Sechzehnter Tag im März

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Heute morgen habe ich Rachel Cusks „In Transit“ ausgelesen. Ganz sicher eines der merkwürdigsten und interessantesten Bücher der letzten Zeit. Und wenn man mich fragte: Empfehlenswert?, wäre meine Antwort zögerlich.
Schreibstil: Sehr gut. Vor allem Personenbeschreibungen machen bei ihr Spaß.
Die Hintergrundgeschichte ist beinah unwichtig, die Ich-Erzählerin, eine Autorin, ist nach London gezogen und wohnt in einem renovierungsbedürftigen Haus mit schrecklichen Nachbarn. Ihre beiden Söhne sind vorrübergehend beim Vater, sie ist alleine und trifft alle möglichen Leute, die sie sehr interessant beschreibt. Wir erfahren viel mehr über die Menschen, die sie trifft, als über die Protagonistin selber. Und ständig nehmen die Biographien dieser Menschen seltsame Wendungen und die Ansichten der Leute sind auch irgendwie immer leicht schräge. Das wird jedoch niemals gewertet, sondern einfach nur beschrieben. Am Ende landet sie bei wirklich unerträglichen Upper Class Wannabes, bleibt aber auch dort nur stille Beobachterin.
Mir gefiel das gut, aber es ist sicher nicht jedermanns Sache. Ich kann mir gut vorstellen, daß viele LeserInnen damit nichts anfangen können.
Was mir in dem Buch fehlt, ist „Hintergrundrauschen“, all die kleinen interessanten Beschreibungen der Stadt und ihrer Gepflogenheiten, Verortungen (es gibt nicht eine!), Natur, Wetter, Architektur etc.. Alles ist wie in dumpfen Räumen, schwebend, ohne Bezug. Vermutlich Absicht. Aber falls nicht, würde ich ihr das ankreiden.
Merkwürdigerweise ist der Teil 1 der Trilogie (es sind drei Bücher Outline, Transit, Kudos) noch nicht als Taschenbuch erschienen, Teil zwei aber schon. „Im Transit“ ist Teil 2.
Spannend an dem Taschenbuch ist vor allem auch die Haptik. Das aufgeklebte Haus fühlt sich wirklich wie Tape an. Faszinierend.

Suhrkamp Ansonsten stöbere ich gerade alte Foto-Ordner durch (in erster Linie für die Stadtschriftengruppe, bei der ich Mitglied geworden bin und die irgendwie viel Spaß macht) und staune und staune. Ich habe viele Fotos niemals hochgeladen, weil ich sie im Blog nicht brauchte. Dabei fiel mir auf, wieviele mir doch gefallen und einige von ihnen sind mittlerweile 7 Jahre alt und zeigen längst Verlorenes. Läden und Cafés, die es nicht mehr gibt, Grafitti, die längst verschwunden sind und Décollagen, die ja sowieso oft kaum ein paar Wochen halten . Und natürlich ist man als Fotografiererin auch immer Bewahrerin, Chronologin. Das ist aufregend und schön. Goldelse

Sommer in Berlin Schade

Hackische Hinterhöfe There she is again

Geschenk Köpi bleibt

Sitzecke Settled matters

Und die habe ich wiedergefunden: Holly Zausner. Sehr interessanter Kurzfilm. Würde ich gerne sehen. Ich stelle mir ein leeres London vor, ich darin alleine. Traumhaft und dann wieder der groteske Alptraum schlechthin. Aber ein Gedanke, der Spaß macht.

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Dreizehnter Tag im März

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After breakfast 13.3.19 Ein weiterer Morgen, ein weiterer Tag, der uns dem Frühling näher bringt, aber noch kein Frühling ist. Frischer Wind und graues Wolkenspiel, die Sonnenstunden rar. Aber innen die guten Dinge: Bücher, Musik, Feuer im Ofen, Tee und das gute Emmer/Dinkelbrot mit Akazienhonig. Grapefruit

Tägliches Ritual: die kleine small treasure Box benutzen.
Russian Dolls Series in my mind Die Box von heute erinnerte mich an Russian Doll, die Serie. Oh ja, die ist genial. So voller Symbole und großartige Musik und überhaupt. Ich könnte mich total vertiefen in ein großes Hineingeheimnissen von Bedeutungen der ganzen Dinge, die da vorkommen, vom Kater Oatmeal bishin zu den Fischen im Aquarien, Revolver-Door (revolving door?), dies noch und das noch und eigentlich geht es nur um eines: eine Frau verliert ihre Pussy, achäm will sagen ihre Weiblichkeit, nein, ihren Bezug zur eigenen Weiblichkeit und muß sich neu ausrichten und natürlich ihr Gegenstück finden, denn wie immer in allen Märchen ist das des KatersPudels Kern.

***

Ich hab ne neue Flickrgruppe ins Lebens gerufen. „The world I want“. Wird langsam.

Ganz bezaubernd auch die neue Fieldnotes Edition: Clandestine. Geheimschriften sind das Thema. Field Notes Clandestine Edition 1
Wie immer machen die Teile richtig Spaß.
Field Notes Clandestine Edition 2 Innen das schöne Agnes-Martin-Grid&Dots-Muster. Und die Geschichte der Geheimschrift.Field Notes Clandestine Edition 3

Notebook-Kult ist wirklich was Feines.
The joy of Note Books 1 Diese beiden sind auch gerade Lieblinge. Und statt Bilder hinein zu kleben, benutze ich sie gerade erstmal nur als Sammelalben. The joy of Note Books 2

The joy of Note Books 3 The joy of Note Books 4

The joy of Note Books 5

Es darf geträumt werden.

Zwölfter Tag im März

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Neulich kam die (relativ) neue Kinfolk hier an. Und es war richtig schön, sie morgens nach Frühstück aufzuschlagen und in Ruhe darin zu stöbern.

Kinfolk 1 Sie ist wirklich interessant zu lesen, es gibt eine Vielzahl von Anregungen. Und obwohl sie mir manchmal von den Bildern her fast zu perfekt ist (mehr shabby chic, bitte!) und eine gänzlich unrealistische Welt (von reichen Hipstern, wenn man so will) darstellt, ist sie inhaltlich wirklich tiefgehend. Kinfolk 2
Eileen Myles sieht hier irgendwie aus, wie eine der Brown Sisters. (Gibt es da schon ein neues Bild?) Obwohl diese Frau etwas Interessantes hat, bleibt sie mir doch irgendwie fremd. Nicht meine Welt.

Kinfolk 4 Every stranger has a story to tell… Ansonsten habe ich lange nicht geschrieben. Sehr lange. Ich mache eigentlich immer dasselbe, nur die Bücher, Filme, Collagen wechseln. Nun ja, fassen wir mal zusammen, was war.

Nach der erbaulichen Lektüre des sehr merkwürdigen Buches „Die Stunde der wahren Empfindung“ (wieder mal ollen Peter), kam gestern liebenswürdigerweise in meine Leseleere ein Geschenk geflattert: „In Transit“ von Rachel Cusk. Meine Freundin Anja Zeilensprung, die Urheberin des Geschenks, meinte, ich solle mich nicht durch den Anfang täuschen lassen, das Buch gewänne mit der Zeit und sei dann ein besonderes Lesehighlight. Ich werde berichten. Daß es um eine Autorin in London geht, macht es mir zumindestens schon mal leicht.

Ach ja, London. Mein Ex-Lover. 😉 (Nein, ich möchte nicht darüber sprechen, daß mir dieses Sackgesicht das Herz gebrochen hat. Und stellt euch vor, jetzt wo wir getrennt sind, meint er sich sogar von dem Kontinent abspalten zu müssen, auf dem ich lebe! Das ist wie früher im finsteren Mittelalter: „Brennt die Stadt nieder, in der sie gelebt hat!“) 50 ways to leave your lover. Oder 52. Für jedes Lebensjahr, für jede Woche im Jahr. Ohaho. Aber was für eine Schönheit er war. Russell
Nein, das ist er nicht, daß ist Bertrand Russell. Der sagte: „whoever wishes to become a philosopher must learn not to be frightened by absurdities“.
Dem möchte ich nicht widersprechen.
The Dolphin Niemand kann Schäbigkeit so schön kultivieren. Glouchester Road Station
Und wo findet man jemals wieder einen Lover, der Bahnhöfe besitzt, die zu meinem Geschirr passen? Rein farblich meine ich.
Breakfast 6.3.19 1

Und Laternenpfähle mit den Initialen von Coco Chanel? After breakfast 10.3.19 2
Nein, also nein, so was kann sich keiner ausdenken…
Underground Ich rede mir ein, ihn nicht zu vermissen. Der Kerl weiß natürlich daß das nicht stimmt. Ich wühle mich durch alte Fotos und finde ihn immer noch bezaubernd. Chai Latte & Field notes

 

Vierundzwanzigster Tag im Februar

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Ach, ach und nochmals ach: Die SCHÖNE Sonne. Kennt jemand den Film „Die Maske“? Die Stelle, wo Rocky sein Gedicht vorliest: „Diese Dinge sind gut/Diese Dinge sind schlecht“, jedesmal endet es mit „Und die Sonne, die mir ins Gesicht scheint.“ Daran denke ich oft.*
After breakfast 23.2.2019 Was haben Lucia Berlin und Peter Handke gemeinsam? Nicht viel könnte man meinen, eigentlich gar nix, aber ich finde doch. Es ist das, was ich bei beiden liebe, nämlich Spielarten von Moment-Heimat(en), Orte, an denen sie (oft unbeheimatet im Leben, sie wohl mehr als er) für einen Moment das Gefühl haben, Zuhause zu sein, manchmal nur für Minuten, Stunden, Tage, und ihre Fähigkeiten uns diese Orte so plastisch zu beschreiben, daß auch wir uns kurz beheimaten können, für ein paar Zeilen, eine Seite, ein Buch. Es sind ganz unterschiedliche Momentheimatsorte: Wälder, Auen, Wiesen, Flüsse, Cafés, Busse, Bahnhöfe, Restaurants, Hotelzimmer, Fähren, Züge und Plätze bei Handke. Waschsalons, Notaufnahmen, Klassenzimmer, Trailer, anderleuts Zimmer, Busse, Züge, Autos, Strände, Gärten und Bars bei Berlin. Und immer haben diese Ort trotz ihrer Atmosphäre aus Geborgenheit, Ruhe, Frieden, Schönheit, Magie, Romantik, Exotik, Inspiration auch immer die Gegenseite: bei Peter Handke oft Lärm, Dreck, nervige Mitmenschen, den alltäglichen Wahnsinn, Depression, Panik, Weltenschmerz und diffuse Ängste, die Unfähigkeit mitzumischen, sich mitzuteilen, sich anzuschließen, zu verweilen, anzukommen. Und bei Lucia oft noch härtere Dinge wie Drogensucht, Alkoholexzesse, Existenzängste, Agressionen, Bedrohungen, Depression, Gesetzesüberschreitungen, Vorahnungen, Blut, Gewalt, Tod. Aber vor allem sind es immer die kleinen Dinge und die einfachen Menschen, die sie uns nahebringen als das Schöne, das Wertvolle, das Besondere: Spatzen und Tannenzapfen, Wind und Blätter, das Rauschen der Bäume, der Geruch von Regen, das Lächeln von Kindern, die Stimmen von Frauen, die ruhigen Rituale von Einheimischen, die Form eines Berges, der Geruch einer Wiese bei Handke. Und bei Berlin die Gerüche und das Essen Lateinamerikas, die Mütterlichkeit von starken Frauen, die Freundlichkeit von Fremden, ein Lächeln, ein Lied, eine heilende Wunde, eine Zärtlichkeit, die Schönheit in den Gesichtern der Menschen, die kleinen Erfolge, das Knowhow, das knappe Entkommen, die Zigarette in der Dunkelheit zwischen hier und jetzt, Wahnsinn und Weisheit, Mutterwitz und Kinderlachen.

Will sagen: Mein Leseglück hält an. Obwohl sowohl das Buch „1949“, als auch die Else Lasker-Schüler-Biographie von Kerstin Decker ein Reinfall waren (das erste zu „drüsch“, das zweite zu verworren), bin ich doch nach wie vor „the happy reader“.

Hinzu kommt, daß D. gestern in der Küche unser Regal aufgeräumt hat und ich nun Platz für (noch mehr) Bücher in der Küche habe. Irgendwie hab ich unsere Küche (die ich eigentlich immer mochte) nun nochmal neu für mich entdeckt. So sitze ich nun andauernd morgens dort verlängert am Frühstückstisch und lese noch ein wenig. Dabei kam mir die Idee für eine neue Fotoserie: „After breakfast“. Hier der heutige Tag in Bildern. After breakfast 24.2.2019 1

After breakfast 24.2.2019 2 Unter das Foto schrieb ich bei Flickr:

Book: „Total records“ Tea: „Sacred Emily“ by P&T, Berlin Dishes: Plate & small bowl: Sommer Nest (Berlin) Mug: Carola Damrow (MeckPomm) Napkin: Marimekko

(Wie dämlich ist das denn, aber das machte dennoch Spaß und nun ja, man kann nicht sagen, daß meine Bilder/Blogs nicht auch einen gewissen Informationsgehalt haben, für die/den sehr geneigte/n- ja fast schon gebeugte/n- LeserIn.)

After breakfast 24.2.2019 4

Paperblanks hatte neulich wunderbare Angebote, u.a. auch die sogenannten „Cahier Ciculo“, sehr stylisch. Die italienische Vogue ist nun bereits „geschlachtet“ worden, z.T. natürlich nur und ich sammle für…nun ja…mal sehen… ein Moodboard to go?!

After breakfast 24.2.2019 3

 

*
These things are good:
ice cream and cake,
a ride on a Harley,
seeing monkeys in the trees,
the rain on my tongue,
and the sun shining on my face.

These things are a drag:
dust in my hair,
holes in my shoes,
no money in my pocket,
and the sun shining on my face.

(Rocky Lee Dennis)

Sechzehnter Tag im Februar

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Vorfrühling im Winskiez Gestern habe ich „anberlint“. Es war so ein zauberhafter Vorfrühlingstag im Winskiez, das machte richtig Freude. Gerade wird dort mal wieder (nein immernoch) viel gebaut, ich meine erneuert, die Fassaden und vermutlich die Bewohner der alten Häuser gleich mit. Unter Gerüsten sitzen muß nicht unromantisch sein2
Nur weil alles voller Gerüste ist, braucht man doch aber nicht auf Romantik verzichten.
Unter Gerüsten sitzen muß nicht unromantisch sein Und Kunst ist doch ohnehin überall. Kunst am Bau

Vegetarian or vegan In einem meiner Lieblingsbuchläden, dem Bildband, krücke ich so in meiner üblichen Art die Treppe runter und lese dann diesen Buchtitel und muß lachen. Genau der
Lachen und an London denken, an meinen dreibeinigen Fuchs. Der war aber vielleicht nur Auftakt für eine Reihe seltsamer und unerklärlicher Dinge.
Im Bildband kaufe ich ein Postkartenset von Masahisa Fukase und der Verkäufer erzählt mir von dem (mir völlig unbekannten) japanischen Fotografen, daß er, dem Alkohol anheim gefallen und von seiner Frau verlassen, irgendwann nur noch Raben fotografiert hat. Er weist auf den schwarzen Bildband der im Regal steht. Schwarzes Leinen mit eingeprägtem Raben. Wenn ich mir den Band leisten könnte, würde ich ihn kaufen (58 Euro). Die Bilder sind von dunkler Schönheit und Melancholie.
(Hier blättert jemand durch das Buch, allerdings auf schrecklich lieblose Weise. Aber es gibt einen guten Eindruck vom Inhalt des Buches.)
Und ich liebe diese leicht unheimliche Geschichte, die dahinter steht. Darüber werde ich gleich im Café schreiben, denke ich.

Doch zunächst ins Antiquariat Mutabor, dort bin ich alleine und lese in einen von vier Handkes hinein, zwei habe ich schon, zwei noch nicht. „Die morawische Nacht“ scheint bezaubernd, aber die Ausgabe ist mir zu abgeschabt.
Handke lesen Vielleicht kaufe ich sie mir irgendwann als TB. Aber da ich beschlossen habe, alte Handke-Taschenbuch-Ausgaben zu sammeln, greife ich nun zu der relativ günstigen ollen Ausgabe von „Falsche Bewegung“, einem Drehbuch, Mitte der 70er von Wim Wenders verfilmt. Und ja, ich habe mich vertan, es gab schon immer die Suhrkamp TBs in rosa. Seltsam, das ist mir früher wirklich nie aufgefallen.

Als ich dann aus dem Laden komme und mein Blick auf den Wühltisch draußen fällt, wird es unheimlich, denn da liegt „Strangeland“, mitten drauf. Es paßt weder zu diesem Buchladen, noch ist es gerade ein Bestseller, ich glaube nicht mal, daß Tracey Emin in Deutschland so bekannt ist. In London kennt sie natürlich jeder. Jedenfalls staunte ich über das Buch. Stangeland
Nur vier Monate ist es her, da war ich in London und mein Blick fiel ebenfalls auf dieses Buch.
Ich nahm es aus dem Regal, schlug es blind auf und las.
Strangeland Valentine’s day. Der war am Tag zuvor. Als ich an jenem dritten November in London nach der Lektüre diese Passage hochblicke, sehe ich einen Mann, dem ein Ohr fehlt.

Ich gehe nach nebenan ins Kaffe. Ich bestelle mir einen gar köstlichen frischen Apfel-Möhre-Orangen Saft und ich beziehe ein Tischlein an der Tür, direkt neben dem Buchregal. Ich breite meine Karten aus und den rosanen Handke. In der Kinder-Ecke des Buchregals steht ein Schleichtier-Tiger. Den hole ich mir an meinen Tisch für ein Foto. Aus einem Impuls heraus. Als ich das Foto machen will, sehe ich: Er hat ein appes Ohr. Der Tiger mit dem appen Ohr
Ich bekomme eine Gänsehaut. Das ist doch merkwürdig und spooky.
Ich schüttle den Kopf, schreibe und wundere mich. Ich mag das Kaffe, besonders diesmal, weil es ein großes Glas gibt, in dem kann man kleine Schokoladentäfelchen entnehmen, für 20 Cent. Es ist gemütlich, es laufen Coverversionen bekannter Oldies, u.a. „Satisfaction“ und „Papa’s got a brand new bag“.
Ich habe das Gefühl, alles ist verflochten, verwoben. Ich hatte keine Ahnung, wie sehr das stimmt.
Orange days
Am Ende der „Reise“, fotografiere ich mich selber. Seltsam, ich mache nie Selfies. Irgendwie aus einer Bockigkeit heraus. Aber ich fotografiere mich gerne an stillen Orten (buchstäblich) im Spiegel.

 

Erinnerung

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Die Seligkeit der Einkäufe, der guten Einkäufe, wenn wir früher unterwegs waren, wir Freundinnen, und uns Dinge kauften. Wie beglückend das war.

Wir kauften losen Tee im Teeladen. Die Verkäuferin brühte uns dann manchmal welchen auf, je nach Wunsch, manchmal hatte sie auch gerade einen fertig. Immer schwarz und aromatisiert, aber wir fanden sie wunderbar: Karamel, Maraschino, After Eight, Apfel-Holunder, Cherry Pie, Rhabarber-Sahne usw..Wir kauften dann 2,3 Sorten in kleinen Tütchen à 50 g. Auf die kamen Aufkleberchen und die Sorten wurden von Hand mit wischfestem Stift draufgeschrieben.
Die großen Teedosen, wie es aus ihnen roch, wenn die geöffnet wurden. Aromatisierte Tees waren damals unser Parfüm.
Zuhause füllte ich meine Tütchen dann um in Blechdosen, ich hatte eine besonders schöne, da kam mein Lieblingstee hinein, lange Zeit war es Erdbeer-Sahne.
Manchmal fanden wir Tees irgendwo anders, in Billigläden, fertig abgepackt mit maschinegeschriebenen Ettiketten. Sie waren immer ein Reinfall.

Wir kauften nie billigen Krempel, obwohl wir unterwegs zu unseren Lieblingsläden bei Woolworth vorbei kamen. Dort war alles vorhanden und alles billig, aber schon das Licht, die Musik und die Atmosphäre in dem Laden war gruselig. Wir umgingen ihn möglichst. Waren wir doch einmal drin, fühlten wir uns danach fast besudelt.
Schnell flüchteten wir in die Papeterie. Dort kauften wir kleine Dinge aus edlen Papieren, Holz, Leder oder Leinen, durchgefärbte Kerzen und diese kleinen runden bemalten Chinapüppchen aus Holz, mit dem Faden dran, die machten wir an den Reißverschlüssen unserer Federtaschen fest, sie waren winzig, einen Zentimeter hoch etwa. Wir kauften kleine Notizbücher, Bleistifte, besonders schöne und Radiergummis, besonders weiche, einzelne Umschläge aus Büttenpapier. Die füllten wir zuweilen mit Blütenmischungen.

Wir kauften Haarspangen oder winzige Gästeseifen, die nach Rose rochen oder nach Pomgranate (wir wußten nicht, was das ist). Wir kauften das in einer bestimmten Parfümerie und manchmal bekamen wir Proben dazu für Handcreme oder Duschbad. Gab es einen Tester, benutzten wir ihn immer und der Geruch war meistens so unglaublich wunderbar erwachsen, so mondän. Und diese Namen: Patchouli, Ylang-Ylang, Lemongras, Moschus.
Danach gingen wir in den teuren Laden nebenan, an dem Interieur dran stand und aus dem wir uns eigentlich nichts leisten konnten, außer den Gästehandtüchern vielleicht. Und dann hatten wir die Tüte aus dem Laden und auf der stand: London, New York, Paris, München. Wir behielten dabei immer was im Auge, was wir uns eines Tages kaufen würden: Diese Wendedecke (Alpaka) für ein Sofa, diese kleine Tischlampe, das Geschirr mit den zarten Grashalmen drauf. Vielleicht kauften wir uns ein kleines Löffelchen aus Perlmutt.

Wir kauften Kunstpostkarten im Buchladen. Lieber Hundertwasser oder Nolde? Franz Marc oder Chagall? Das Mädchen mit der Taube von Picasso? Und ach, Frida Kahlo mit ihren Augenbraun und den vielen vielen Pfeilen in ihrem schönen grauen Tiergestaltkörper. So furchtbar, so schön.
Im Buchladen rochen wir auch in die gebundenen Bücher hinein. Wir blätterten die ersten Seiten auf und fanden das Papier weich und dennoch stabil. Wir lasen die ersten Sätze. Immer die schönste Seite, die erste, wenn etwas beginnt, wir zum ersten Mal in diesem einen Buch lesen. Wir schlossen dann die Bücher wieder und guckten bei Suhrkamp. Die leicht strukturierten Einbände der Taschenbücher. Es gab blaue, grüne, braune und orange. Später gab es alle Farben, sogar rosane. Aber das war viel später.
Wir kauften rororo Rotfuchs oder die Jugendbücher von dtv. Später dann doch auch Suhrkamp. Ödön von Howath, Hermann Hesse oder Max Frisch. Manchmal für die Schule, manchmal für uns. Und Gedichte: Marie-Luise Kaschnitz. Und von anderen Verlagen: Rose Ausländer, Hilde Domin.

Wir kauften uns was Süßes, aber nix Profanes, sondern eine Mozartkugel oder eine Esterhazyschnitte von Reber. Wenn wir mutig waren (und das Geld noch hatten), gingen wir an den Pralinenstand im Kaufhaus und kauften uns jede drei Trüffel, die mit einer Zange der kleinen Pyramide zu der sie gestapelt waren entnommen und in einem kleinen knisternen Tütchen verstaut wurden. Das Aussuchen dauerte lange. Alles klang so besonders. Marc de Champagne. Butterscotch.

Manchmal gingen wir in das überheizte Café Klostermann. Das war voller Omas, aber man hatte einen grandiosen Blick von oben und die heiße Schokolade war köstlich. Wir konnten uns eigentlich immer nur sie leisten, Kuchen dazu nie. Aber manchmal brachte uns eine liebe Kellnerin eine verunglückte „feuchte Waffel“ (mit heißen Kirschen und Sahne), die wir uns dann teilten.
Unsere Einkäufe packten wir aus. Es war Hochgenuß. Ach ja, die schöne Prägung der Rosenseife. Wie gut das kleine Handtuch riecht. Und ist diese Karte nicht wunderbar, Chagall, so romantisch. Gleich ins Buch legen, als Lesezeichen.

Und wir spielten. Wir waren erwachsene Frauen und unsere Männer waren immer auf Geschäftsreise. Das störte uns herzlich wenig, denn wir hatten ja uns und unsere Termine. Kosmetik, Friseur, dann zur Kleidermesse nach Düsseldorf, schließlich die Lieferung des neuen Sofas am kommenden Donnerstag.
Gleich würden wir zum Parkhaus gehen, unsere Porsches oder BMWs ausparken und hinten auf dem Rücksitz die Tüten stapeln. Putzfrauen hatten unterdessen unsere Häuser geputzt.
Ich will heute Abend mal wieder in die Sauna, sagten wir und meinten natürlich unsere eigene, Zuhause.

Nein, das war früher, das war als wir ganz jung waren. Bevor wir lange Einkaufsbummel machten. Doch nun spielten wir auch. Unsere Männer waren jetzt Intellektuelle, Künstler, kluge, feine, besonnene Menschen. Unsere Wohnungen waren renovierte Altbauten und die Bücher nahmen den meisten Raum ein.
Vielleicht lebten wir auch alleine.

Oder wir spielten gar nicht, wir saßen da, die Lippen voller Sahne von dem Kakao, satt, glücklich, rote Wangen, weil das Café voller Omas war und überheizt. Und überall hingen diese teuren Omamäntel und idiotische Hüte und häßlichen, teuren Seidenschals (Pferdetrensen waren da manchmal drauf).
Wir waren die einzigen vierzehn, fünfzehnjährigen im ganzen Laden. Wir lutschten verstohlen an unseren Mozartkugeln herum. Wir fühlten uns deplaziert, aber zu gut, um darunter zu leiden.
Ich würde nachher meine neuen Haarspangen ausprobieren und die Gästeseife mit dem rosigen Duft und dann den neugekauften Hesse aufschlagen oder die Kaschnitz.

Meine Inseln blühen mir auf
Im grauen Verputz der Mauer.
Meine Briefe schreibe ich
Mit der leichten Forellengräte
Über den Hügelkamm.
Abends sitz ich am Feuer,
Bau in die Flasche
Ein Haus, einen Brunnen, acht Linden,
Ein Spruchband aus Schilfgras,
Kein Wort darauf.

Elfter Tag im Februar

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Heute wäre Else Lasker-Schüler 150 Jahre alt geworden, deswegen starten Frau Zeilensprung und ich heute unser neues gemeinsames Leseprojekt: ihre Biographie.
Else Lasker Schüler Ich bin gespannt. Die Postkarte habe ich vor einigen Jahren in der „Schwankenden Weltkugel“ gekauft, sie steht seit dem auf meinem Bücherregal, wird aber nun als Lesezeichen dienen.

Thank you, Pomi, you really rock!
Ach, leseintensive Zeit- das reinste Glück.
Nach Handkes Versuch über die Jukebox (total zu empfehlen) und der Publikumsbeschimpfung (fanastisch), bin ich immer noch bei 1949, das etwas dröge ist, aber doch interessante Partikel hat, dazu gelegentliche Abstecher hierhin und dorthin, u.a. auch immer wieder zu Nick Caves grandiosen Sickbag Songs (unnachahmliche Atmosphäre).
Lucia Berlin Und Lucia Berlin wurde am Wochenende noch zur Glücksentdeckung für Frau Z. und mich. Mich wundert es da auch gar nicht mehr, daß Lydia Davis (eine meiner Lieblingsautorinnen) sie total liebt. Sie hat diesen einmaligen Humor, diesen wundervollen Detailblick und schreibt klug und lebendig.

Und wenn ich in der Küche sitze, blättere ich zwischen Tellern, Tassen, Nahrungszubereitung oder –aufnahme immer wieder in dem Polaroid Fotobuch und schreibe meine Assoziationen zu den Fotos auf. Polaroid Book
Ja und dann kam noch meine liebe alte Blogfreundin SP zurück aus den USA und scheute weder Kosten noch Mühen und brachte mir Stapel von Zeitschriften mit, u.a. meinen Liebling, die italienische Vogue.
Vogue Italia, Uomo & Latinoamerica Nur diese hat dieses einmalige Bildmaterial, nur sie hat Fotos von z.b. Models mit Brandnarben oder Prothesen! Die L’Uomo Ausgabe (für den Herrn) ist auch gut. Sehr gute Fotos. Die lateinamerikanische Vogue fand ich spannend. Doch nur wenige Bilder von Frauen, die indigen aussehen, nein, die meisten sehen aus als haben sie mal irgendwann eine mexikanische Ururgroßmutter gehabt und sich zusätzlich dann noch die Haut bleichen lassen; mindestens 40% der Models sind eindeutig WASPs. Typical!

Tja und nebenbei scheint es ein Autorensterben zu geben, neben Amos Oz, Mirjam Pressler, Leonie Ossowski, Rosamunde Pilcher (ja, auch sie!) fand ich Mary Olivers Tod besonders traurig. Ach je, ich fürchte um meine beiden steinalten Lieblinge Judith Kerr und Friederike Mayröcker. Die Einschläge kommen näher…Geh über die Brücke, begib dich direkt dorthin, gehe nicht mehr über LOS, ziehe nicht….naja, usw.. Rainy day in winter
Das Wochenende war stürmisch und regenerisch, aber das störte mich nicht.
Am Freitag war ich in Rostock und graste seelig die üblichen Polaroids ab, kuschelte mich dann in eine Caféhausnische mit Kaffee, Suppe und Schreibheft.
Polaroids Feb 2019 Coffee & postcards

Schön wär’s! Aber davon können wir momentan nur träumen.
Schön wär's Sadness

Intermezzo

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Wer mich kennt, weiß, ich liebe die automatischen google-Übersetzungen. Neulich nahm ich mir Teile aus einer New Yorker „missed connections“ Anzeige vor und schmiß den Text in die Google-Maschine.

We stumbled outside into the warm city air and headed towards our separate but nearby hotels. I had found an abandoned but rather perfect bouquet of flowers and presented them to you in a silly, drunken, and romantic gesture. We linked our arms together and bounced down the sidewalk together, we laughed and flirted and found how well our hands felt to hold each other’s hand. We walked hand in hand until we found that small spot on the sidewalk in the midpoint between our hotels, the destination we had been slowly moving towards, the spot where we’d say goodbye.

Das ließ ich erst ins Finnische übersetzen, von da aus ins Dänische, dann ins Portugiesische und wieder ins Deutsche.
Leider ist das Biest besser geworden oder der Text ist zu einfach, bisher jedenfalls kaum Fehler.

Wir strömten in die heiße Luft der Stadt und nahmen uns in getrennte, aber nahe gelegene Hotels. Ich fand einen einsamen, aber perfekten Blumenstrauß und präsentierte ihn in einer dummen, betrunkenen, romantischen Geste. Wir verschränkten die Hände und sprangen gemeinsam den Bürgersteig herunter. Wir lachten und flirteten und entdeckten, wie gut sich die Hände fühlten, wenn sie sich an den Händen hielten. Wir gingen Hand in Hand, bis wir diesen kleinen Ort auf dem Gehweg unseres Hotels fanden, dem Ziel, zu dem wir umgezogen waren, wo wir uns verabschiedeten.

Ok, härtere Bandagen, den deutschen Text erst ins Baskische, von da aus in die Sprache der Maori und dann wieder ins Englische und schließlich zurück ins Deutsche.

Wir gossen es in die heiße Luft der Stadt und es näherte sich unserer Umgebung. Ich fand eine einfache, aber sehr gute Ordnung und war verrückt, verrückt und leidenschaftlich. Wir legen unsere Hände und springen auf die Straße. Wir haben es geworfen und unseren Mord und unsere Hände. Wir gingen nach rechts und fanden diesen kleinen Ort neben unserem Hotel. Wir zogen in die letzte Reihe und kamen an ihm vorbei.

Na, bitte, wer sagt’s denn? Irgendwann schreibe ich mal eine Geschichte und lasse die dann durch ein paar exzentrische Sprachen laufen, denn Sätze wie: „Wir haben es geworfen, unseren Mord und unsere Hände. Wir gingen nach rechts und fanden diesen kleinen Ort neben unserem Hotel. Wir zogen in die letzte Reihe und kamen an ihm vorbei.” kann man sich nicht ausdenken.
Den Titel dafür ziehe ich einfach aus so einer Romantitel-Kreations-Maschine.
Etwa “Doubting the caves“ oder „Honey of the stars“.
Und die Namen dafür kann man sich auch kreieren lassen, etwa:
Percival Mooring
Emmanuel Garcia
Hugh Butler
Francis Stickles
Harriet Covington
Iris Gammons
Martha Greenstreet
Flora Rayfield
Oder mehr Fantasy?
Nelora
Lyniene
Laeroe
Zelasis
Yoraphe
Blyze
Pyroc
Cerulea
Kindra
Und während ich mich frage, wie ich Vorschläge für Ländernamen wie
Sothiarus
Caskoyton
Luplyae
Bruecia
Asharia
Broym pra
in meiner Story unterbringen soll („Es war ein verträumter Sommermorgen auf Broym Pra. Zelasis, der älteste Sohn des Herrschers Pyroc vom Stamme der Asharia (möge sein Name für immer im Buch der Lyniene erscheinen) beobachtete Yoraphe, deren wunderschönes grünes Haar eins wurde mit dem Gras, das jetzt, als sich der Mond in das Zeichen Caskoyon bewegte besonders üppig stand…“usw.), wird mir gleichneben dran ein lebensgroßer Velociraptor angeboten.
Den bring ich auch noch irgendwie rein.
(„Martha Greenstreet ließ das Buch sinken. Yoraphe, am liebsten würde sie die vertraute Freundin warnen, warnen vor Zelasis, dessen Liebe sich schon einmal als falsch erwiesen hatte- oh Kindra! Oh Cerulea! Da hörte sie wieder dieses Pfeifen. Sie spähte durch die muffig riechende Gardinen ihres Jungmädchenzimmers durch das Fenster und sah auf den struppigen Vorgarten von gegenüber. Da stand er wieder, Hugh Butler, der Sohn ihres Geschichtslehrers. Jung, sehnig, hipsterbärtig und sein weißes Iphone leuchtete in der Sonne.Harriet Covington hatte behauptet, er teile sein Bett mit einem lebensgroßen Velociraptor. Bett? Martha fragte sich, woher Harriet das wußte. Aber vielleicht aus seinem Instagram Account. Es war typisch Harriet in den Instagramseiten ihrer Klassenkameraden rumzubrowsen. “ )
Nein, Hugh Butler ist zu konservativ. Klingt zu alt. So heißen Hipster nicht. Jamie Bartlett ist gut oder Erick Allen. Und sie? Kristine Lamb. Kim Beck.

So und nun habe ich vermutlich schon die Hälfte meiner Leserschaft verloren und schmeiße das alles aber doch schnell in den Blog. Pffft. I don’t care. Ich habe Besseres zu tun.
Ich muß schließlich weiter schreiben. Wie ich schon sagte: „Zelasis, der älteste Sohn des Herrschers Pyroc vom Stamme der Asharia beobachtete Yoraphe, als der Mond im Zeichen des puderfarbenen Einhorns stand und wieder einmal der Wind von Blyze aufkam.“
Wind of Blyze…(so auch der Titel)

„Lesen Sie jetzt, LaWendeltreppes zauberhaften Nachfolgeroman, lang ersehnt und tausendfach bereits auf goodreads geliked und geshared!
Nach “Doubting the caves“ und „Honey of the stars“ wird sie auch in „Wind of Blyze“ ihrem Namen als große Autorin von gequirrltem Scheiß wieder gerecht….“

Und Gute Nacht!

Vierter Tag im Februar

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Oha! Da stapelt sich doch ganz schön was zurecht.
Alle meine Handkes Auf dem Bild fehlt noch die „Publikumbeschimpfung“, die kam einen Tag später. Darauf war ich schon seit Jahren neugierig, nun endlich mal (gebraucht) gekauft und sofort fiel mir ein anderes Schätzchen wieder ein. „Fünf Mann Menschen“. Zum Glück gibt es ja im Internet immer alles.

Zu Unrecht vergessen oder vielleicht doch nicht ganz: hier noch das Feature.

„Jetzt wurde mit Collagen gearbeitet!“ sagt jemand im Feature. Und ja, ich glaube, das paßt total in die Zeit, damals. Das war um meine Geburt rum. 1966, Handkes Publikumsbeschimpfung, 1968 Jandl und Mayröckers oben genanntes Hörspiel. Viel wurde experimentiert. Vielleicht hat mich das „nach unten“ gelockt. „FM, komm runter, jetzt wird mit Collagen gearbeitet!“

Frage (an mich selber): Wieso sind eigentlich so viele für mich wichtige (deutschsprachige) Autoren alles Österreicher? Als Kind Christine Nöstlinger. Dann Ernst Jandl, Friederike Mayröcker, Brigitte Schwaiger, Elfriede Jelinek, Peter Handke.

Und sonst? Box
Sitze ich zuweilen mal wieder an Spielereien.
Minibook 1 Minibook 2

Und die Tage werden heller, die Vogelstimmen vielfältiger. Fast möchte man über Schwellen treten, hinein ins Lichtvolle, Warme, Bankzusitzende, Frühblüherbegrüßende, Laueslüftchengenießende.
Statt dessen stehe ich am Fenster, gehüllt in eine Decke, der schneidende Wind dringt hinein, aber ich brauche die Sonne gerade, wenn auch nur kurz, 10 Minuten, die Beine an der warmen Heizung unter dem Fenster, das Gesicht im kühlen Freien, ein braunes Blatt im Wind für einen hüpfenden Vogel haltend, bis tatsächlich einer erscheint, Herr Amsel nämlich. Mit mir scheint‘s vorwurfsvollem Blick. Hast du mein Äpfelchen vergessen? Nein, mein Schatz, nur möchte ich die Ratten nicht füttern.

Und etwas später Pastell am Himmel. Ach schön.

Einunddreißigster Tag im Januar

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Der Moment im Kino, wenn die Trailer (Vorfilme) durch sind und alle gespannt da sitzen und auf den Beginn des Hauptfilmes warten. Ein Moment der Stille. Man hört nichts, nur die Lüftung des Kinos und leise irgendwo von Ferne den Lärm der Stadt. Geborgenheit. Das Samtene der Sitze, nochmal zurecht kuscheln, es geht los…

Es geht los und wir sehen „Yuli“, einen wunderschöner Film, wie gemacht fürs Kino, die grandiose Architektur und die Farben von Havanna, die schönen Menschen, die Fülle. Herrliche Tanzszenen, wundervolle Choreographien, große Emotionen und einen Hauptdarsteller, der sich selber spielt:
Carlos Acosta.
Alles ist traurig, alles ist voller Lachen. Alles ist warm und menschlich und es ist schön, daß das Kino immer so leer ist und ich eine ganze Reihe fast für mich habe.

Der Januar war filmintensiv. Noch drei Filme stachen für mich heraus. Allerdings alle nicht im Kino gesehen.
Einer davon war „Drei Tage in Quiberon“. (Danke, Videbitis!)
Interessant war, daß ich ihn erst abschalten wollte, aber dann entwickelte sich die Figur der Freundin so interessant, daß ich dran blieb. Romy selber (also Marie Bäumer) war ein endloses Leid(en), das schwer zu ertragen war. Unglaublich aber die Ähnlichkeit der Darstellerin zur echten Romy. Sogar die Stimme! Am Ende hatte ich doch das Gefühl, einen guten Film gesehen zu haben. Dazu sehe ich aus irgendeinem Grunde gerne Filme, die in Hotelzimmern spielen. Hotelzimmer sind besondere Orte, sie sind kleine Höhlen in der Fremde, kleine Trutz-und Schutzburgen für gestrandete Seelen.

Ganz anders war der Film „Kindeswohl“, ach wie wundervoll vielversprechend fing er doch an. Zwei meiner Schauspiellieblinge, Stanley Tucci und Emma Thompson als solides Paar mit fantastischer Wohnung, die beide vollkommen überzeugend ein Paar spielen, dessen Ehe zu zerbrechen droht.
Aber dann….wie rutscht der Film doch ab. Am Ende habe ich dazu diese Rezension verfaßt:
Schauspielleistung, Kamera, Ausstattung: Top. Inhalt/Story: lau, lauer, am lausten…Ende: fast schon ein Fremdschämen.
Wie wunderbare wäre das als Serie! Da könnte man (Achtung Spoiler), den langsamen Verfall einer Ehe (mit zwei Schauspielern, die solch eine Entfremdung wirklich bis aufs I-Tüpfelchen glaubwürdig spielen), den Bruch und die vorsichtige Annährung über Folgen hinweg zeigen, ebenso den Alltag einer Familienrichterin, ebenso die großartige Figur des Nigel und sein Verhältnis zur Chefin weiter ausbauen. Und dann wäre „Boy Adam“ nur eine Folge und man könnte sie verzeihen, in ihrem Kitsch und in ihrer Unglaubwürdigkeit. Aber so hat man nur eine Spielfilmlänge und man fragt sich: Was soll das? Alles wirkt gepreßt, konstruiert, gehetzt, unglaubwürdig, bewußt auf die Tränendrüse drückend, einschließlich der Sicht auf ein friedhofseingegrautes London von oben.
Thanks, but no thanks. Das ist so eine Verschwendung von guten Schauspielern, dass es fast weh tut.

Erstaunlich aber, daß man dem Film „Ein Kind zur Zeit“, ebenfalls ein Ian McEwan-Verfilmung, die leichte Kitschigkeit am Ende total nachsieht. Der Film hatte mich von Anfang an und es blieb dabei, ich fand ihn unglaublich berührend. Den Inhalt kann man nicht wiedergeben, nicht mal kurz, sonst verdirbt man die Pointe, nur so viel Benedict Cumberbatch spielt berührend und seelenvoll einen Kinderbuchautoren, dem seine vierjährige Tochter in einem Supermarkt abhanden kommt. Seine Ehe überlebt den Verlust des Kindes nicht. (Wundervoll an seiner Seite: Kelly Mc Donald, die ich schon in „Gosford Park“ herrlich fand mit ihrem niedlichen schottischen Dialekt.)
Ja, ein Weepie wie er im Buche steht. Wie sagte Heinz Erhardt? „Mir wird so wässrig hinter der Brille“. Wässrig? Ich habe ganze Meere geweint…Was auch mal richtig schön war. Dafür guckt man ja schließlich Filme.

Und damit geht der Januar zu Ende. Oh ja, er war lese- und filmintensiv, leider aber sonnenarm. Aber gemütlich. Und überhaupt jeder Wintertag, den wir hinter uns haben, bringt uns ein Stückchen weiter ins Helle.