Vierzehnter Tag im Oktober

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Holunder Fantastische goldene Oktobertage, sonnenvoll und so warm, herrlich. Ich bin nur noch draußen.

Distant flickerings, greener scenery
This weather’s bringing it all back again
Great adventures, faces in condensation
I’m going outside and take it all in

Ich saß heute morgen lange dort in diesem wunderbaren Wind und blickte auf die große Esche, die am Feldrand steht und deren goldene Blätter nun in jeder Menge fallen und dann dieses herrliche Rascheln hören lassen, wenn sie auf der Straße hin und her bewegt werden. Ich hatte meine Kopfhörer auf und hörte die Songs meines MP3players auf Zufallsmix. Unter anderem auch dieses all-time-fav von Imogen Heap.

Und selbstredend denke ich an London. Vorfreude ist herrlich. Das Wetter ist so londonerisch. Dieses goldene, magische Licht. Aber natürlich muß ich mit Regen rechnen. Tue ich auch. Frage mich, welchen Mantel ich anziehen soll und was ich packen soll und wo hinein? Hacki? Oder Koffer? Ich bleibe drei Tage. Nur. Reicht aber auch. Obwohl, wenn ich ehrlich bin, würde mir auch nochmal so richtig lange gefallen, wie damals vor vier Jahren, nur woher das Geld nehmen für eine Unterkunft?

Hoxton Mini Press wird 5 Jahre. Ich kann diesen kleinen Fotobuchverlag gar nicht genug empfehlen.

Breakfast with Hoxton Mini Press 1

Angefangen hat alles mit einem alten Mann (Joseph), der sein ganzes Leben lang in East London, genauer in Shoreditch gelebt hat. Martin Usborn hat ihn kennen gelernt, begleitet, fotografiert und interviewt. Herausgekommen ist dabei dieses kleine Büchlein, das wirklich ein ganz besonderes Werk geworden ist. (Und in dem Video auch schön vorgestellt wird, langsam, sorgfältig, mit genug Eindrücken)
Der Erfolg des kleinen Buches hat Martin und seine Frau dazu gebracht, noch mehr Bücher heraus zu geben, allen gemeinsam: sie haben London und meist auch East London zum Thema. Sie sind recht günstig (etwa 15 Euro) und alle ganz liebevoll und sorgsam gemacht. Ich habe zwei, werde aber wohl demnächst in London mein drittes kaufen, mal sehen.
Breakfast with Hoxton Mini Press 2

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Fünfter Tag im Oktober

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Mariannen Ecke Oranien Der Himmel über Berlin ist blau, die Luft mild, es ist sonnig und golden, wunderbares Wetter . Ich bin mitten im Kiez und wie immer eine Mischung aus erschöpft und verträumt. Kisch & Co

Alle bleiben! Während ich mir so den Weg zum „Bateau Ivre“ erbummle, denke ich an zwei Dinge, an Joseph Beuys (am Tag zuvor den Film von Andres Veiel gesehen) und an DK, einen Londoner Freund, der einen Fahrradunfall hatte und gigantisches Glück, nur das Knie aufgeschlagen, sonst nix. Hätte (bei einem Zusammenstoß mit einem Motorrad) auch anders ausgehen können. Wir whatsappen uns so durch den Morgen und ich schreibe, er habe eben einen Schutzengel gehabt. Der Gedanke schien ihm neu zu sein, aber er mochte ihn. Als ich dann bei „Kisch & Co“ nach Postkarten gucke, staune ich nicht schlecht, denn da sind zwei direkt in unmittelbarer Nähe von einander, die die Symbole des Tages zu bestätigen scheinen. Im „Ivre“ dann, mache ich es mir gemütlich (diese schönen Holztische dort!) und betrachte sie eingehend. Schutzengel (für Damien)
Ich schicke DK das Foto und schreibe: „What a coincidence!“ und er ist begeistert. „A sign, if there ever was one“. meine ich. Tröstend sei das und schön, schreibt er.

Beuys: Jeder Mensch ist ein Künstler. Ich glaube das eher nicht, aber jeder Mensch ist ein Kreativer. Ein Künstler ist er dann, wenn seine Neigung kreativ zu sein einen Großteil seiner alltäglichen Handlungen bestimmt. Einem Menschen das Kreativsein abzusprechen, zu vermiesen, auszureden, gar zu verbieten, ist meiner Meinung nach ein Verbrechen das mit Freiheitsberaubung gleichzusetzen ist. Leider geschieht dies häufig. Erstens: durch einen tief in unserer Gesellschaft verankerten (meiner Meinung nach vollkommen fehlgeleiteten) Gedanken, daß man nur dann Künstler ist, wenn man mit seiner Kunst Geld machen kann. Zweitens: dadurch, daß man Kindern ihre natürliche Kreativität ausredet, verdirbt, verbietet oder verhöhnt, um sie zu funktionierenden Wesen (was auch immer das bedeutet) zu machen.

Ein Glücklicher, den das nicht anficht oder der es sich zurück erobert. Oder der gar gefördert wurde.
Bateau Ivre 1 Darüber denke ich nach, während ich im Ivre sitze und schreibe. Ich mag das Teil. Ich kann nicht mal sagen warum eigentlich. Bateau Ivre 2
Die Musik ist nicht sonderlich (glücklicherweise habe ich meine eigene), der Kaffee eigentlich auch nicht (der Apfelsaft aber ist grandios), das Klo ist ne Treppe tiefer und ziemlich schäbig, die Bedienung zuweilen etwas langsam (aber nett). Aber die Atmosphäre stimmt. Ich liebe die weichgeschabten Holztische, die Bestuhlung, die schaukelnden Lampen, die großen Fenster und die Lage. Draußen rauscht das SO36-Kiezleben vorbei, drinnen hat man Zeit und Muße, so gehört sich das. Das Publikum ist gemischt. Coolness ist nicht angesagt.
Mein Lieblingstischchen ist das hier, das ist meine Nische.
Meine Nische

Bald jedoch treibt mich der Sonnenschein wieder vor die Türe. Und auch mein Wunsch, Bilder zu machen. Noch ein „verlassener Tisch“-Foto, auch hier ein Engel! Angel

Und sonst?
Esse ich langsam einen köstlichen Apfel aus dem Frauenkollektiv-Bioladen „Kraut und Rüben“ und genieße dabei die Sonne.
Mache ich zig Street Art Fotos. (siehe Flickr)
Wall Art 3 Entdecke ich eine wunderschöne Postkarte (die dritte) in einem kleinen Kunstladen und werfe den Beuys in einen typischen Postkasten. Post

Schnuppere ich am Schokoladen-Laden herum, aber da ist nüscht los. Schokofabrik
Gehen mir die agressiven Bettlerinnen im Kiez sehr auf den Zeiger.
Bedaure ich es, daß der Töpferladen und der Müßiggangbuchladen zu haben.
Kaufe ich in der Grünen Papeterie (bitte hinfahren und den Laden unterstützen, falls ihr in Berlin wohnt oder seid, er ist so liebenswert und es ist so ein Wunder, daß er seit 28 Jahren jeden Mietwahnsinn und jede Krise übersteht!) ein florales Stempelset.
Ist es nach 4-5 Stunden aber auch wieder genug und ich ersehne meine ländliche Stille und Abgeschiedenheit.
Comfort Zone
Lese ich in einer fantastischen Kunstzeitung über diverse Photoausstellungen (und finde darin u.a. auch ein weißes Pferd- noch ein Engel).
Bin ich so dankbar, daß ich zurück nicht die Öffis brauchte, sondern D. mich an Ort und Stelle aufgabelte.
Geraten D. und ich auf dem Rückweg in einen extremen Stau nach einem Unfall. Da hatte jemand leider keinen Schutzengel. Ich spreche schnell ein Gebet.

Fahren wir mit einem gigantischen Abendrot zu unserer Seite nach Norden, lassen die Stadt bald hinter uns und werfen uns in die Arme der vertrauten Landschaft. Als wir ankommen ist es dunkel.

Neunundzwanzigster Tag im September

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Riesige Demo in HH Hamburg demonstriert, FM flaniert. Ächäm. Naja. Wenn das nicht typisch ist. Ottensen
Zufällig und unverhofft bin ich in Ottensen gelandet. Hamburg vs Berlin. Naja, was soll man da sagen:
Häuser und Architektur: Berlin eher, aber Hamburg kann gut mithalten
Kultstatus und Inspiration: Berlin
Freundlichkeit der Leute: Hamburg
Läden & Cafés: Berlin, aber das Knuth und die Rain Caffeteria sind beide gut, wenn auch rappelsvoll. Im Knuth ist ohnehin nie ein Platz zu bekommen, aber samstags schon mal gar nicht. Schade, das wäre meine erste Wahl gewesen.
Nun denn, das Rain interessiert mich aber auch. Ich lande davor an einem kleinen Tischchen (mehr brauche ich nicht), bestelle mir mal wieder einen Kaffee, schaffe mir mittels Kopfhörer einen Klangraum und schreibe. Und gerate in einen guten Flow.
Rain Café Verweile doch

Irgendwann leert es sich dann auch ein wenig und ich kann Fotos für meine Serie „Verlassene Tische“ machen.
Verlassene Tische Serie: Rain Hamburg 9/2018 1 Einmal außen und einmal innen. Verlassene Tische Serie: Rain Hamburg 9/2018 2
Mir scheint, der gemeine Hamburger nimmt neben dem Frühstück auch gleich noch Tabletten ein. Zufall?

Das „Rain“ gefällt mir gut. Wenn man bedenkt, was man (ich) alles für Ansprüche hat an ein Café!
Rain Inside 2 Natürlich in erster Linie muß Heißgetränk und eventuell auch Essen gut sein. Dann: Gemütlich, freundliche Bedienung, gutes Design, bequeme Bestuhlung, sauberes Klo, gute Lage, nettes Publikum. Pluspunkte gibt es für: Zeitschriften, Collagenmaterial, Sofas und Sessel und vor allem für Fensternischenplätze. Rain Inside 1
Farbgebung und Innenausstattung vom Rain sind schön. Zeitschriften gibt es auch!
Nomad Mag 2 Nomad Mag 1

Der Kaffee ist voll in Ordnung, die Bedienung nett und aufmerksam, trotz des starken Betriebs.

Entrance

Ich träume davon, irgendwann einen Fensterplatz dort einzunehmen, bei Regen und ich blättere in Ruhe durch Zeitschriften, lese und schreibe endlos.
Ach ich freue mich so auf London. Noch vier Wochen. Und das beste: ich habe meine Wohnung in einer Gegend gebucht, wo man über kleine, kultigen Cafés nur so stolpert. So werde ich dann mein 52zigstes Lebensjahr vollenden.
„As I’m sitting here, doing nothing but aging….“
Mind the gap

Vierundzwanzigster Tag im September

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Men-an-tol in the sky Momentan ist erstmal nichts mehr mit herrlichen Gartenstunden und Wolkenguckerei, hier sogar Men-an-Tol in the sky!

Der Herbst kam pünktlich zum Herbstanfang und wird vermutlich wieder genauso schwer auszuhalten sein wie alle anderen Herbste zuvor. Um 19:30 Uhr ist es hier im Nordosten nun dunkel- widerlich. Und all der Regen und die Stürme. Garden table with leaf

So viele Vögel sind schon fort, zum Beispiel auch die Schwalben. (Können die sich nicht einmal verabschieden, nein, nie sagen sie einem Bescheid, fliegen einfach so weg.)
Der Sommerflieder ist dabei zu verblühen. Auch die Schmetterlinge werden mir fehlen und mein besonderes Schätzchen, das Taubenschwänzchen aka Little Colibri.
Taubenschwänzchen

Nachdem ich lange nur das eine Buch gelesen habe, langsam und über Wochen, kann ich mich momentan gerade vor Lesestoff kaum retten. Hier ist noch alles möglich

„Hier ist noch alles möglich“ scheint interessant, aber das spare ich mir auf für den Winter. Ich finde allerdings die Vorstellung eines so reduzierten Umfeldes wie in dem Buch sehr spannend. Und die Leseprobe hat sehr viel Lust auf Mehr gemacht. (Dazu hatte ich den bisher besten Capuccino- in der Biobäckerei am Brink in Rostock. Seit Jahren beziehe ich mein Brot von dort. Der Kaffee scheint mir mindestens genauso gut.)

„White tears“ ist das erste Buch seit Jahren, das ich an einem Tag gelesen, sprich also verschlungen, habe. Eine unglaublich gut geschriebene, spannende Geschichte, die man besonders mag, wenn man selber mal Tonaufnahmen und Samplings gemacht hat. (Was bei mir der Fall ist.)
Was mir am besten daran gefällt: Die Magie von Sounds, das Black-life-matters-Thema geschickt eingewoben in eine Geister/Krimi/VisionQuest-Geschichte. Und die Sprache. Aber es ist nicht leicht zu lesen und besonders das Ende ist schwierig und chaotisch und erfordert Durchhaltevermögen.

„Du sagst es“ hat mir die gute Frau Zeilensprung geschenkt, das ist jetzt als nächstes dran. Ein Buch über Ted Hughes und Sylvia Plath. Leider Roman und nicht -was mir immer lieber wäre- Sachbuch/Biographie.

Aber über allem schwebt die wunderbare Marina Zwetajewa, deren Erzählfluß und Sprache für mich ein absoluter Hochgenuß ist.
Marina Zwetajewa in Paris 1930 So wertvoll und wunderbar. Ich bin sehr froh, daß ich ihre drei Bände gekauft habe. Ganz toll auch die Fußnoten, sprich Ergänzungen im Anhang. Außerdem jede Menge Fotos.

Und die beste aller Zeitschriften (vor allem vom Bildmaterial her) ist „Luncheon“. Leider auch die teuerste, zumindestens hier. Best Magazine ever
Herausgeberin ist die Tochter von Princess Margarets (Ex-)Ehemann Lord Snowdon. (Und natürlich sind auch Fotos von ihm dabei.)
Um Essen geht es in der Zeitschrift eigentlich auch nicht wirklich, eher um Kunst, Kultur, Mode, Lifestyle, die üblichen Verdächtigen.
Table of Solace Getrude Stein & Alice B. Toklas
Mich haben neben den überaus eindrucksvollen und geheimnisvollen Fotos vor allem drei Beiträge angezogen: über Fran Lebowitz, über Getrude Stein und über japanische Apnoe-Taucherinnen.
Japanische Taucherinnen 1 Über die gibt es übrigens eine 360°-Geo-Reportage, die zu meinen allerliebsten Folgen der Serie gehört. Japanische Taucherinnen 2

Auch der Modeteil der Zeitschrift ist ansprechend(er) und geheimnisvoll(er als in anderen Magazinen).
Beautiful pictures 1 Zum Zerschneiden natürlich viel zu schade. Beautiful pictures 2

 

Vierzehnter Tag im September (2)

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Wie immer fotografiere ich die kleinen Stadt-Absurditäten genauso gerne wie das Romantische.
Hier sind es das ausgesetzte Sandmännchen, genauso wie der „Herr der Welt“ und die „süßen Jungs“, die es hier im Kaugummiautomaten zu geben scheint.
Süsse Jungs

Mit großem Durst behaftet, kehre ich ein ins „Zia Maria“, eine (etwas zu) farbenfrohe Pizzeria, Wins-, Ecke Marienburger und entnehme dem Kühlschrank eine Bionade und dem offenen Schrank ein schlichtes Glas. „Don’t go breaking my heart!“ singt mir Elton John von irgendwoher aus dem Laden entgegen, als hätte ich das vorgehabt. Es riecht verführerisch nach frischer Pizza, aber ich bin so gut wie blank und kaufe mir für 2 Euro daher nur Durstlöscher und Schreibtischchen, vor dem sich Nonna Maria (höhö) nun seufzend niederläßt. Zia Maria Innenwand
Nachdem ich mich satt geschrieben habe, steigert sich meine Laune (die ohnehin schon gut ist) noch dadurch, daß sie nicht nur zwei meiner All-time-Fav-Oldies spielen („Another one bites the dust“ und „Don’t stop til you get enough“), sondern mir auch gleich zwei interessante Zeitschriften bieten, einmal die italienische (!) „Vogue“ und zum anderen „Monopol“.
Vogue Italia 1 Erstere blättere ich nicht nur staunend durch, ich fotografiere sie auch ab wie blöde. Sie ist ein echter Geheimtip für interessantes Bildmaterial. Senza fine. Vogue Italia2

Vogue Italia3 Vogue Italia4

Vogue Italia5 Vogue Italia6

Im „Monopol“ lese ich dann, daß jeder Museumsbesucher im Schnitt heute nur noch 5-6 Sekunden vor einem Kunstwerk verweilt, was die Tate Gallery in London zur Idee des „slow looking“ verleitete, u.a. durch Führungen, bei denen Zuschauer sich in einer Stunde nur 2-3 Bilder ansehen.
Das holt mich da ab, wo ich stehe! Deswegen gefällt mir auch der British Art Wing in der alten Tate nicht so sehr, zu vollgestopft. Sehr gut hingegen fand ich einmal einen Raum, in dem drei Hockneys hingen und in der Mitte stand ein Designersofa aus schwarzem Leder. Gut dem Dinge. Ich verweilte.

Merkwürdig verstörend ein Satz in einem Artikel zum Werk „Skin“ von Alexandra Bircken (bei der u.a. Nylonstrumpfhosen zu Collagen verarbeitet wurden): „Was Mode und Kunst gemeinsam haben, ist die Lust an der Unterwerfung.“ Ok, vielleicht in dem Fall (who knows?!), aber grundsätzlich hat für mich weder das eine, noch das andere jemals mit Unterwerfung zu tun.
Nun ja, aber „Food for thought“, denke ich, leere meine Brause und höre auf die italienischen Wortfetzen der Kellnerinnen und das Saxophon, das jemand im Hause zu spielen scheint, was man in den Musikpausen hören kann.

Korbmacher Winsstrasse Zum Thema Skin paßt ja auch das Korbgeflecht von Fred Jacob, über den Knut Elstermann in seinem Buch „Meine Winsstraße“ schreibt. Der Laden war leider geschlossen.

Langsam wird es dann Zeit zum Aufbruch. Glücklicherweise werde ich abgeholt. Beim Warten habe ich Zeit die Grafitti und Décollagen auf dem Gelände des Boesner-Parkplatzes zu knipsen. Wieder mal ist Kunst in Berlin umsonst und draußen, wie ich es liebe. Wall Art Marienburgerstraße1

Wall Art Marienburgerstraße2 Wall Art Marienburgerstraße3

Wall Art Marienburgerstraße4 Wall Art Marienburgerstraße5

Ach ja. Das goldene Licht scheint den Stadtlärm zu übertönen. Das „Taglein, Taglein, wandle dich“, das ich in mein Notebook schrieb, scheint wahr geworden zu sein. Meine letzten Kröten lasse ich zu einer Laugenstange und einem Stück Zwiebelkuchen für D. werden, der mich schließlich aufgabelt, und mir für diesmal den gute-Laune-Killer BVG erspart.

Boesner Gelände

 

Vierzehnter Tag im September

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Bunter Kiez Um mal wieder woanders zu sein in Berlin, besuche ich den Winskiez. Der ist vertraut, aber ich war dort nun doch schon länger nicht mehr. Es ist ideales Wetter, traumhaft für einen Stadtbesuch: Goldenes Licht, 20°, man fühlt sich draußen wie in einem angenehm temperierten Zimmer.

Das Café „Blaumond“ kannte ich noch nicht. Café Blaumond 1
Es weiß zu überraschen, denn es ist größer als man erst meinen möchte. Und schön eingerichtet. Der Espresso (macchiato) ist klein, stark, lecker. (Und hoch zu lobpreisen ist die schöne Sitte der Allzeitbereit-Wasserkaraffe in guten Cafés, mit Minzeblättern und/oder Zitrone und zuweilen sogar mit Edelsteinen darin.)
Café Blaumond 3 Hintendurch hat das kleine Teil unnachahmlich viele Kissen und ein schönes gemütliches Farbkonzept. Wer im Café sitzen möchte, wie in einer Ausgabe von „Living at home“, dem sei zur Einkehr geraten. Café Blaumond 4
Frühstücken kann man auch, aber ich will nur ein kleines Tischchen, hörbare Musik, schreiben können, gut sitzen, einen Moment ausruhen und mich und meine Gedanken sortieren.
Café Blaumond 2 Der Tag, der anstrengend begonnen hat, muß doch irgendwie zu retten sein. Erstmal downshiften und dann auf Zeichen achten. Achtsam sein, langsam gehen, sich Zeit nehmen.

Nach dem Café gehe in einen meiner bevorzugten Buchläden, „Bildband“. Den Laden kann man aus vielen Gründen empfehlen: Netter, versierter, engagierter Verkäufer (Besitzer?), der sich sehr sehr gut auskennt, in Sachen Fotografie vor allem. Klares Konzept, nicht überladen, hell, freundlich, übersichtlich. Und dann große Auswahl fantastischer Bildbände zu unschlagbaren Preisen. Dazu interessante Ausstellungen. Immer Zeit für ein wertvolles Gespräch. Zwei Bände fielen mir besonders ins Auge, einer über Marianne Faithfull (bezaubernde Fotos, unglaublich ausführlich, aber ich habe nicht so viel mit ihr zu tun, als daß sich der Band für mich lohnen würde, obwohl mit 20 Euro wirklich grandios günstig), der andere ist von Nick Waplington („Living room“!) und heißt „Working process“ über die Arbeit von Alexander McQueen, leider haben die Fotos keinerlei Zauber. Enttäuschend. Statt dessen entscheide ich mich für „Die Stadt der Frauen“ von Miroslav Tichý (nie zuvor gehört). Seltsam sind die Fotos darin, verstörend, geheimisvoll, gut.

Der tschechische Fotograf Miroslav Tichy (1926) stellte seine Kameras aus dem her, was er auf der Müllgrube fand. Als Objektivlauf benutze er alles von Konservenbüchsen bis Toilettenpapierrollen die mit Teer und Kaugummi zusammengehalten wurden. Die Linsen schleifte der Landstreicher-Fotograf aus Plexiglas selbst und polierte sie mit Zahnpasta.“ lese ich im Web. Man kann sich vorstellen, wie die Bilder aussehen. Ich liebe so etwas. „Fotograph und Landstreicher“. Die Kehrseite daran ist das Stalking von Frauen, das Verletzen ihrer Intimsspähre. Sehr zweischneidige Bilder. Einem ist manchmal nicht wirklich wohl, wenn man sie ansieht, aber sich dem Zauber zu entziehen, fällt schwer.  Wie bei Modefotographie, nur umgekehrt. (Dazu mehr im zweiten Teil) Wer mich kennt, wird fragen: Schlachtmaterial? Aber hier muß ich mal sagen: Nein. Definitiv nicht. Zu schön und faszinierend der Bildband als solcher.

Für den nächsten interessanten Buchladen, braucht es nur einen kurzen Weg über das Kopfsteinpflaster. Mutabor. „Neu“ eröffnetes Antiquariat. Mutabor Antiquariat
Ich browse ein wenig durch die Bücherkisten draußen, angezogen von den wundervollen alten Insel-Ausgaben. Und da ist sie auch schon wieder: Marina Zwetajewa. Sie „verfolgt“ mich regelrecht. Ich bin in den letzten Wochen so oft auf sie gestoßen, nicht nur in Buchläden, auch im Web.
Ich gehe hinein, das kleine Inselbändchen mit ihren Gedichten in der Hand, entschlossen es zu kaufen, doch erst frage ich nach mehr. Der Ladenbesitzer sieht mich an mit einem Blick, der nicht zu deuten ist. Wie sich rausstellt, hat er jede Menge Bücher von ihr. Ich werde aufgefordert auf einem 70er Jahre Pfauenthron Platz zu nehmen und dann bekomme ich Bände um Bände auf den Schoß gestapelt. Wow!
Eine Trilogie (Lyrik, Prosa, Briefe) wird sofort zu meinem Liebling. Die Bände sind aus dem letzten Jahr von „Volk und Welt“, wunderschön in der Aufmachung, ungelesen. Ich schlage die Briefe auf. Eine Welle magischen Gefühls überkommt mich. Etwas Märchenhaftes hat das, als riefe etwas, ich kann es nicht erklären.
„Mussja,“, ruft MZs verstorbene Mutter sie zärtlich im Traum. „Wenn du etwas Schönes oder etwas Seltsames siehst, dann wisse, daß ich das bin oder ein Teil von mir.“
Ich wollte nichts kaufen. Ich muß diese Bände dennoch haben.
Am Ende einigen wir uns auf 32 Euro für die drei Bände und diese Zahl ist wunderbar. (Numerologisch und als Preis fair)
Er sagt: „Ich freue mich, daß die drei Bände nun in guten Händen sind.“ Wieder ein wertvolles Gespräch über Bücher, Zeit, Lesen, Leben, russische Dichter, die ich langsam für mich entdecke, auch weil mein Kind sie so liebt. (Als ich nach Hause komme, drückt S. den Lyrikband an sich und sagt: „Meins“, ich lache und muß mich behaupten. Aber natürlich sind die Bücher ohnehin ihre. Sie erbt, ich verwalte nur bis dahin.)
Marina Zwetajewa Unweit von Hans Rosenthals altem Haus breite ich die Bücher auf der mir mitgegebenen Leinentasche aus. Ach Schätze, ach schön. Und das goldene Licht und der Zauber eines Herbsttages. Nun hat er sich (Mutabor*!) ganz verwandelt.

Und Fotomotive gibt es! So viele, so schöne. Simplicity is beautiful
„Wenn du etwas Schönes siehst, denke daran, daß ich das bin.“
Ich fotografiere gerne verlassene Tische. Ich mag diese schlichte Schönheit des Geschirrs oder der Gläser und der Geist der Personen, die eben noch dort saßen, lachten und erzählten, scheint noch irgendwo darüber zu schweben.
Winsstraße1 Spätsommertage wie dieser, haben ihren besonderen Zauber. Die Winsstraße ist leider bittersüß. Überall einerseits die schönen neugemachten Häuser. Aber überall noch und nöcher Baustellen und Modernisierung. Winsstraße 2
Wie sagte der Mensch im „Bildband“ Laden: „Es ist so eine Unerträglichkeit, daß die Menschen, die die Stadt mit bloßen Händen aufgebaut haben, nicht mehr in ihr leben dürfen. An den Rand gedrängt, fristen sie ein unwürdiges Dasein.“ Ihn machte da unsagbar traurig. Mich auch.

Ebenfalls unter Bauplanen und Gerüsten verdeckt ist der kleine Laden „Sommernest“.
Sommernest außen Ein Paradebeispiel für schöne Dinge, die man nicht braucht, die aber alles verzaubern. Wenn man nach besonders hochwertigen Geschenken sucht (für sich und andere), dann lohnt sich ein Gang hinein. Aber auch so, denn der Laden ist nicht nur visuell sehr besonders schön, sondern auch olfaktorisch. Zimt und Seifen, Holzöl und angenehme Düfte. Sommernest innen
Und wer wenig Geld hat, kauft eben eine (oder zwei?) Postkarten oder einen kleinen Stempel. Die Verkäuferin ist zauberhaft. Als ich ihren Möttchen-Ladenstempel bewundere, schenkt sie mir ein Tag und einen Sticker mit dem Motiv drauf.
Und fotografieren durfte ich auch.

Guter Laune, aber fast völlig pleite (noch 5 Euro in bar), gehe ich weiter. (Fortsetzung folgt)

*Mutabor: lateinisch: „Ich werde mich verwandeln“

Zehnter Tag im September

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Ich kann nicht glauben, wie lange ich schon an diesem Buch lese.
Gardentable Aber nicht weil es schlecht ist, im Gegenteil, es hat mich auf viele interessante Dinge gestoßen, wie z.B. Teju Cole und über den kam ich auf Richard Renaldi, dessen „Touching strangers“ Serie mich wirklich begeistert.

Ich liebe Bücher, die mir viele Türen öffnen. Aber ich kriege es einfach nicht fertig. Verrückt. Andere Bücher kommen immer dazwischen. Und: Ich lese gerade nicht viel und überhaupt „chaotisch“, hier mal hinein und dort mal, die üblichen Häppchen, aber alles sehr fruchtbar. Small

Mein Wochenende war schön, erstmal war das Wetter fantastisch und weil ich jedesmal denke: wie lange wohl noch, bin ich viel draußen und genieße das sehr. Mild, sonnig, sanft. Perfekt.

Samstag war ich mit S. in Rostock. S. auf der Suche nach einem schwarzen Kleid, aber leider nicht fündig werdend, ich habe es dahin gehend einfacher. Ich suche Polaroids und Postkarten und werde immer fündig.
Polaroids & Coffee Ein zweites Frühstück im Café, lecker. Und seltsam, dabei nicht wie immer alleine zu sein. 2nd breakfast
Noch kann ich Buch führen über die Milchkaffee-Tassen, die ich so (außer Haus) trinke. Das ist erst die dritte. Nicht so gut wie die Berliner, aber dennoch, ich mag‘s. Daß ich wirklich Kaffee trinke! Ja manchmal staunt man doch noch über sich selber.
Auch D.s und mein kleines Espresso-Ritual zuhause ist mir ganz lieb geworden. D. kocht den immer mit unserer alten roten Moka-Kanne, bis es faucht und zischt. Dann sitzen wir da und mäandern uns gesprächsmäßig durch die Welt, nehmen uns die Zeit, oft ein ganzes Stündchen, bis wir wieder eigene Wege gehen. Gut.

Aber zurück nach Rostock. Während mein Kind was zum anziehen sucht, sitze ich im Ledersessel (thank you, Universe for that) und blättere in einer der dort ausliegenden Zeitschriften.
What a looker
Wow, what a looker. Hat irgendwas Syd-Barrett-artiges im Blick, strange, faszinierend, aber nicht nur das, das Heft hat gutes Papier, ist voll mit diesen dunklen, erdigen Farbtönen, die ich so liebe und hat viele wunderbare Muster und Strukturen. Ich scharre. Speichelfluß setzt ein. Herzschlag erhöht sich. Wärme breitet sich aus. Ich presche nach vorne und frage die Verkäuferin ganz freundlich, ob sie bereit wäre, mir das Heft zu verkaufen.
„Nein, das kann ich nicht machen, das hat mein Chef doch für die Kunden ausgelegt.“
Ich weise ganz sugarsweet darauf hin, daß das Heft schon 3 Jahre alt ist.
„Wofür brauchen Sie das denn?“ fragt sie berechtigterweise.
Ich tue so, als wäre das eine Sache, die ich jeden Tag mache und sage: „Ich bin Collagenkünstlerin und das Heft beinhaltet genau das Material, das mir augenblicklich fehlt.“
Dem will sie nicht im Wege stehen und bückt sich und wühlt unter dem Tresen. „Könnten Sie einen Katalog über Handtaschen gebrauchen?“
Ich: „Eher nicht…“
Sie: „Ach dann nehmen Sie’s mit. Merkt der Chef eh nicht…“
Ich frage, was ich ihr schuldig bin, aber sie winkt ab. Glück ist mir hold, ich bedanke mich und bin selig. Beute! Der Abend wird wunderbar.

Gut gelaunt gehen S. und ich in den Buchladen. Das ist wunderbar. So etwas wie ein wahrgewordener Traum. S. hat so lange gebraucht, um zur Leserin zu werden.
Bookstores in Europe Ich kaufte mir dieses Buch, nachdem ich feststellte, daß der Autor genau die Buchläden als seine Londoner Lieblinge nannte, die ich auch genannt hätte. Buchläden sind Glücksorte, das stimmt. Selbst wenn man gar nichts kauft, sind sie das. Sie sind still(er). Sie riechen gut. Sie sind visuell anregend. Und sie sind aufregend, denn jedes der verführerisch ausliegenden Schatzkistchen dort, sind Reisevehikel zu anderen Welten. Und wem das alles nix gibt, der kauft sich eben ne schöne Postkarte. Oder nimmt einen Katalog mit (wieder Schlachtmaterial).

Abends dann rundet sich der Tag perfekt ab. Obwohl ich eigentlich zunächst enttäuscht war, weil „Nico, 1988“ hier nur an Tagen läuft, an denen ich nicht nach Rostock kommen werde, entdecke ich „Nico- The Icon“ auf YT und war ausgesprochen begeistert von der Doku. Ein schreckliches Leben, aber eine spannende Geschichte. Und seit langem mal wieder Velvet Underground gehört.

Ready for the future

The weekend

Siebter Tag im September

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Stone Dieser herrliche Indian Summer mit seinem goldenen Licht, den milden Tagen und den angenehmen Temperaturen ist ja noch mal wie ein Geschenk. Nun ist der September auch schon eine Woche alt und noch immer scheinen wir so weit weg zu sein von beheizten Räumen, Socken und langen Mänteln.

Das schöne Licht nutzend, konnte ich meine Tochter zu einer kleinen Fotosession überreden. At the end of a long and dry summer
Das ist mein persönliches Lieblingsoutfit von ihr.
She catches the wind Nochmal 16 sein? Nein danke. Aber nochmal so ein Outfit tragen können, ohne daß es behämmert aussieht: Yes, please!

Die Gartenlesesaison ist glücklicherweise auch noch nicht vorbei. Gardentable 2
Ich liebe dieses Fotos hier.
Kinfolk inside Obwohl es vermutlich für Picknick eher unpraktisch ist, auf einem Boot zu sein, aber es sieht super aus.

Das Buch über Londoner Cafés ist eher ein bißchen enttäuschend. Coffee table
Dafür ist das folgende umso besser.
A new fav... ...with all my darlings in it
Viele meiner Lieblinge sind dort vertreten, aber auch neue, (mir) unbekannte Autoren finden sich.
Unter anderem auch die herrliche Fran Lebowitz, deren Schlagfertigkeit und Mutterwitz besonders viel Spaß machen, wenngleich ich mich auch zuweilen frage, was wenn sie mal über gewisse Themen ernsthaft reden würde?

Meine absolute Neuentdeckung aber ist Hannah Gadsby. Für alle Netflix-User: unbedingt dort ihr Programm „Nanette“ ansehen. Ich habe noch nie so viel gelacht und geweint gleichzeitig. Hut ab vor dieser hochinteressanten, unglaublich mutigen, brillanten „Comedy“performerin. Genauso so etwas brauchen wir! (Hier ein Interview mit ihr)

Kohlweißling

 

Einunddreißigster Tag im August

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Diese Gesichter! Die Gesichter der Menschen. The plain truth ist, daß ich so abgeschieden lebe, daß ich einfach selten fremde Gesichter sehe, oft tagelang nicht. Umso mehr sauge ich jetzt den Anblick der Gesichter anderer Leute auf und erfreue mich an ihnen.
Die meisten Menschen sind schön.
Finde ich.
Nicht wie bei Handke „Als das Kind Kind war/ erschienen ihm viele der Menschen schön/und heute nur noch im Glücksfall.“
Der Freitag „Glück ist ein Scheiß…“ weiß Handke ohnehin zu verkünden und die Zeitung, die zum Wochentag passend auf dem kleinen Sofa neben mir im Buchladen „Montag“ (eher die Antipode zum Freitag) liegt, hat mir ein lieber Mensch schon als pdf geschickt.

Ich trinke einen Cappucino. Da ich jetzt zu den Kaffeetanten gehöre (ich Glückspilz), ist mein Leben viel viel einfacher geworden. Ich fühle mich sauwohl. Der Tag gehört mir. Buchladen Montag
„Das lese ich gerade“, sagt eine Frau neben mir, deren Blick auf die Tagebücher von Susan Sontag fällt, ein Buch, das ich mir auch ausgesucht habe zum Reinschnuppern.
Wir kommen ins Gespräch. Nett ist das, guter Flow. Und dieser göttliche Kaffee, ganz cremig und aromatisch, so würzig und wunderbar.
Statt eines großen, kaufe ich aber am Ende doch eher zwei kleine Bücher, Minibooks. Ich kann gar nicht genug hervor heben, wie besuchenswert doch der „Montag“ auf der Pappelallee ist. Sympathisch. Hoffentlich kann er sich halten.
Wäschehof Nach der Pappel folgt die Kastanie. Zwei so unterschiedliche Bäume, zwei unterschiedliche Straßen. Ich lande an der Schwedterstraße und verschwinde mit dem Kopf in einem Müllcontainer. Achäm. Sieht mich einer? Baglady. Was macht die da? Sie fördert Material zutage. Witzigerweise ist es Brausepulver. Aber auch ein Zahlenverbindebuch für Kinder mit netten Zeichnungen und schöner Schrift. Ein Katalog für Druckerzeugnisse. Mich interessieren nur die Papierqualität, die Farben, die Muster, die Strukturen. Am liebsten würde ich mich durch den ganzen Container wühlen, aber das traue ich mich dann doch nicht. Stattdessen sitze ich im ruhigen Hinterhof und ordne meinen Kram. Schön so zu wohnen. Aber natürlich liebe ich mein Landleben viel zu sehr und wer kriegt doch im Kiez schon eine Wohnung?

Gibt es eine Lebenshaltung „have it for a moment/ do not hold it for longer“? Falls ja, wäre ich gerne die Queen of it. Bin ich gut im Loslassen? Vielleicht schon…

Wieder bei Handke lese ich den Satz, daß jemanden zu entwurzeln etwas Abscheuliches ist, sich selber aber zu entwurzeln, eine Errungenschaft. Hat Simone Weil gesagt. Darüber denke ich nach. Ich bin einer dieser entwurzelten Menschen, aber ich war auch immer –meinem Namen treu- sehr an der Freiheit. Dinge fließen durch mich durch, Menschen ziehen an mir vorbei. Ich bin nur Beobachterin. Manchmal denke ich, mit mir stimmt irgendwie was nicht, öfter aber noch finde ich, daß ich irgendwas auch richtig mache. Und daß ich behütet bin und das Glück habe, daß Menschen zu mir sehr freundlich sind. Ich kann diese Stadt genießen, weil ich mich ihr nicht immer stellen muß.

Mit farblich passender Fritzbrause sitze ich nun im Morgenrot und schreibe. Über kleine Beobachtungen. Eine Frau im Mantel, auf dem steht „She brings the rain“. Ein Mann mit einem Tannenzapfen-Tattoo. Eine Tram mit der Aufschrift „Rock’n Roll Train“. Später schreibe ich weiter unter Bäumen vor dem Barista Coffee Shop, ein Croissant für 1,10. Schlicht und lecker. Barista Coffee außen
Postkarten und ein Buch habe ich mir gegönnt. Es ist eine Graphic Novel, „Ar-men“, die Geschichte von der „Hölle der Höllen“, einem Leuchturm mitten im tosenden Atlantik und seinen Bewohnern. Dagegen ist meine Abgeschiedenheit ein Witz.
Ich glaube das Buch wird gut sein. Im englischen Buchladen lese ich in Nick Caves auf Kotzüten geschriebene Lyrics hinein. Sie sind gut. Magisch. Nick Cave ist eine merkwürdige Type. Eigentlich irgendwie eklig, aber dann auch genial. Seine Texte nehmen mich gefangen.
Sickbag Aber ich kaufe das Buch nicht. Es ist zu teuer. Zuhause kaufe ich es mir dann als Hörbuch, von ihm selber gelesen. Guter Flow! Kotztüte ist ja ein widerliches Wort. Sick Bag klingt hingegen harmlos, wie ein Arztköfferchen. Wie ein Spielköfferchen von früher, wo diese herrlichen kleinen Dinge drin waren. Als ich im englischen Buchladen aufblicke, lese ich einen Titel von Miranda July: „Nobody belongs here.“ In diesen Zeiten scheint die Frage sowieso im Raum zu stehen: wer gehört überhaupt wo hin? Und immer noch: Was ist Heimat? Wo sind Wurzeln?

Als ich mir ein Eis kaufe, berlinert der Verkäufer. Der erste. Ich berlinere zurück. Gleich bin ich wieder ein Kind mit meinem Berliner Kindervokabular: Buddelkiste, Seiflappen, Kabolz, Eierkuchen. Kieka, kieka, schau, wa? Old Surehand

Im „Soda“ habe ich schon wieder die Zeitschrift „Luncheon“ zwischen, göttliches Bildmaterial. Doch zu teuer. Wenn ich mir was wünschen könnte, dann von jeder der dort verkauften Zeitschriften ein Exemplar geschenkt bekommen. Und dann kommt das große Schlachten…

Lichtblick Ansonsten ist Berlin wie immer. Die große Kunstgalerie (umsonst und draußen), die Inspiration der Décollagen, das Gewusel und Gewirr inmitten eines großartigen „Let’s flanier for a while…“, die böse Gentrifizierung, die ich mir erlaube auszublenden, das Zusammenfließen aller möglichen Details zu einem großen Ganzen. Two

Dock Und die unangenehmen Öffis, die einem die schöne Energie am Ende wieder zerschießen. Hauswand Zeichnung

Achtundzwanzigster Tag im August

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Inspirationen sind Kleinkram. Oder umgekehrt.
Hier ein paar Häppchen.

Indian summer mit kleiner  Vorfreude auf den Herbst. Viel London, gute Farben, herrliches Licht, die Mode unwichtig, aber doch gut präsentiert: Lookbook von Toa.st.

Mein aktueller Lieblings(pop)song (so schön in den Herbst führend)

Ein wunderbarer neuer Stempel. Sonderanfertigung. Made by Lida Kejmarova.
New stamp

Kino: Filme, auf die man sich freuen kann, wie „Familie Brasch“ oder „Lebenszeichen“. (Danke, Frau Zeilensprung für die Tips!) Und sicher total amüsant, David Sieverking hat einen ganzen Film gedreht über die Frage, ob er seine Kinder impfen lassen sollte oder nicht. (Mir scheint im zunehmendem Alter werden seine Themen immer banaler und immer nabelschauiger.)

Ein neues Buch von Hoxton Minipress mit Porträts von Zwillingen. Herrlich britischer Humor:
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Noch mehr als das Zwillingsbuch hat mir aber vom selben Fotografen die Reihe „Beautiful strangers“ gefallen. Genau das sind die Gesichter, die man in London so typischerweise sieht. Ich finde auch immer, daß London so fantastische Straßenhintergründe bietet.
Das treibt meine Sehnsucht wieder an. Gut, daß ich bereits gebucht habe, ansonsten würde ich es vermutlich jetzt tun.
It's sunday...
Ich wollte zwar eigentlich nicht wieder nach London fliegen, jedenfalls nicht so bald, aber ich habe ein Versprechen gegeben, daß ich einlösen will. Und das magischste und schönste ist ja eben doch immer wieder diese Stadt mit ihren herrlichen Symbolen und Zufällen. Meine große Liebe. Man kann nix dagegen tun, ich jedenfalls nicht.