenüber und umreißt das Thema.
Dann wird man aufgefordert, spontan eine Stimme, die hochkommt, sprechen zu lassen und in den Raum zu setzen. Also etwa den „Pusher“, der ja meist sofort anspringt, der jault: „Bist du wahnsinnig, denk an deine Rente! Und überhaupt, das Risiko ist viel zu groß usw.“ Wichtig ist: ALLE Stimmen dürfen zu Wort kommen und werden zu Ende angehört. Und danach immer zusammen mit der Therapeutin ausgewertet: Wer ist diese Stimme, woher kommt sie, wann ist sie entstanden, wie steht sie zur Gesamtpersönlichkeit und wie alt ist sie usw..
Da diese Bekannte noch üben mußte, suchte sie Freiwillige für eine Sitzung. Ich war dazu  bereit, denn damals, mit 27, war ich sehr fasziniert von allen alternativen Heilweisen und Selbsterkennungs-Ritualen.
Interessanterweise fand ich mich dann irgendwann auf dem Boden wieder, im Schneidersitz vor dem Stuhl, der mich als Gesamtperson darstellte, ruhig, lächelnd, ausgeglichen und war „mein 50jähriges Ich“. Und ich war begeistert! So ruhig, so weise, so freundlich, so ganz und gar die Frau, die ich immer sein wollte.
Seit dem hatte ich das Gefühl, wenn ich 50 bin, bin ich diese Frau. Und ja, doch, ich kann schon sagen, daß es stimmt.
Ich bin auch immer noch eine große Melancholikerin und Nostalgiesela, kann ungeduldig und nörglig sein, grüble zu viel, bin kompliziert und kapriziös und -typisch Künstlerin- voller Macken und alles andere als einfach gestrickt, aber ich bin auch menschenfreundlich, ruhig, bedächtig, empathisch, von amüsierter Grundhaltung und mir selber treu. Hurra!
Und deswegen bin ich ganz happy über meine 50.
Plum leaf Und sogar die „Spießerziele“ habe ich erreicht: Eigenheim, Mercedes vor der Tür, Einbauküche, Bausparvertrag. Das Eigenheim ist zwar nur ein olles Bahnwärterhaus in der Mecklenburger Pampa, wo sonst kein Mensch wohnen will, der Mercedes ist ein alter Postbus, umgebaut zum Wohnmobil, das längst nicht mehr fährt, die Einbauküche hat keine Oberschränke und der Bausparvertrag dient nur dazu, dem Kind das Geld für Führerschein und erstes Auto (gebraucht) zu sichern. Anonsten ist mein Leben immer noch so, daß ich meine Werte von damals, als ich jünger war, nicht verraten habe. Fehlt noch was? Ja, ganz viel. Aber nichts davon sind materielle Dinge. Und nichts davon fehlt so, daß ich darunter ernsthaft leiden würde.

Jetzt also genieße ich die letzten Tage meiner 40er, die so lala waren. Fifty-fifty, es gab viel belastendes, aber die zweite Hälfte wurde deutlich besser.

Schön auch, daß mir immer noch mal wieder neue Ideen kommen, heute morgen gerade für neue Sticker.
Story sticker
Hurra, sie sind so geworden wie ich wollte.

Und meine neuste Serie von Tags gefällt mir auch.
Magic tags

Achtzehnter Tag im Oktober

Schon seit drei Tagen kein Himmelsfoto mehr gemacht. Einfach unmöglich, nur grau und nebelig und da das schon seit zwei Wochen so geht, ohne Sonne und auch weiter so gehen soll, werde ich langsam nervös und frage mich, wann die Herbstdepression zuschlagen wird.
Normalerweise kommt das erst im November und nach der Uhrumstellung, aber so einen sonnenlosen Oktober habe ich hier in MV noch nie erlebt.
Früher schon, als ich noch in Wessiland wohnte mit seinem drei Tage Dauerregen. Aber hier gibt es so etwas eigentlich nicht.
Vermutlich müssen wir jetzt für den hochsommerlich warmen September bezahlen.

Only happy when it rains

Kein Satz könnte weniger auf mich zu treffen als dieser. Mir gefällt er dennoch. Warum eigentlich? Der Klang, die Idee und schließlich paßte er einfach genau zur Stimmung in der Collage.

Ich muß gerade an die Schriftstellerin Mian-Mian denken, die mal sagte, daß alle wichtigen Ereignisse ihres Lebens mit Regenwetter zu tun haben. Aber vielleicht ist das auch kein Wunder, wenn man in Shanghai lebt, einem Ort, an dem es extrem häufig regnet.
Seltsam, daß ausgerechnet dort auch noch die Immobilienpreise so hoch sind wie sonst kaum auf der Welt.

 

Zwölfter Tag im Oktober

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Ein Regentag in Berlin. Ich erwarte nichts und bin von einer angenehmen inneren Leere. Ich habe 8 Stunden Zeit und lasse mich treiben.
Ich lande an der Friedrichstrasse. Dort berührt mich die kaputte Puppe im Koffer des Kindertransport-Denkmals. Jemand hat Blumen hinein geworfen.
Berlin Okt 16 1 Überhaupt tragen alle Mädchen der Skulptur Blumen im Arm. Vielleicht liegt es auch daran, daß es der „Tag des Mädchens“ ist. Ich erinnere mich…Vor drei Jahren, war ich just an dem Tag in London und auf dem Trafalgar Square lief dazu einiges an Aktionen ab. Ich habe bis dahin nicht mal gewußt, daß es diesen Tag überhaupt gibt. (Was auch immer er nutzen mag.)

Weil sie gerade günstig liegt, besuche ich die „Espresso Ambulanz“ neben dem Tacheles. Dort bringt mich ein frisch gepreßter O-Saft auf Trab. Mein Quaderno ist mittlerweile lieber Stadtbegleiter geworden. Neben dem Dicki, schreibe ich doch auch tatsächlich noch mal Tagebuch von Hand, allerdings nur „fern der Heimat“. Ein echter Gewinn: Keine schwere und umständliche Kamera mehr. Kleine Zugeständnisse bei der Bildqualität sind zu machen. Aber das muß so sein. Hübsche Nahaufnahmen dann eben lieber Zuhause. Berlin Okt 16 2

“Das Schöne lauert überall”.

Berlin Okt 16 3

Ich hab herzlich gelacht. Wie das paßt zu dem Tag. Peter Handke: „Als das Kind Kind war, erschienen ihm viele der Menschen schön und heute nur noch im Glücksfall…“, das hab ich gar nicht. Ich finde fast alle Menschen schön. Ihre Eigenarten, ihre vielen Gesichter, ihre liebenswerten Unperfektionen, die vielen Haut- und Haarfarben, die lieben Falten, die kleinen Besonderheiten, die sie sich angeeignet haben. Da werden Haare auf bestimmte Art und Weise zusammen gedreht und unter Mützen gestopft, ein Schal wird mit Brosche fixiert, ein Make-up ist bezaubernd, urige Schuhe gibt es zu sehen und einen Typ im grauen Faltenrock und mit Burlington Socks an dünnen Beinen- göttlich. Ein Kind mit wippendem Zopf malt mit seinen schmalen, flinken Fingerchen auf der beschlagenen Scheibe der Tram.
Und die meisten Menschen sind freundlich. Türen werden aufgehalten, man wird gegrüßt, die Kellnerin im Godot fragt mich: „Kein Ziegenkäsebaguette heute?“ obwohl ich wochenlang nicht mehr dort war. Drei Leute warten einen Moment, bis ich fertig geknipst habe, um nicht in mein Foto zu laufen. Eine Mutter, die gerade die Eiswaffel ihres Sohnes abbekommen hat, lacht mit mir zusammen über Murphys Law („Der Mantel ist neu! Der zieht Flecken nur so an!“), wieviele schöne Tage mir gewünscht werden, wie die Menschen immer bitte und danke sagen, wie sie Taschen von Sitzen nehmen, wenn es voll wird in den Öffis. Wir sind ein freundliches Volk. Im Großen und Ganzen doch. Denn auch das Gute lauert überall, bereit den Regentag zu verzaubern.

Ach ja, ich bin entspannt und glücklich. Ich kehre zu meiner üblichen „Wasserstelle“, dem Godot zurück und breite mich postamt- und schatzbegutachtungsmäßig aus. Heiße Schokolade und ein Glas Wasser, zum runterspülen einer Schmerztablette. Denn auch der Schmerz lauert überall, aber ich ignoriere das. Runter damit, gleich wird es besser…
Berlin Okt 16 5 Susan Sontag finde ich sehr apart aussehend auf dem Bild. Das Statement darunter ist reichlich „thoughtprovoking“.

Yoko Tawada könnte ich auch mal wieder lesen. Sie ist sehr interessant, weil sie die deutsche Sprache, die nicht ihre ist, die sie aber perfekt beherrscht, so wunderbar auseinander nimmt. Die Übersee-Zungen (Übersetzungen) haben mir damals sehr sehr gefallen. Wie beneidenswert auch, eine Sprache zu haben, deren Schrift aus vereinten Symbolen besteht, so bekommen Wörter noch mal eine andere Bedeutung. Wie das Schnee-Buch ist, weiß ich nicht. Die Lesung ist vorbei. Aber die Karte gefiel mir.

Amüsiert nehme ich es wieder mit dem Regen auf und bummle in fotographischer Absicht meine Lieblingsstraße hinunter. Berlin Okt 16 4

“The sun in your back”- oh ja, bitte!
Berlin Okt 16 6 Doch keine Spur von ihr. Prompt vergesse ich wieder das Himmelsfoto zu machen, wie schon vorige Woche in Hamburg. Isses nun zu fassen.

Mal sehen, was es am Hackischen Markt so Neues gibt. Berlin Okt 16 8
Wie immer, gibt es was. Das Neue verdrängt dort immer rasch das Alte. Aber genau das ist der Fun.
Man wird nie enttäuscht. Nur Kontinuität darf man nicht erwarten.
Berlin Okt 16 7

Berlin Okt 16 9

Berlin Okt 16 10

Berlin Okt 16 11

Ich zuckel so mit den Trams hin und her, nehme in alter Manier immer die nächst Beste, lande wieder an der Friedrichsstraße und springe mal eben bei „Dussmann“ rein. Da war ich 15 Jahre nicht mehr drin! Oha. Ein Büchertempel der seines Gleichen sucht. Der vertikale Garten ist ja wunderbar. Und man kann da gut sitzen und ausruhen.
Zu Büchern gehört Schokolade. Schöne Herbstfarben (aber überteuert und nicht bio).
Berlin Okt 16 12

Im “Rituals”laden reicht man mir Tee. Der kleine Pappbecher gefällt mir und ich trage ihn in der Manteltasche mit mir herum. Frau Zeilensprung schenkte mir neulich so eine herrliche Bodylotion, ob sie davon ein Deo haben? Nein, früher mal, heute nicht. Fächer mit exotischen Parfums zum Testen. Was sind Frauen doch immer anfällig für den kleinen Luxus, für ein sich Verwöhnen mit schönen, wohlriechenden Dingen. Doch ich brauche wirklich nix. Und kaufe mir (zum Trost) ein Räucherstäbchen für 40 Cent im Reformhaus.

Nach dem Verzehr meiner Lieblings-Süßkartoffelpommes, gehe ich erstmalig rüber ins Café Morgenrot. Warum war ich da noch nie? Das soll sich ändern. Ich bin erstaunt, wie herrlich es dort ist. Ganz atmosphärisch und gemütlich und günstige Preise. Ich trinke heißen Holundersaft und breite wieder meinen Schreibkram aus. Berlin Okt 16 13
Draußen neigt sich der Tag herbstlich in die Nachmittagsstunden. Es ist so gemütlich wie es sein soll. Das Leben ist gut zu mir. Heute hier und in drei Wochen in London.
Ich schreibe, sinne, schreibe, sinne, lassen die Zeit verrinnen, lasse mich treiben. Ich stelle fest, ich kann gut in Cafés schreiben, trotz Gewusel und Gesprächen und dem endloses Geräusch des Milchaufschäumers.
Vielleicht gerade deswegen.

Berlin Okt 16 14

Schließlich kaufe ich noch im Comicladen ein Stück weiter ein (mir bis dahin unbekanntes) Art Magazine mit dem Namen „Hi Fructose“ und tuckle dann zurück zur Schönhauser, um die S-Bahn zu kriegen, die mich zurück nach Moabit bringt, wo D. und ich unseren obligatorischen Treffpunkt haben. Netter Kontrast zur Häßlichkeit einer modernen Shopping Mall: die schönen vintage Inselbücher. Berlin Okt 16 15